„come as you are“ Nir de Volff, (c) bernhard_musil

Flucht nach vorn

”Come as you are” sang Kurt Cobain Anfang der neunziger Jahre auf seinem Album ”Nevermind”. Der undurchsichtige Song erinnert — so eine Interpretation — an ein Hotel in Cobains Heimatstadt Aberdeen (Washington), das mit besagtem Motto warb und dem damals noch jugendlichen Vorzeige-Versager Unterschlupf bot. ”Come as you are # Berlin” heißt das neue Projekt von Nir de Volff/Total Brutal, das der seit 2003 in Berlin lebende Israeli mit drei geflüchteten syrischen Tänzern erarbeitet hat.
Die künstlerische Unterkunft für Amr Karkout, Medhat Aldaabal und Moufak Aldoabl ist an diesem Abend das Dock 11 in Berlin Prenzlauer Berg. Jene Gastinstitution also, bei der de Volff zu Beginn seiner Karriere als Artist in Residence „ein warmes Plätzchen“ fand.

Nir de Volff feiert zehn Jahre TOTAL BRUTAL mit einer humorvollen und offensiven Produktion für drei syrische Tänzer.

„744 Tage“ ist Medhat Aldaabal bereits in der „besten Stadt Europas“, alias „der Welt“. Doch sein Sehnsuchtsort, so erzählt der 24-Jährige, entpuppte sich erst einmal als Enttäuschung. Seine Idee vom Tanz als Universalsprache ging in der Praxis nicht auf. Von Konzepttanz hatte er keine Ahnung (— „What the fuck is concept?!“). Von Folklore und Ballett hingegen viel. „Zeit“ ist vielleicht auch gerade deshalb sein Schlüsselwort geworden. Zeit, klar, um die Kriegs- und Fluchterfahrungen zu verarbeiten. Zeit, aber eben auch, um in der neuen Tanzcommunity anzukommen und sich etwas Neues aufzubauen, ohne die eigenen künstlerischen Wurzeln zu verlieren. Auch, wenn manches nicht so schnell geht, wie er es sich wünscht, hat Aldaabal den Willen, es zu schaffen — ”I reeeealllllly want it” ruft er mit schrill vibrierender Zaghrouta-Gesangstechnik ins Publikum. Sein Solo verbindet, Arme und Oberkörper betonend, (achtziger Jahre Disko-) Freestyle mit Elementen aus dem traditionellen arabischen Tanz und bewegt sich zwischen inbrünstig-introvertierter Selbstbezogenheit und expressiv emotionalem Befreiungsschlag. Dazu läuft der Radiohead-Song „Karma Police“ im Cover von Shefita, dem orientalischen Alterego der israelischen Singer- und Songwriterin Rotem Shefy — eine witzige feministisch-aufrührerische Variante des Originals, in dem der in der Songzeile ”I lost myself” markierte Kontrollverlust eine lebensbejahende Wende nimmt.

Auch Amr Karkout (32) und Moufak Aldoabal (23) studierten wie Medhat Aldaabal am Higher Institute for Dramatic Arts in Damaskus Tanz. Und auch sie beschreiben humorvoll befremdet ihre Erfahrungen mit der Berliner Tanzszene, die so ganz anders ist als in ihrer Heimatstadt. Dass Tänzer*innen nackt auftreten und sich dabei auch noch berühren etwa, sei in Syrien nicht denkbar. Inspiriert von John Lennons ”Imagine” erzählen die drei Tänzer von ihren unerfüllten Wünschen, die sich im Laufe des Stücks ihres Kriegs- und Fluchterfahrungsballasts entledigen und als große Zukunftsvisionen im Raum schweben — Choreograf am Maxim Gorki-Theater sein, in Miami leben, ein Trump, der bereits der Vergangenheit angehört. Auch wenn ihre Begeisterung für Berlin zuweilen etwas an Übergewicht gewinnt, wissen die drei genau, wofür es sich zu sterben und zu leben lohnt. Tanz gilt in Syrien als un-männlich und feminin und wird mehr als Hobby denn als Beruf wahrgenommen.

De Volff fehlt es nicht am nötigen Ernst, um Karkout, Aldaabal und Aldoabl auch in all ihrer Verletzlichkeit zu zeigen. Zu Avo Pärts „Spiegel im Spiegel“-Stück tanzen die eben noch voller abrupter Energie steckenden Männer Hand in Hand einen friedlichen Reigen. Nach und nach, wie aus der Ferne herannahend, wird die melancholische Melodie für Klavier und Violine von arabischer Folkloremusik durchmischt. Was dann folgt, ist das wohl stärkste Bild des Abends. Mit zu Krallen geformten zitternden Händen stehen die drei Tänzer in einer Reihe frontal zum Publikum. Ihre Körper werden wie im Zeitraffer von Bildern der Angst und des Schreckens durchzuckt, bis sie wie an imaginären Gitterstäben herabrutschen und auf die Knie sinken. Auch gerade weil die Haltung an diesem Abend in erster Linie keine rückwärtsgewandte, sondern eine offensiv und optimistisch in die Zukunft weisende ist, bleibt diese Szene wohl so in Erinnerung.
Wenn Mehat Aldaabal, Moufak Aldoabl und Amr Karkout am Ende dieses beeindruckend aufrichtigen und ungeschönten Work In Progress-Stücks, wie zu dessen Beginn, vor dem Publikum stehen und sich nochmals vorstellen, dann lassen sie sich auf keine Rolle mehr reduzieren — nicht auf die der Bauchtänzer aus „Tausendundeiner Nacht“, nicht auf die ewig jungen Pessimisten der Generation X und schon recht nicht auf die der Flüchtlinge. As a dancer, as a friend, take your time, the choice is yours, create new memoria!