„Hate Me, Tender”, Teresa Vittucci©Yoshiko Kusano

Warum nicht mal etwas Queeres?

Sorour Darabi’s „Savušun“ and Teresa Vittucci’s „Hate Me, Tender“ eröffnen gemeinsam das Queer Darlings-Festival der Sophiensaele und präsentieren dem Publikum zeitgemäße Wahrheiten gespickt mit Offbeat-Humor.  

Das Queer Darlings-Festival der Sophiensaele setzt sich selbst die Aufgabe, Arbeiten zu präsentieren, die ‘queere und feministische Perspektiven auf Körper und Strukturen des Begehrens’ vereinen. So umständlich das klingt, es ist eine heraufordernde und komplexe Ambition. Queerheit ist oftmals definiert durch ihre Indefinierbarkeit, und es gibt eine unendliche Anzahl von Meinungen dazu, wie heteronormative Strukturen am besten abgebaut werden. Wie vereinen wir also zufriedenstellend Perspektiven, die teilweise so weit auseinanderliegen? Diese erste Doppelperformance des Festivals möchte genau dies erreichen, zwei Arbeiten von Künstler*innen zusammenbringen, die ungleichen Hintergründen entstammen, die aber dennoch die trotzige Absage an dominante Narrative sowie eine Lust an der Subversion teilen.

„Savušun“ beginnt damit, dass Sorour Darabi, gewickelt in einem Lederumhang, von der Rückseite des Publikums her in den Raum schlüpft, und versucht, sich durch die Zuschauerstimmen hindurch Gehör zu verschaffen. Sie* er wiederholt immer wieder einen Satz auf Farsi, aber es braucht eine Weile, bis es ausreichend Leute bemerken, ihren Nachbarin anstoßen, und es still wird. Wäre sie*er auf die Bühne getreten, während die Beleuchtung der Tribüne heruntergefahren wurde, wäre es wahrscheinlich gewesen, dass das ordentliche Berliner Publikum sofort gewusst hätte, was zu tun ist. An Ort und Stelle scheint Darabi sich selbst und dem Publikum den abstandgebenden Komfort der Höflichkeitskonvention abzusprechen.

Darabi bewegt sich zum Zentrum der Bühne und nimmt den Umhang ab, steht mit nackter Brust vor uns, ein Gürtel mit langen weißen Kerzen mit dem Docht nach unten um ihreseine Hüften geschnallt. Als sieer beginnt sich zu bewegen, bleibt Bedeutung absichtlich schwerlich greifbar, ein Mund, anscheinend in Extase geöffnet, morpht zu einem schmerzverzogenen Gesicht, Aggression und Alarmiertheit wechseln in den in die Ferne starrenden Augen, die Wellen eines expressiv-beweglichen Torsos lassen die Grenzen zwischen „kokett“ und „verzweifelt“ verschwimmen. Sogar die Musik ist beunruhigend paradox, brutales Schlagen einer Peitsche, das rhythmisch entlehnt wurde, um den minimalistischsten aller Technosoundtracks zu kreieren. Die sich durchziehende Unschärfe und Ambiguität geben mir das Gefühl, als würde beständig der Teppich unter meinen Füßen weggezogen. Versucht Darabi durch dieses entschlossene Einnehmen der Graubereiche und dadurch, Dinge in einem Orientierungslosigkeit vermittelnden Niemandsland zu halten, in uns ein Gespür für die Fragilität und Instabilität zu wecken, die minorisierte Körper erfahren?

Als Darabi sitzt und einen Text auf Französisch rezitiert, sind die Worte, wie es ihreseine Bewegungen waren, reich und voller Widersprüchlichkeiten. Sieer beschreibt ein erotisches Erwachen, wobei unbequeme inzestuöse Zwischentöne mit Humor und Zärtlichkeit kontrastiert und allgemeine Moralvorstellungen ins Wanken gebracht werden. Zunächst bin ich geschockt, dann finde ich es aufschlussreich, und gleichzeitig denke ich an jene im Publikum, für die das Thema weitaus traumatischer ist. Eine Sache scheint mir klar erkennbar – Darabi, der die Neigung ihres*seines Vaters beschrieb, „epische Verfahren zu verwenden, um Verletzlichkeit zu überspielen“, hat die feste Absicht, es anders zu machen. „Savušun“ ist eine epische Darstellung geprägt von Aufrichtigkeit, in der Darabi’s Verletzlichkeit wund und kraftvoll zugleich gezeigt wird, als unverstellter Schmerz, ohne Glamour.

Die ersten Momenten von „Hate Me, Tender“ zeigen Teresa Vittucci in lediglich ein Paar pinke Heels gekleidet, liegend, über ihren Körper eine Bahn neonorangenen Stoffes drapiert: ein Renaissance-Aktmodel, das ein Disko-Nickerchen hält. Ihre nackte Haut ist bemalt mit einem kreideartigen Muster, das die Muskelgruppen wie bei einem Anatomiemodell hervorhebt. Oder deutet es auf einen zur anatomischen Zerlegung vorbereiteten Körper hin? Zusammen mit dem Stoff, der ihr als Mantel dient, nutzt Vittucci ihren Körper, um religiöse Ikonographie aufzurufen, die mit der Jungfrau Maria assoziiert ist, während sie die sanften und frommen Formen des Gesichtsausdrucks übertreibt und wiederholend intoniert: „O Virgin, you’re pure cos you’re a virgin“ (Oh Jungfrau, du bist rein, weil du ‘ne Jungfrau bist).

Abrupt beendet Vittucci ihren Gesang, spricht direkt zu uns und beschreibt mit ihrem trockenen Humor die Reaktion ihrer Mutter auf ihre Pläne für das ‘Maria-Stück’. Saubere Verbindungen zwischen historischen und zeitgenössischen Erwartungen, die an Frauen gestellt wurden und werden, werden mit einer unvermittelten Unbeschwertheit gezogen, die mich überrascht. Aber weshalb sollten seriöse Themen nicht albern diskutiert werden? Vittucci nimmt zwei Topfpflanzenbüschel, streckt ihre Arme zu einer Art schlottrigem Signalmast aus und lässt ihren Körper heftig hin- und herzittern. Zu dunklem Electronica-Sound wird einer der Pflanzenstengel zu einem Maschinengewehr, und, flach auf ihrem Bauch liegend verzieht Vittucci ihr Gesicht zu einer Wutparodie – das erste Anzeichen dafür, dass dieses feministische Streben sowohl von Zorn als auch von Humor angetrieben sein kann.

Vittucci geht über zu einer Dekonstruktion der Fetischisierung der Jungfräulichkeit, die zum Lachen bringt, wenn sie diese ironisch aus entgegengesetzten Perspektiven darstellt und einen ihrer Stiefel als Vaginaersatz und surreales Lernmittel verwendet. Feingespür zeigt sich durchweg; in knapper Form zieht sie Parallelen zwischen patriarchalischen Ideen männlichen Besitzens und kolonialen Einstellungen zur Landbesetzung. Obwohl dies ein Moment der Brillanz ist, auf dem möglicherweise ein ganzes Stück aufbauen könnte, schreitet Vittucci in Windeseile voran. In einem Stück, das voller Ideen ist, ist keine von ihnen ausgearbeitet. Dies kann nur der Beginn von Vittuccis Recherche sein, aber „Hate Me, Tender“ kommt bereits als zügellos-scharfsinniger Striptease des Madonna-Huren-Komplexes daher.

Die Wirkung dieser beiden Arbeiten gründet offensichtlich darauf, dass sich ihre Schöpferinnen auf der Bühne verletzlich machen, beide, performativ wie persönlich. Da queere Körper in unserer Gesellschaft derart häufig marginalisiert werden, ist es so mutig wie es notwendig, sie unapologetisch in den Mittelpunkt zu stellen. In Cruising Utopia: The Then and There of Queer Futurity (2009), schrieb José Esteban Muñoz, dass die Zukunft der Queerness gehöre, und diese Zukunft wird mit Sicherheit von dem Mut und der Weltanschauung feministischer und queerer Macherinnen wie Darabi und Vittucci abhängen.

Deutsche Übersetzung von Wenke Lewandowski