„Still Not Still (scenes for camera)“, Ligia Lewis & Moritz Freudenberg ©HAU Hebbel am Ufer

Körper, die aus der Geschichte gefallen sind

Das Tanzstück „Still Not Still” von Ligia Lewis, das im April 2021 für das HAU1 geplant war, wurde am 11. Juni vorerst als Film (in Kollaboration mit dem Filmregisseur Moritz Freudenberg) präsentiert und auf Vimeo veröffentlicht. Im Fokus der Arbeit stehen affektive Körperinszenierungen, die mit viel Humor die Ausschlussmechanismen kolonialer und neoliberaler Strukturen zum Ausdruck bringen. 

Am 28. Mai 2021, mehr als hundert Jahre nach der Schandtat, hat die deutsche Bundesregierung die Gräueltaten an den Volksgruppen der Herero und Nama im heutigen Namibia als Völkermord deklariert. Obwohl damit die Geschichte bzw. das Verbrechen nicht rückgängig gemacht werden kann, ist es dennoch ein wichtiger Schritt in der Aufarbeitung der Kolonialzeit, die grausame Spuren hinterlassen hat und wie ein langer Schatten der Vergangenheit über der Gegenwart schwebt. Dass diese Geschichte immer schon eine Geschichte der Gewalt war, zeigt die anhaltende Repression gegen subalterne Menschengruppen. Ob es sich um Schwarze Menschen, Frauen, Migranten oder die Mitglieder der LGBTQ Community (wie derzeit in Ungarn) handelt; die verbrecherische Macht des Staatsapparats ist kein Ausnahmezustand, sondern ein Fazit des kapitalistisch-imperialen Dispositivs. Rassistische Vorfälle sind jedoch keineswegs eine exklusive Angelegenheit politisch-ideologischer Zusammenhänge, sondern ereignen sich auch im Bereich der Kultur bzw. im Theater, wo die Frage nach Diversität erst in den letzten Jahren ein brisantes und viel diskutiertes Thema geworden ist. 

In ihrer neuen Arbeit „Still not Still“, die ursprünglich als Live-Aufführung geplant war und derzeit in Form eines Videofilms zu sehen ist, setzt sich die Choreografin und Tänzerin Ligia Lewis mit den Leerstellen der „westlichen“ Geschichtsschreibung auseinander. Sieben Perfomer*innen (Boglárka Börcsök, Darius Dolatyari, Corey-Scott Gilbert, Cassie Augusta Jørgensen, Justin Kennedy, Jolie Ngemi, Damian Rebgetz) kreieren ein traumartiges szenisches Ereignis, das affektiv intensive Situationen und fiktional aufgeladene Bildkonstellationen entfaltet, die sich einer eindeutigen Interpretation wiedersetzen. Wie man im Begleittext lesen kann (Dramaturgie: Maja Zimmermann), ist die Arbeit von dem Bild einer Schwarzen Madonna (8. Jh.), die aus Süditalien stammt, inspiriert. In Hinblick auf die Schwarze Madonna ist besonders deren Inschrift aufschlussreich: „Nigro sum sed Formosa“ (Ich bin Schwarz, aber schön). Ein zweiter Referenzpunkt ist das mittelalterliche französische „Complainte“ (Klagelied), das Schmerz und Trauer über die Unzulänglichkeit der Welt aufgreift. Auf formaler Ebene wird die Choreografie durch energiegeladene Bewegungen geprägt, die zwischen unisono getanzten Sequenzen und solistischen Auftritten changieren. Die zu Beginn des Films schnellen Wechsel von Szenen vermitteln den Eindruck einer radikalen Diskontinuität und Fragmentierung, die sich dem Anspruch von Ganzheit, Fortschritt und Kohärenz widersetzt. Eine Tanzfigur, die sich wiederholt und somit die rhythmische Struktur des Stücks bestimmt, sind Körper, die immer wieder fallen und stolpern. 

Neben choreografischen und visuellen Mitteln, spielt bei der Entfaltung der ästhetischen Atmosphäre die feingliedrige Geräuschkulisse (Sounddesign und Komposition: S. McKenna, Akustik- und E-Gitarre: Joey Gavin) eine wichtige Rolle. Die Aufführung schwingt zwischen surrealen Tableau-Vivants und einer extatischen Party, in der die Körper in orgiastischen Konstellationen verschmelzen und ihre individuellen Grenzen ausgeblendet werden. Die konzeptuelle Zielscheibe von „Still not Still“ sind Ausschlussmechanismen globaler bzw. neoliberaler Machtstrukturen, welche die koloniale Aufteilung und Ungerechtigkeit reproduzieren und aufrechterhalten. Indem sie die Welt der Toten heraufbeschwört und wieder in unsere Gegenwart integriert, erzeugt Lewis eine fiktional-performative Gegenwelt, die sich der Diskriminierung und Deklassierung widersetzt. Es ist gleichzeitig eine wilde Feier, ein Ritual und eine melancholische Klage, mit der das Bild der Geschichte eine dialektische Rahmung bekommt. 

Während des Films musste ich an Achille Mbembe denken. In seinem Buch „Kritik der schwarzen Vernunft“ geht der kamerunische Philosoph und Historiker davon aus, dass das fortbestehende Ausbeutungs- und Ausraubungsmodell der kapitalistischen Maschine zum Schwarzwerden der Welt führt. Die Fragen, die er in seinem Text aufgreift: „Wie können wir Differenz und Leben, Gleiches und Ungleiches, Überschießendes und Gemeinsames denken?“, könnte man auch mit „Still not Still“ verbinden. Sind die fallenden Körper in der Choreografie eine mögliche Antwort? Ist die vibrierende Zeit des Tanzes jene Spaltung in der Architektur der Versklavung, ein Ausbruch in die Freiheit der Gleichen?   


Bis die Produktion live präsentiert werden kann, kann man „Still Not Still (scenes for camera)“ von Ligia Lewis & Moritz Freudenberg online anschauen, unter dem folgenden Link in der HAUthek: https://www.hebbel-am-ufer.de/programm/hau4/ligia-lewis-still-not-still-film/.