„Permanente Beunruhigung”, Ballhaus Naunynstrasse © Wagner Carvalho

Wagnis als Prinzip

Am Ballhaus Naunynstraße werden politische Notstände im Rahmen des Festivals „Permanente Beunruhigung“ zum Fundus künstlerischer Strategien verwertet. Eine Rückschau auf zwei von drei „Beunruhigungen“.

Was beunruhigt uns? Diese Frage ist zentraler Dreh- und Angelpunkt des Festivals „Permanente Beunruhigung“ im Ballhaus Naunynstraße. (https://tanzschreiber.de/die-unruhe-herausfordern/)

Ein besonderes Format des vierwöchigen Festivals sind die „Beunruhigungen 1-3“: Eine Gruppe von vier Künstler*innen trifft jeweils für eine erste künstlerische Begegnung aufeinander, um sich nach nur zwei Tagen Probezeit vor Publikum zu präsentieren. Dass diese Bedingungen Wagnisse erfordern, äußert sich an diesen zwei Abenden zum Beispiel in der Weise, mit welcher Erleichterung alle Beteiligten den abschließenden Applaus entgegennehmen. Der Charme dieses Formats besteht vor allem darin, dass wir den Künstler*innen bei ihren Aushandlungsprozessen noch auf der Bühne zusehen können. Welche gemeinsamen Nenner finden sie, und in welchen Momenten fallen die Handschriften auseinander? Die Öffnung des Prozesses ist hier wichtiger als die Präsentation eines „fertigen“ Produktes. Das muss man einander (Publikum wie Performer*innen) erst einmal zumuten (können). Denn, auch wenn der Notstand hier programmatisch bejaht wird: Es bleibt schon mutig, in einer so unsteten Anfangssituation die Vorhänge zu lüften. Nichts für Sicherheits-Liebhaber*innen.

„Beunruhigung 2“ oder: Mansplaining als Selbstkritik.

Für die zweite „Beunruhigung“ haben sich die vier Künstler Quinsy Gario (Dichter und Performancekünstler aus der Niederländischen Karibik), meLê yamomo (Künstler und Hochschuldozent für Theater, Performance und Klangstudien an der Universität Amsterdam), Daniel Lima (Multimediakünstler aus São Paulo) und Lobadys Pérez (Tänzer, Choreograf und Mitglied der Hip-Hop-Bewegung im kolumbianischen Cartagena de Indias) zusammen finden lassen. Als Quartett versammeln sie sich zunächst um eine über Projektion erleuchtete, kartografisch in Kästchenmustern unterteilte, große Tischplatte. An einer Ecke ist der Ablauf der Performance auf Flipchart notiert, dahinter tummeln sich zu Ballons aufgepustete Einweghandschuhe. Die berechtigte Frage einer jungen, aufmerksamen Zuschauerin, was mit den Ballons denn noch passiere, ob sie nach dem Stück damit spielen dürfe – was bejaht wird – lenkt die Aufmerksamkeit wieder auf diese stillen Zeugen der Show, die ansonsten fast nicht zum Einsatz kommen.

Die vier Männer stehen zu allen Seiten der Tischplatte und schauen einander vielsagend an. Auf ein fast unmerkliches Nicken hin wechseln sie ihre Position zu vibrierender, spannungsgeladener Musik. Die Tischplatte färbt sich knallrot, während ihre Hände in den Handschuhen die Kontrolle übernommen zu haben scheinen – abgekoppelt vom Rest ihres Körpers schlagen sie flach auf die eigenen Gesichter, den Oberkörper, die Tischplatte ein, tasten einander ab, ohne sich wirklich zu berühren. Jemand wird rücklings auf den Tisch geworfen, dort fixiert und vermessen. Gerade als ich an Kurt Joos’ „grünen Tisch“ denken muss – DAS politische Tanztheaterstück am Vorabend der Machtergreifung der Nationalsozialisten; die schwarzen Herren, die am grünen Tisch über Leben und Tod entscheiden – beginnen die Vier in den Vortrags-Modus zu wechseln. Wir Zuschauer*innen wechseln von der Tribüne zu den Seiten des Tisches und finden uns in einer mehrdeutigen Lecture wieder. Diese dreht sich am Anfang (aus willkürlichen wie ortsspezifischen Gründen) um Birnen. Tatsächlich sind die Wände des Theaterraums im Ballhaus Naunynstraße von Stuckdekorationen mit Birnenpaaren gesäumt (Ist das schon mal jemandem aufgefallen?), von den oberen Decken schauen Frauenfiguren herab.

Vier Männer reden über Früchte, die sich selbst fortpflanzen und stellen tiefgründige Fragen in den Raum: „How come, a pear is not an apple?“ Und dieser ganze erste Teil schreit schon sehr nach Verlegenheitsperformance. Immer wieder an diesem Abend wird einer der Vier seine Kollegen unterbrechen und bemerken, dass das ja eigentlich gar nicht gehe – Männer, die so viel redeten. Der Anteil an „Mansplaining“ ist trotz Reflexionsvermögen an diesem Abend auf jeden Fall bemerkenswert, auch wenn die Vier immer wieder sympathische Aus- und Abwege daraus finden, indem sie sich selbst in die Lage versetzen, ein Lied aus ihrer Kindheit zum besten zu geben, auf die Tischplatte zu steigen, die Tischplatte zum Einstürzen zu bringen.

Es ist eine Menge geteiltes Wissen von Gender Studies, Postcolonial Studies und kritischer Performancetheorie vorhanden. Der Drang, dieses Wissen auch inhaltlich explizit zu vermitteln und darin trotzdem künstlerisch zu bleiben, führt zu diesem schwierigen Spagat zwischen „Lecture“ und „Performance“. Und doch versagt sich hier niemand, auch seine Unsicherheit zu teilen, das Gespräch schließlich gegen Ende für das Publikum zu öffnen und bei all den schwerwiegenden Themen nicht die ironische Distanz zu sich selbst zu verlieren, statt der Ohnmacht anheim zu fallen. Auf den Tisch kommen an diesem Abend unbequeme Wahrheiten. In Brasilien hat ein Nazi die Macht ergriffen, fast nirgendwo sonst werden so viele Menschen umgebracht („…and we talk about pears“), es geht um kolonialistisches Erbe, um frühe Formen der Globalisierung und des Warenexportes der Seemächte, um Nationalstaaten und neue Grenzen… Neue Beunruhigung.

„Beunruhigung 3“ oder: Was wir zu verlieren haben (THEY TURN AROUND / NO MORE COATS AND NO MORE HOME)

Während das Quartett der zweiten „Beunruhigung“ eher auf gesprochene Sprache setzte, werfen sich die vier Frauen für „Beunruhigung 3“ mit körperlicher und musikalischer Kraft in den Ring der Versuchsanordnung. Deepika Arwind (Performerin und Theatermacherin aus Bangalore), Linda Nabasa (Autorin, Dichterin für Kurzgeschichten, Dramatikerin, Schauspielerin und Theaterproduzentin), Biliana Voutchkova (Geigerin und Komponistin) und Shaymaa Shoukry (Tänzerin und multi-Künstlerin) teilen den Raum mit ihren sehr unterschiedlichen Professionen und kommen darin doch bemerkenswert vertraut und generös zusammen. Zwischen Duetten und Soli-Auftritten zeigt jede auf ihre Art, was sie bewegt, und verlässt dabei wie selbstverständlich auch bekanntes Terrain: wenn z.B. Biliana Voutchkova den tanzenden Körper von Shaymaa Shoukry mit ihrem Bogen umrandet oder sich alle vier rückwärts gewendet zum Chor-Gesang aufstellen. Die „Beunruhigung“ liegt hier eher zwischen den Zeilen. Nachdem eine Fotografie eines kleinen Mädchens durch die Tribüne gereicht wurde (Biliana Voutchkova stolz und grinsend mit einem Riesenstrauß Luftballons – ihr erster offizieller „Pokal“ nach einem Geigenkonzert), folgt ein aufwühlender Monolog von Linda Nabasa. Kindheitserinnerungen überlagern sich mit Kriegsbildern. Während die einen Geige spielen, singen die anderen: „Young rebel, teen rebel, put down your gun and come home“. Am Ende werden sich all diese Geschichten von Krieg und Kolonie, von Soldaten und Märchenträumen, die hier angeklungen sind, überlagert haben. Das Schlussbild, ein Bilderrätsel: aneinander gereihte Buchstaben, die einen Satz formen. Ein stummer Schlusssatz, weil es genau darum geht: um „permanente Beunruhigung“.

THESHOWISOV
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