„Fatou t´as tout fait”, Fatoumata Bagayoko © Thabo Thindi

Frau sein

Im Rahmen von „Timbuktu is back! Künstlerische Positionen aus dem afrikanischen Sahel“ zeigt Fatoumata Bagayoko, wie Kunst und Widerstand sich gegenseitig stärken können.

„Man kann weise sein, ohne alles zu wissen“, so zitiert Fatoumata Bagayoko ein malisches Sprichwort. Und noch eines: „Die Worte der Alten sind wie Hyänenkot, sie altern, verderben aber nicht.“ Diese Sätze sind klug gewählt. Sie zitieren Tradition und machen damit klar, dass die Überlieferung um ihre Schattenseiten weiß, dass die Erkenntnis, nicht alles wissen zu können, Teil der Tradition ist, dass Worte altern können und als Exkremente in der Gegenwart herumliegen. Auf der Grundlage dieses aus der Überlieferung abgeleiteten Ermessensspielraums wagt sich Fatoumata Bagayoko in der deutschen Premiere „Fatou, du hast alles getan“ an die Kritik einer Gewaltpraxis, die immer noch in vielen Teilen der Welt tabuisiert ist: Frauenbeschneidung. Weltweit sind nach Schätzungen der Vereinten Nationen mindestens 200 Millionen Frauen und Mädchen beschnitten. Fatoumata Bagayoko ist eine davon. Und sie hält es nicht mehr aus, zuzuschauen, wie die Tradition fortgesetzt wird. „Wir haben es satt“, stößt sie am Ende des Solos, unter einem von Kunstblut vollgesogenen Tuch, hervor.

Der Aufbau dahin vollzieht sich in diesem aktivistischen Solo, das im Rahmen des Festivals „Timbuktu is back! Künstlerische Positionen aus dem afrikanischen Sahel“ am HAU Hebbel am Ufer gezeigt wird, so resolut wie geschickt. Am Anfang sehen wir eine Frau mit betonten weiblichen Formen auf einer Lichtdiagonalen im Bühnenraum. Ihren Kopf hat sie abgewandt. Ist es Scham, ist es ein Abwarten bis zur Konfrontation? Ausfallschritte, Bagayoko weicht ihren eigenen Schlägen aus, wuchtet sich um, fängt sich über Schulterrollen wieder auf und hält stand. Schaut ins Publikum. Die Frage, was sie zu sagen hat, steht im Raum. Dann spricht sie (mit Übertitelung) in ihrer Muttersprache Bambara und nicht – wie in anderen Produktionen des Festivals – in der Kolonialsprache Französisch. Das hat nicht nur sprachliche Selbstbehauptungsgründe. „Fatou, du hast alles getan“ ist, wie sich in einem anschließenden persönlichen Gespräch mit der in Bamako lebenden Tänzer-Choreografin herausstellt, nicht in erster Linie für ein westliches Festivalpublikum gemacht, sondern als Diskursstück für die Auseinandersetzung innerhalb der malischen Gesellschaft. Bagayoko reist damit von Dorf zu Dorf, recherchiert zu den unterschiedlichen Beschneidungspraktiken und stellt sich Gesprächen.

Aggressive Anfeindungen hat sie, laut eigener Aussage, als Reaktionen auf ihre Tanztheater-Auseinandersetzung noch nicht erfahren. Selbst Menschen, die an der Tradition festhalten, seien bereit, sich mit ihrer Sicht darauf und ihrem Leid auseinanderzusetzen. Ihre Mutter, die von der Großmutter die Beschneidungszeremonie übernehmen sollte, sehe inzwischen davon ab. Es scheint Bagayoko zu gelingen, eine Ästhetik zu finden, die, obwohl sie ungeschönt ist, auch anders denkendes Publikum mitnimmt. Die Sprichwörter sind ein Mittel auf diesem Weg, der Einstieg mit der eigenen Schmerzerfahrung ein weiterer. Von hier aus geht das nur 30-minütige Solo geraden Schrittes auf Konfrontation zu: „Frau zu sein, bedeutet sich zu unterwerfen“ – was eine Feststellung sein könnte, versteht sich in der angespannten Atmosphäre zwangsläufig als Anklage. Auch wenn, und gerade weil, die Tänzerin dieser Unterwerfung Folge leistet, sich unter ein fast körpergroßes weißes Tuch begibt, so dass sie vom Geschehen abgeschnitten ist. Nur ihre Hände finden den Weg nach draußen, werden zu den Händen anderer, schneiden Kapsel für Kapsel Kunstblut mit einem kleinen Skalpell auf. Immer blutgetränkter wird das Tuch, unter dem sich Bagayoko windet, bis sie es sich schließlich vom Kopf reißt, die Reste der Operationen aufwischt und das Tuch auswindet. Das Blut läuft. Der Schmerz, das Leid, die Wut. Da darf es nichts Versöhnliches am Ende geben, und diese Unausweichlichkeit schafft die Tänzer-Choreografin am Ende wie ein Standbild zu behaupten. Auch beim Applaus, standing ovations, bleibt der Ernst des Anliegens im Raum und verfliegt nicht. Kein Erlösungslächeln.