Displaying Displacement – oder Ausgestellte Verschiebungen/Verlagerungen: Die Tanznacht Berlin Vertigo (Part One)

Mit kleinen und großen Änderungen am ursprünglichen Programm und durch das große Engagement des Festivalteams konnte die Tanznacht Berlin 2020 der Tanzfabrik Berlin eröffnet werden. Installationen, Konzerte und Aufführungen bespielen das Gelände der Uferstudios fünf Tage, bis zum 13. September. Zwischen Mundschutz, vorgegebenen Wegen und Kontingentierung ist das Resultat mehr als herzerwärmend, da wird es einem am Eröffnungsabend fast schwindelig vor Erwartung (auf die Saison 2020/21 der Tanzsparte), wie der Titel des Festivals – “Vertigo” – verspricht.

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Wellen schwärmen

Statt des geplanten Bühnenprogramms gibt es bei Tanz im August dieses Jahr ein Online-Angebot an Gesprächen, Filmen und Soundarbeiten, eine digitale Konferenz und zwei Arbeiten im öffentlichen Raum. Das Medien- und Performance-Kunst-Kollektiv LIGNA lässt die Teilnehmer*innen von „Zerstreuung überall! Ein internationales Radioballett“ mithilfe von akustischen Anweisungen ein zerstreutes Kollektiv praktizieren, das doch ganz unter sich bleibt.

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Der Mensch bleibt dem Menschen ein Wolf

In den Uferstudios übertragen sich Kolonialismus-Klischees in die Jetztzeit

Wann ist ein Mensch normal? Wann ist er anders? Und welche gesellschaftlichen Mechanismen machen ihn andersartig? Diese Fragen stellte sich wohl auch die portugiesische Choreografin Helena Botto, als sie mit dem Performer Marc Philipp Gabriel ihre Performance „Monstrator“ entwickelte. Bei ihrer „Erkundung von Monstrosität“ geht es weniger um klassische Monster, als um Menschen, die sich aufgrund ihrer Körperlichkeit oder ihrer kulturellen Herkunft von einer vorherrschenden Norm unterscheiden und deshalb in Freakshows und kolonialen Völkerschauen (sogenannten Menschenzoos) als Attraktionen ausgestellt wurden.

Das Publikum sitzt vor einer Nebelwand. Helena Botto und Marc Philipp Gabriel treten aus dem hinteren Teil des Zuschauerraums auf die Bühne. Beide sind ganz in weiß gekleidet. Sie tragen weiße Perücken und haben ihre Gesichter weiß geschminkt. Wie zwei höfische Wiedergängermimen, lachen sie hämisch und mit verzerrten Stimmen in ihre Mikros. Das animiert mehr zum schelmischen Mitlachen als zum Gruseln und wird einen Moment zu lang ausgekostet. Schnell entpuppen sich die zwei durchgeknallten Freaks als die bizarren Showmaster des Abends, die mechanisch wie Aufziehpuppen (Marke siamesischer Zwilling) den Satz „I am here to entertain you“ wiederholen.

Unterhaltsam ist das ca. einstündige Programm tatsächlich, aber eben auch recht vorhersehbar und zuweilen grenzwertig. So verleiben sich die beiden Performer*innen gleich zu Anfang des Stücks in einer Art Kampf der Kolosse mit kraftstrotzendem Eroberer-Gehabe eine Weltkarte aus Tierfellen ein. Glieder schwellen an geschlechtsrelevanten Körperstellen an und auch der Rest der Körper wird Fell unter Stoff langsam aber sicher deformiert. Wird hier eine Persiflage auf machtgierige Kolonialherren gezeigt oder einfach nur ein Klischee zur Schau getragen?! Der dramaturgische Übergang zurück zur Freakshow jedenfalls ist gesichert. Doch wenn Botto und Gabriel allzu unbedarft als Imitator*innen behinderter Menschen agieren und sich mit witzig gemeinter, aber nicht ganz so lustig rüberkommender Gruselgebärde einen Freiwilligen einfordern („Just kidding“), dann ist das Anliegen einer kritischen Hinterfragung des theatralen Apparats Freakshow (trotz insgesamt beeindruckender Körperbeherrschung) zumindest in diesem Punkt verfehlt.

Origineller, und da lässt sich auch technisch Gefallen daran finden, zeigt sich ein persiflierender Ausflug zur Spezies Jetztzeit-Mensch. Eine Videoprojektion zaubert den in Achtzigerjahre-Zebra-Look gekleideten Gabriel in ein filmisches schwarz-weißes Zoogehege mit Draufblick. Verschlafen und unmotiviert sitzt das Abbild eines Hipsters auf einem kleinen Hocker und markiert sich selbst als Anti-Attraktion. Der erwartungsgemäße Umkehrschluss von Zuschaugestellten und Zuschauern folgt auf dem Fuße, als das Publikum plötzlich im Hellen sitzt und von den Performer*innen höhnisch beäugt wird. Durch das insgesamt sehr verallgemeinernde Spiel um Neugier, Schrecken, Ekel und Sensation webt sich die Weltkarte als roter Faden — als Eroberungsfetisch aus Fell, filmisch in Flammen gesetzt durch eine über sie hinwegrudernde Origamitrickfigur und auf einem silbernen Tablett präsentiert, als Mousse-au-Chocolat-Vorlage für zwei gierig schlingende Adelige. Der gesellschaftliche Abstand der zwischen der heutigen Welt und kolonialen Zeiten liegt, wird nicht markiert. Die globalen Macht-Mechanismen, die eine Zuschreibung des vermeintlich Fremden ermöglichen, sind — zumindest in „Monstrator“ — dieselben geblieben. Da hilft wohl auch kein (dröhnend verzerrter) Fado-Gesang mehr!