Was uns bewegt

Beim ersten Gastspiel, das im Rahmen des Projekts „explore dance – Netzwerk Tanz für junges Publikum“ an der fabrik Potsdam gezeigt wird, juckt es einen nicht nur in den Fußspitzen: Antje Pfundtner (aka Antje Pfundtner in Gesellschaft) und ihr Team greifen in „Für mich“ Fragen auf, die Jugendliche beschäftigen. Eine altersunabhängige Reflektion über Übergangsphasen, die eigenen Grenzen sowie das Medium Tanz.

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Ich stehe auf dem Kaisersteg in Oberschöneweide und blicke in Richtung Zukunft …

Mit “Projecting [Space[“, ihrem 2017 im Rahmen der Ruhrtriennale gezeigten Entwurf eines zukünftigen Zusammenlebens kampiert die in Brüssel und Berlin arbeitende Choreografin Meg Stuart noch bis Anfang Oktober in den Reinbeckhallen, einer heutigen Eventlocation und einstigen Transformatorenhalle im ehemaligen Fabrikquartier Oberschöneweide. Zukunft und Gegenwart liegen in der Berliner Version des Stücks dicht beieinander.

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Mit der Zeit tanzen

Bühnentänzer*innen über Vierzig gehören im Allgemeinen, pardon, zum alten Eisen. Dass das Tanzen jenseits der magischen Altersgrenze eine Anti-Aging-Strategie sein kann, zeigten Jeremy Nelson und Luis Lara Malvacías vergangenes Wochenende bei ihrem Showing “F” & “G” im Radialsystem

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Aufgesetzte Natürlichkeit

An den Übergängen von Körper und Artefakt hält sich die Ausstellungs-Performance “Hollow Matters” von Antoine Carle auf. Die Arbeit des französischen Tänzers, Improvisationskünstlers und Performers war vergangenes Wochenende im Rahmen der Abschlussarbeiten im Masterstudiengang Choreografie am Hochschulübergreifenden Zentrum für Tanz zu sehen.

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Am Puls der Natur

Die Natur auf die Bühne zu holen, ist ein Trend im zeitgenössischen Tanz. Angela Schubot und Jared Gradinger choreografieren mit ihrem Trilogie-Auftakt “Yew” im HAU eine posthumanistisch angehauchte Mensch-Pflanzen-Interaktion, die zum Verweilen einlädt. Sie nennen das einen “Garten ohne Erde”. Zwischen Bio-Emissions-Übertragung und getanzter Naturliebeslyrik.

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Abstrahiertes Trauern

Saori Hala gedenkt auf dem SODA WORKS Festival am HZT mit “Da Dad Dada” eines Musical-Tänzers aus dem Japan der 1960er Jahre, der auch ihr Vater war. Eine irritierende wie gelungene Abschlussarbeit, die Konzepttanz mit Musical und den Eigenheiten der japanischen (Trauer-)Kultur kombiniert.

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Flucht nach vorn

”Come as you are” sang Kurt Cobain Anfang der neunziger Jahre auf seinem Album ”Nevermind”. Der undurchsichtige Song erinnert — so eine Interpretation — an ein Hotel in Cobains Heimatstadt Aberdeen (Washington), das mit besagtem Motto warb und dem damals noch jugendlichen Vorzeige-Versager Unterschlupf bot. ”Come as you are # Berlin” heißt das neue Projekt von Nir de Volff/Total Brutal, das der seit 2003 in Berlin lebende Israeli mit drei geflüchteten syrischen Tänzern erarbeitet hat.
Die künstlerische Unterkunft für Amr Karkout, Medhat Aldaabal und Moufak Aldoabl ist an diesem Abend das Dock 11 in Berlin Prenzlauer Berg. Jene Gastinstitution also, bei der de Volff zu Beginn seiner Karriere als Artist in Residence „ein warmes Plätzchen“ fand.

Nir de Volff feiert zehn Jahre TOTAL BRUTAL mit einer humorvollen und offensiven Produktion für drei syrische Tänzer.

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Der Mensch bleibt dem Menschen ein Wolf

In den Uferstudios übertragen sich Kolonialismus-Klischees in die Jetztzeit

Wann ist ein Mensch normal? Wann ist er anders? Und welche gesellschaftlichen Mechanismen machen ihn andersartig? Diese Fragen stellte sich wohl auch die portugiesische Choreografin Helena Botto, als sie mit dem Performer Marc Philipp Gabriel ihre Performance „Monstrator“ entwickelte. Bei ihrer „Erkundung von Monstrosität“ geht es weniger um klassische Monster, als um Menschen, die sich aufgrund ihrer Körperlichkeit oder ihrer kulturellen Herkunft von einer vorherrschenden Norm unterscheiden und deshalb in Freakshows und kolonialen Völkerschauen (sogenannten Menschenzoos) als Attraktionen ausgestellt wurden.

Das Publikum sitzt vor einer Nebelwand. Helena Botto und Marc Philipp Gabriel treten aus dem hinteren Teil des Zuschauerraums auf die Bühne. Beide sind ganz in weiß gekleidet. Sie tragen weiße Perücken und haben ihre Gesichter weiß geschminkt. Wie zwei höfische Wiedergängermimen, lachen sie hämisch und mit verzerrten Stimmen in ihre Mikros. Das animiert mehr zum schelmischen Mitlachen als zum Gruseln und wird einen Moment zu lang ausgekostet. Schnell entpuppen sich die zwei durchgeknallten Freaks als die bizarren Showmaster des Abends, die mechanisch wie Aufziehpuppen (Marke siamesischer Zwilling) den Satz „I am here to entertain you“ wiederholen.

Unterhaltsam ist das ca. einstündige Programm tatsächlich, aber eben auch recht vorhersehbar und zuweilen grenzwertig. So verleiben sich die beiden Performer*innen gleich zu Anfang des Stücks in einer Art Kampf der Kolosse mit kraftstrotzendem Eroberer-Gehabe eine Weltkarte aus Tierfellen ein. Glieder schwellen an geschlechtsrelevanten Körperstellen an und auch der Rest der Körper wird Fell unter Stoff langsam aber sicher deformiert. Wird hier eine Persiflage auf machtgierige Kolonialherren gezeigt oder einfach nur ein Klischee zur Schau getragen?! Der dramaturgische Übergang zurück zur Freakshow jedenfalls ist gesichert. Doch wenn Botto und Gabriel allzu unbedarft als Imitator*innen behinderter Menschen agieren und sich mit witzig gemeinter, aber nicht ganz so lustig rüberkommender Gruselgebärde einen Freiwilligen einfordern („Just kidding“), dann ist das Anliegen einer kritischen Hinterfragung des theatralen Apparats Freakshow (trotz insgesamt beeindruckender Körperbeherrschung) zumindest in diesem Punkt verfehlt.

Origineller, und da lässt sich auch technisch Gefallen daran finden, zeigt sich ein persiflierender Ausflug zur Spezies Jetztzeit-Mensch. Eine Videoprojektion zaubert den in Achtzigerjahre-Zebra-Look gekleideten Gabriel in ein filmisches schwarz-weißes Zoogehege mit Draufblick. Verschlafen und unmotiviert sitzt das Abbild eines Hipsters auf einem kleinen Hocker und markiert sich selbst als Anti-Attraktion. Der erwartungsgemäße Umkehrschluss von Zuschaugestellten und Zuschauern folgt auf dem Fuße, als das Publikum plötzlich im Hellen sitzt und von den Performer*innen höhnisch beäugt wird. Durch das insgesamt sehr verallgemeinernde Spiel um Neugier, Schrecken, Ekel und Sensation webt sich die Weltkarte als roter Faden — als Eroberungsfetisch aus Fell, filmisch in Flammen gesetzt durch eine über sie hinwegrudernde Origamitrickfigur und auf einem silbernen Tablett präsentiert, als Mousse-au-Chocolat-Vorlage für zwei gierig schlingende Adelige. Der gesellschaftliche Abstand der zwischen der heutigen Welt und kolonialen Zeiten liegt, wird nicht markiert. Die globalen Macht-Mechanismen, die eine Zuschreibung des vermeintlich Fremden ermöglichen, sind — zumindest in „Monstrator“ — dieselben geblieben. Da hilft wohl auch kein (dröhnend verzerrter) Fado-Gesang mehr!