Showroomdummies #4, eine Inszenierung von Gisèle Vienne und Étienne Bideau-Rey, feierte am 5. Dezember 2025 im Haus der Berliner Festspiele Deutschlandpremiere. Das Stück hinterfragt auf verstörende Weise das Klischeebild der Frau aus Ostasien.
Grelles Licht erhellt die Bühne. Auch der Boden ist weiß. Alles wirkt makellos, sauber, rein. Im Raum verteilt stehen schwarze Stühle. Auf ihnen drapiert sind Schaufensterpuppen: Weiblich geformte Körper, überwiegend unbekleidet, die Haare über ihre Gesichter fallend. Showroomdummies sind Geschöpfe unserer Fantasie, Projektionen idealisierter, perfekt proportionierter Gestalten. Echten – menschlichen – Körpern ähneln sie nur selten.
Auch die sechs Perfomerinnen scheinen „Puppen“ in einem Verkaufsraum zu sein, ausgestellt für das Publikum. Ich beobachte sie, wie sie mühelos auf hohen Absätzen balancieren, die Beine glattrasiert, die schmalen Taillen betont durch sorgsam in schwarze Röckchen gestopfte weiße Blusen. Ihre Lippen sind rot geschminkt, und rot lackiert sind ihre Nägel. Ich sehe frische, gebügelte Shirts und seidiges Haar.
In ihrer überbetont weiblichen, grazil-graziösen, sexualisierten Gegenwart steigt Unbehagen in mir auf. Auch ich komme aus Ostasien, auch ich werde als Frau gelesen. Die meist weiß-zentrierte Gesellschaft, in der ich lebe, kategorisiert – und fetischisiert – mich permanent als „Asian girl.“ Die performenden Schönheiten auf der Bühne provozieren Kommentare und Projektionen, Erwartungen, Fantasievorstellungen von der „typischen Asiatin“, als die man mich seit Jahren wahrnimmt. Die scheinbare Verstärkung des Klischees von asiatischen Frauen für ein mehrheitlich weißes Publikum ärgert mich maßlos: Wie gern würde ich meine Wut herausschreien und um mich schlagen!
Die Atmosphäre ist spannungsgeladen: langsame Bewegungen, abrupte Wendungen, auf die langer Stillstand folgt, dröhnende Elektrobeats, die Angst machen. Die Darstellerinnen auf der Bühne beobachten sich genau. Sie agieren miteinander, auf geradezu grobe Weise: Sie tragen sich gegenseitig, sie werfen und schubsen sich, zerren einander herum. Niemand wehrt sich. Getanzte Soli liefern das Echo dieser krassen Manipulationen, als quasi körperliche Reminiszenz.
Alle scheinen gereizt, unter Strom, nervös, doch der Zusammenbruch bleibt aus. In der kollektiven Nervosität offenbaren sich mir unterdrückte Gefühle, die unter der Oberfläche schwelen, ohne dass sich ein Kontrollverlust abzeichnen würde. An der Bürde der stereotypen Vorstellung von der „Vorzeigeminderheit“, als welche Immigrant*innen aus Asien gern gesehen werden, tragen besonders schwer wir weiblich gelesenen Menschen; von uns erwarten sie Ruhe, Gelassenheit und Gehorsam. Derweil ersticke ich, die Zeugin dieser Selbstbeherrschung auf der Bühne, fast an den Erinnerungen, am Druck, den ich so gut kenne: Du musst immer lächeln, selbst wenn du dich nicht danach fühlst oder wütend bist.
Eine Performerin ragt aus der Menge. Gekleidet in einen gelben Oversize-Pulli steht sie da, größer als der Rest. Ihr fehlt die mühelose Grazie, die die anderen so „natürlich“ zu besitzen scheinen. Welche Rolle spielt sie wohl? – frage ich mich. Am Ende der Performance bekomme ich eine Antwort. In ihrer Choreografie unterscheidet sie sich nicht von den übrigen Performerinnen, doch sie ist die Einzige, die von Zeit zu Zeit lächelt. Alle anderen blicken ernst. Unverwandt. Zuletzt verschüttet sie eine schwarze, klebrige Flüssigkeit, gefährlich nahe am blütenweißen Shirt einer anderen, auf dem Boden liegenden Darstellerin, jedoch ohne auf dem Stoff Flecken zu hinterlassen. Alles bleibt sauber.
In der Schlussszene sehen wir drei Performerinnen mit weißen, fake-lächelnden Masken. Eine von ihnen trägt eine blonde Langhaarperücke. Beim Verlassen des Theaters belausche ich zwei weiße Zuschauer*innen im Gespräch über das Stück. Es fallen die Worte „emotional“ und „verletzlich“, und ich frage mich, wessen Emotion und Verletzlichkeit hier wem zum abendlichen Konsum präsentiert wurde.