ElseWhere Rhapsody, Jen Rosenblit ©Simon Courchel

Die Anziehungskraft des Anderswo oder Ein Ort der Gegensätze

Die Performancereihe Fold (Tanzfabrik) zeigt ElseWhere Rhapsody vom 29. Februar bis 3. März 2024 in den Uferstudios. Performance-Macher*in Jen Rosenblit nimmt das Publikum mit auf eine eklektische Untersuchungsreise queeren Begehrens. Durch Poesie, Gesang, Erotik, Linedance und Utopie entsteht eine Collage, irgendwo zwischen zarter Intimität und reizüberflutendem Spektakel.

Eine Masse an Eindrücken prallt an diesem Abend auf mich ein und schnell wird mir bewusst, dass ich diesem Werk nicht mit nur meinen eigenen Worten entgegnen kann. Und so schneide ich mir eine Scheibe Kollektivität von Jen Rosenblit und Team ab und bitte Künstlerin Therese Bendjus, die am Premierenabend ganz am anderen Ende des Bühnenraums sitzt, um ihre Gedanken (rechtsbündig im Text).

„Ich brauche niemand anderes / Ich dachte, dass ich das vielleicht irgendwann mit jemand anderem machen könnte / Ich dachte / dieses Mal / vielleicht mit jemand anderem“
(Textbeilage zum Stück von Jen Rosenblit, S.9)

Der erste Blick ins Studio 14 offenbart eine Western-Country-Atmosphäre. In der Mitte ein großer Heuballen; Colin Self (Schauspiel & Monolog) in Cowboyhut und ärmellosem Shirt als freundliche*r Türsteher*in; eine Widmung an „die Königin Freddy Mercury“. Am Bühnenrand steht Jen Rosenblit im Meshtop und Cowboyboots: „Wenn man versucht, besser zu werden, so lese ich, muss man als Erstes einen deutlichen Umkreis um sich selbst ziehen. Grenzen klären.“ (ebd. S.6) Im Hintergrund kehren Li Tavor (Liedkomposition & Performance) und Gérald Kurdian (Sounddesign & Performance) einen Erdhaufen zu einer halbkreisförmigen Bühnenabgrenzung. Der Rahmen der Performance wird abgesteckt und das Gefühl vermittelt, auf das, was in den nächsten fast 90 Minuten alles passiert, vorbereitet zu sein.

Immer wieder verschwimmen die Tätigkeitsfelder der Anwesenden, die Bastion der Technik und des Sounds – so klar isoliert hinter einer Mauer aus Leuchtröhren – löst sich. Reiht sich unter die Singenden, Performenden. Mal im Zentrum, mal hinter, zwischen den Zuschauenden.
Während das Team sich immer wieder ausbreitet, stellt sich mir die Frage, ob die Grenzen des Zusammenseins auch vom Publikum durchdrungen werden können? Mehrere Situationen lassen in mir als Beobachterin die Erwartung und den Wunsch nach Verantwortung in diesem Spiel um eine Welt des eigenen Begehrens und sich Auslebens aufflammen. Wir bekommen Wackelpudding von Colin Selfs Po angeboten, halten eine Weile weiße Schilder in der Hand, die unbenutzt wieder zurückgenommen werden, erinnern Kapitel für Performende, die sehr genau zu wissen scheinen, wo sie an diesem Abend hinwollen. Eine Erwartung, Teil der sich vor uns ausbreitenden Fantasie von ElseWhere (deutsch: Anderswo) zu werden, die nicht erfüllt wird.

In der Liegestützposition hängt oder schwebt oder stockt Jen Rosenblit über einem Buttplug. Die Anziehungskraft ist vermeintlich so stark wie die Gravitationskraft selbst, bevor der Gummistöpsel  weggeworfen wird und wie ein Flummi vom Boden abprallt. Doch irgendwas zieht den Körper wieder in die Richtung des abgeworfenen Objekts. Es entsteht ein Kreis(lauf) von Anziehung und Abstoßung, als würden die Pole des Magneten ständig ihre Orientierung ändern. Momente stechen für mich heraus, die zart und intim erscheinen und neben der lauten, schrillen Show fast im Hintergrund verschwinden. So zum Beispiel eine Szene, in der Gérald Kurdian, vor einer imaginären Töpferscheibe sitzend, mit Geduld und Präzision eine Vase formt. Oder das Strohhalmschlürfen aus den nur noch mit Eiswürfeln gefüllten Plastikbechern, das so an das Gefühl des Nicht-enden-wollens einer dringenden Erfrischung erinnert. „Das Begehren ist nicht nur ein erotisches, sondern knapp gefasst alles, was wir wollen, aber niemals (gänzlich) haben können.“ (Begehren als queeres Phänomen – Eine autoethnografische Erkundung. Eleonora Ciani & Marcus Fassl)

ElseWhere Rhapsody ist ein Abend der Gegensätze, die alle zusammen an einem Ort existieren wollen. Etwas Natur, Strohballen, Erde treffen auf ein regenbogenfarbenes Rad aus Scheinwerfern, orange Götterspeise und blaues Latex. Vorprogrammierte Scheinwerfer treffen auf händisch geführte Spots (Lichtdesign: Joseph Wegmann). Und so widersprüchlich die Vorstellungen von diesem Ort Anderswo auch sind – sie werden realisiert und füllen für einen Augenblick eine Welt, unstet – in immerwährendem Potenzial, sich neu zu erfinden.


ElseWhere Rhapsody von Jen Rosenblit wird im Rahmen der Performancereihe Fold (Tanzfabrik Berlin) vom 29. Februar bis 3. März 2024 in den Uferstudios gezeigt. Tickets