„Hopeless“, Sergiu Matis © Philip Ingman

Boten der Hoffnung(slosigkeit)

Den Bewegungen Sergiu Matis und seiner Tänzer*innen zuzuschauen, wirkt ein wenig wie von einem Doppeldeckerbus gerammt zu werden – mehrere Male in Folge, innerhalb von Sekunden. Körper stürzen zu Boden oder gleiten durch die Luft, erobern den Raum in vollem Flow oder richten scharf wie eine Rasierklinge die Konzentration auf einen einzigen Finger. Jede Geste ist ein Statement und jedes Statement sitzt genau an der richtigen Stelle. Durch die sekundenschnellen Übergänge drängt sich der Charakter einer Nahtoderfahrung geradezu auf: Jede Aktion könnte die letzte sein, bevor alles zu Ende ist. Und in der ersten Szene von Matis’ dystopischem Epos „Hopeless“ war alles zu Ende – auf jeden Fall die Natur. In nüchternem, barem Setting einer postapokalyptischen Zukunft spielen die Performenden die Personen des Publikums direkt an und schauen ihnen in die Augen, während sie das Verschwinden vom Aussterben bedrohter Tierarten beschreiben. Sie scheinen aufgeladen mit wissenschaftlichen Fakten, während die drei allerdings verschiedene Versionen einer Geschichte erzählen. Möglicherweise ist dies die Gedankenlandschaft nach dem Postulat der Wahrheit, auf die wir zusteuern und in der Fiktion gleich Fakt wird.

Räumlich voranschreitend, aber rückwärts in der Zeit, wird das Publikum zur Bühne gebracht, auf der die Apokalypse in vollem Gange ist. Die drei Performenden, jeweils eingekreist von ihren schaulustigen Zuschauer*innen, die mit Ohrstöpseln gegen den betäubenden Lärm ausgerüstet sind, schreien verzweifelt Anweisungen, während sie wie wahnsinnig, im Kampf um ihr Überleben, Kleidungsstücke an Stangen tapen. Ihre Sequenzen sind verzerrt, wie Störimpulsen ausgesetzt, während sie sich in komprimierten Microloops von Punkt A nach Punkt B angeln. Der Raum vibriert, die Spannung steigert sich und der hintere Vorhang fällt. Das Publikum, das jetzt die Tribüne beginnt zu füllen, schaut hinaus auf eine Landschaft des Alten Griechenland: einen grünen Hang, weit entfernt davon, perfekt zu sein, zusammengestückelt aus Rasenfetzen, und einen Plastikfluss. Die Tänzer*innen, die zuvor eine furchtlose Nähe zu ihren Betrachtenden hergestellt hatten, befinden sich nun jenseits des grenzziehenden Portals des klassischen Proskeniums. Diese neu gefundene Kluft zwischen Zuschauenden und Performenden schafft die nötige Distanz, um den Sprengstoff im Innersten der Arbeit explodieren zu lassen.

Griechischer Gesang setzt an und der in der pastoralen Dichtung vorgegebene Rhythmus übernimmt die Führung. Ein Sturm heftiger Emotionen wischt über ihre Gesichter: Dämonisches Gackern schlägt in Nachdenklichkeit um und schließlich in verzweifeltes Weinen. Es ist, als ob die Performenden augenblicklich von wild wechselnden Charakteren besessen werden, von denen jeder für nur wenige Sekunden gechannelt wird – für die Zuschauenden gerade lang genug, um zu begreifen, aber nicht lang genug, um das Gefühl einer Verbindung herzustellen. Ich muss an mein Scrollen am Morgen denken: Faul zappte ich durch eine Serie langer, sonnengeküsster Strände, unter die sich unerwartet eine Ansammlung von Marden mischte, freundlicherweise eingespeist durch The World’s Most Disgusting Foods. Natur ist in der Tat schön, im Insta-Zeitalter.

Auf dem Weg zum S-Bahnhof höre ich zufällig eine Unterhaltung zwischen drei verärgerten Publikumsgästen, die offensichtlich dem Durchhaltevermögen, das das Zweieinhalbstundenstück einfordert, nicht viel abgewinnen konnten. „Ich habe andere Sachen von ihm gesehen und sie alle haben diese unerträgliche Qualität.“ Vielleicht bezogen sie sich auf Matis’ nicht enden wollende Crescendi, in denen die Energie immer wieder zugespitzt wird, aber nie ganz fallengelassen. Und mit dem Fehlen eines letztlichen Ziels sind Matis’ Schlüsse einfach antiklimaktisch. Aber ich denke, wir brauchen diese „unerträgliche Qualität“ dringlichst – eine Unmittelbarkeit, die uns aus der Normalisierung globaler Katastrophen im Alltag herausreißt.

„Eure Leichname werden brennen.“ Als Träger*innen des Katastrophalen, von Verlust und Hoffnungslosigkeit, kämpfen die Tänzer*innen gegen den bevorstehenden Untergang an und rufen laut, um ihrer Nachricht Gehör zu verschaffen. „Eure Leichname werden Fraß.“ Gaia, genährt von der Asche. Möglicherweise ist da Hoffnung am Horizont, und egal, was wir uns dort ausmalen, die Natur wird siegen.

Deutsche Übersetzung von Wenke Lewandowski