"Auf meinen Schultern", Raphael Hillebrand © Zé de Paiva
„Auf meinen Schultern“, Raphael Hillebrand © Zé de Paiva

Wo kommst du her?

In „Auf meinen Schultern“, das am Ballhaus Naunynstrasse Premiere hat, erzählt Raphael Hillebrand mittels Spoken Word, Tanz, Sound und Video die Navigationsgeschichte seines brutalen Ausgeschlossenseins von der Gesellschaft.

Beginnen wir mit einer Frage: Wo kommst du her? 

Als kleiner Junge, der in Hong Kong geboren wurde und in Berlin aufwuchs, läuft Raphael Hillebrand in eine Bäckerei. Der weiße Besitzer fragt: „Oh, süßer schwarzer Junge, wo kommst du her?“ Hillebrand antwortet: „Ich bin Chinese!“ Pause. 

„Wo kommst du her?“ ist eine Frage, die häufig jemandes wahrnehmbares Anderssein markiert – jemandes Nicht-Dazugehören – zu einer Gesellschaft. Es ist eine Frage, die Hillebrand während seines Aufwachsens als schwarze, in Europa lebende Person verfolgt und ärgert („das N-Wort“, wie er es nennt). Als „asiatisches Mädchen“, das in Europa lebt, kommt mir das sehr bekannt vor und ich werde hellhörig. Ich war fest entschlossen, das „M-Wort“ hinter mir zu lassen, seit langem, aber es scheint unermüdlich anzuhaften. Raumpolitiken. ‚Mädchen‘ nimmt sich weniger Raum als ‚Frau‘, ‚Frau‘ weniger als ‚Mann‘. Asiatisch, schwarz oder ähnliche Adjektive bedeuten weniger sich zu nehmenden Raum als wenn man einfach nur eine Person, ein Mensch wäre. In seiner Performance navigiert Hillebrand auf der Suche nach Raum, und um diesen einzunehmen – in einer Gesellschaft, die ihn in ihrer Ökonomie des Raums nicht beachtet.

Sein skulpturenhaft geformter Körper bewegt sich nahtlos durch den Raum. Auf diesem engen Raum hören wir deutlich den Klang seines Atemgerüsts. Die veredelte Kraft und Anmut in seinen Bewegungen legt die Verletzlichkeit unter seiner Haut frei. Er bewegt sich weich und schnell, zu Boden und von ihm weg, was seine Fähigkeit zeigt, sich graziös mit der Schwerkraft zu bewegen, die er mit Rassismus vergleicht. „Rassismus ist wie Schwerkraft“, sagt er. „Allgegenwärtig.“ Das, obwohl, sagt Hillebrand, er auf 1,79 m gegen die Schwerkraft heranwuchs, und er streckt seinen Arm über seinen Kopf, die Hand zur Faust geballt, und erklärt, dass er auf über zwei Meter gegen die Schwerkraft des weißen Patriarchats heranwuchs. Ich werde Zeugin einer sich bewegenden Fluidität in seinem Tanz, buchstäblich wie metaphorisch, die Raum und Präsenz einfordert. 

Dieser Körper, der sprachliche Gewalt durchlebt hat, ist noch ehrlicher und direkter als seine lebhaften Gesichtsausdrücke, seine kunstvolle Art zu reden, die cleveren und manchmal originellen Techniken auf der Videoleinwand, und sogar als der wundervolle Cellosolist, der ihn durch das Stück hindurch begleitet. „Wenn jemand rassistische Bemerkungen macht“, sagt er, „geht dies in Haut und Knochen.“ Während seines ausgefeilten Break-Dance-Solos materialisieren sich seine Worte in einem ephemeren Schaudern, das Raum greift. Die Haut öffnet ihre Poren. 

Ich bleibe mit einer Frage zurück: Wie lernt jemand Raum einzunehmen?Außerdem, nachdem sich jemand diesen hart verdient hat, wie findet er*sie die Großzügigkeit, ihn mit anderen zu teilen? Das engverbundene und unterstützende Publikum schien Teil der Community Hillebrands zu sein. Vielleicht war dies der Beweis, dass er diesen Teil des Verdienens und Teilens geleistet hat. So sehr es wie ein Klischee zu klingen vermag, die Antwort, die ich fand, ist Liebe – die bedingungslose Liebe der Mutter, die ihn davon abhielt, vom Balkon seiner Wohnung im dreizehnten Stock zu springen. Die Liebe zum Hiphoptanz, die ihn mit dem Gefühl der Zugehörigkeit durchtränkte, nach dem er sich verzweifelt sehnte. Diese Lieben wurden der Treibstoff, der nährend seine Sensibilität zu Kreativität heranwachsen ließ, indem er sie in Hoffnung transformierte. Dieses Stück war Hillebrands Tochter Jara gewidmet, die darin häufig direkt adressiert wurde. Nach dem vierten Applaus tappst Jara engelsgleich über die Bühne und ich konnte mich nicht davon abhalten, mir ein lautes „aaaaaah“ entspringen zu lassen, weil sie so süß ist. Die Liebe in der Luft war greifbar und ich fühlte, wie eine persönliche Hoffnung eine kollektive wurde.

Deutsche Übersetzung von Wenke Lewandowski