„DINGE DINGEN“, Jan Rozman und Julia Keren Turbahn ©Nada Žgank

Alle guten Dinge sind frei

Zur Eröffnung des internationalen Lab „Working together – working apart“, das die Praxis performativer Formate nach den Lockdowns neu erprobt, wurde im FELD Theater für junges Publikum am 30. August 2021 ein Screening der philosophischen Tanzperformance „DINGE DINGEN“ gezeigt. In ihrer filmischen Adaption entspinnen Jan Rozman und Julia Keren Turbahn sieben Wahrnehmungs-Universen der besonderen Art. Am 2. September wird das Screening open air wiederholt. Ein Stück für alle Kinder und Erwachsenen, die auch als Zuschauende gerne ihr eigenes Ding machen.

Wozu braucht der Mensch Dinge? Und wie sähe die Welt wohl aus, wären diese plötzlich alle verschwunden? Woraus trinken, worauf sitzen und womit saubermachen ohne das entsprechende Geschirr, Mobiliar etc.? Dinge aber gibt es auf der Welt mehr als genug. Sollten Menschen trotzdem im selben Maß weiterproduzieren und -konsumieren? Oder lieber, mit dem, was schon da ist, Neues und Anderes schaffen? Vermutlich kommt es darauf an, wie gut man „dingen“ kann. 

Was es mit diesem seltsamen Tuwort auf sich hat, erproben Jan Rozman und Julia Keren Turbahn in ihrem Stück gleich sieben Mal. Es ist die Freude am bewegten Umdenken, am körperlichen Befragen und Bestaunen der uns umgebenden (Ding-)Welt, die ihre quirlige Choreografie – jenseits einer zielgerichteten Suche nach allgemeingültigen Antworten und passenden Lösungen – mit Grundwerten der Philosophie verknüpft und die sie für Kinder wie Erwachsene so unwiderstehlich wie vergnüglich macht. 

Gähnende Leere schlägt dem Publikum zunächst einmal aus dem in zurückhaltendem Grau ausgelegten Bühnenraum entgegen. In dieses symbolische Nichts installieren die beiden Performer*innen alsbald mit wirbelnder Geschäftigkeit ein chaotisch anmutendes Ensemble aus realen sowie imaginären (Alltags-)Gegenständen. Jan Rozman etwa, der beständig hinter einem Vorhang verschwindet und wieder auftaucht, fährt einen Hakenporsche herein, stellt eine Plastikflasche ab und lässt eine Yogamatte aus dem Off auf die Bühne rollen. Parallel dazu performt Julia Keren Turbahn mit ambitionierter Gesprächigkeit die Schwierigkeit, Dinge mit Sprache zu erfassen. Dabei ringt sie mit Worten wie mit Bewegungen, verheddert sich gekonnt in Beschreibungen von Material, Farbe, Form und Größe. Doch das Ding als Ganzes will sich nicht offenbaren, entzieht sich den menschlichen Ausdrucksmöglichkeiten und bleibt somit ein Puzzle aus einzelnen, erdachten Seherfahrungs-Elementen. 

Jeweils eingeleitet durch ein Tippen auf eine Rezeptionsklingel, folgen sechs weitere Kapitel, in denen Dinge in Bewegung geraten. Ganzkörperlich forschend etwa erkundet Julia Keren Turbahn im Duett mit einem weißen Plastik-Gartenstuhl dessen Form, schlängelt sich mit akrobatischer Gelenkigkeit durch dessen Lehnen hindurch wie durch einen engen Schlauch oder integriert diesen in eine Rückwärtsrolle, um ihn schlussendlich wie einen federleichten Rucksack auf ihren Schultern zu tragen. Mit dem plastischen Erkunden des Stuhls und seines Negativraums informiert sich Julia Keren Turbahn über dessen Beschaffenheit. Gleichzeitig lenkt, beschränkt und erweitert er auch den Bewegungsspielraum der Performerin.

Auch für die immateriellen Dinge ist in „DINGE DINGEN“ Platz – denn „Ding“, so scheinen die Choreograf*innen hier sagen zu wollen, ist ein weiter Begriff. So wird in Kapitel Fünf „Das Ding mit den Gefühlen“ verhandelt. Und es stellt sich heraus, dass diese sich nur schwer mit Worten beschreiben lassen. Als Jan Rozman und Julia Keren Turbahn aber, unter zunehmender Spannung, ein Gummiband zwischen sich aufspannen, ist die Atmosphäre zwischen den beiden, mitgefühlt, ziemlich klar. Gekonnt ist damit auch der dramaturgische Bogen zum Menschen als treibende Kraft, Akteur und Täter geschlagen. Wenn Rozman, nachdem er Turbahn ins Bühnenabseits hat flitschen lassen, in Kapuzencape und geduckter Haltung alle noch im Raum befindlichen Gegenstände zusammensammelt und in den gummierten Bühnenteppich hüllt, ist das Verhältnis von Mensch und Natur so deutlich angekratzt wie angesprochen.

Was bleibt ist der große Knall, Flucht und Neubesiedlung. Der symbolische, soeben eigenhändig kreierte Müllberg wird Requisite in einem Science-Fiction-Tanz animierter Dinge, bei dem kein humaner Performer mehr zu sehen ist. Aber nichts ist wie es scheint und so erweist sich die höhlendunkle Schluss-Szene als choreografischer Schwenk in die antike Philosophie: Schatten von Gegenständen fallen in Menschenhöhe an Vorhangwände. Julia Keren Turbahn nähert sich ihnen an und schlüpft hindurch.

Können wir hinter die Dinge schauen? In welchem Licht wollen wir sie betrachten, in welches Verhältnis uns zu ihnen setzen? „Dingfest“ wird in „DINGE DINGEN“ eindeutig nichts gemacht, Möglichkeit geboten, um einen freieren Zugang zu den Dingen zu bekommen, hingegen viel.


„DINGE DINGEN“ von Jan Rozman & Julia Keren Turbahn ist als Open-Air-Screening nochmals am morgigen Donnerstag, 2.9.2021 um 18:00 Uhr im FELD Theater für junges Publikum zu sehen (ab 6 Jahren, Dauer: 55 Minuten).


Das internationale LAB „Working together – working apart“ findet vom 30.8.-5.9.2021 statt. Im Programm u.a. „STREIT_FELDER #4“ am 3.9.2021: Seppe Baeyens, Gabriele Reuter, Christoph Lutz-Scheurle diskutieren darüber, wie wir nach der Pandemie arbeiten werden. Der Eintritt zu den öffentlich zugänglichen Veranstaltungen ist frei, um vorherige Reservierung wird gebeten. Das Programm des LABs und weitere Infos finden sich auf der Webseite des FELD Theater für junges Publikum.