„CYCLOPS”, Zé de Paiva © Kathleen Kunath

Foto/Synthese

Zé de Paivas „CYCLOPS“ räumt der Kamera die Hauptrolle ein, doch ist diese einäugige Maschine ein Monster oder ein Gott?

Projektionen flimmern an allen vier Wänden; pixeliges Überwachungsmaterial, schneesturmartige Störbilder, Blue-Screen-Fehlermeldungen. Die Leute wirken verunsichert darüber, wo sie sitzen – oder ob sie überhaupt sitzen sollen – reihen sich dann rücklings an die Wand, oder bilden Klumpen von Menschen in der Mitte des Raumes. Unter diesen überbordenden Bildern, die um uns herum aufleuchten, ist uns noch nicht ganz klar, wohin wir unseren Blick am besten zu richten haben. Wie sich herausstellt, ist die am dringlichsten gestellte Frage von „CYCLOPS“: ‚Warum schauen wir hin, wo wir hinschauen und wer entscheidet das?‘

In futuristische Overalls gekleidet betreten Zé de Paiva und Nasheeka Nedsreal den Performanceraum. Beide tragen einen Helm mit einer großen Kamera, die an ihm befestigt und unmittelbar vor ihren Augen justiert ist. Diese livestreamt ihren Blickwinkel: de Paivas zur einen Wand, Nedsreals zu einer anderen. Während sie sich durch den Raum bewegen, fällt eine Entscheidung; folge ich diesen zwei Cybermenschen, die teilnahmslos herumlaufen, oder schaue ich stattdessen auf die Bildschirme, um die Welt zu sehen, wie sie sie sehen? Ich wähle eine Kombination aus beidem, nehme glücklich die Rolle des Cutters ein, selektiere und kombiniere die verschiedenen visuellen Informationen, um meine eigene Version des Events zu schaffen.

Die beiden Performenden bewegen sich durch das Publikum und bringen dann jede*n einzelne*n von uns, eine*n nach der*m anderen, zum Stehen, drehen uns, uns bei den Schultern fassend, stellen unseren Blick ein, zwingen uns eine Perspektive auf. Ungleichheit wurde hergestellt – manchen von uns ist die volle Ansicht des Raums gegönnt, während andere mit dem Blick auf die Wand zurückbleiben. Die Privilegien, die der Rolle des Cutters innewohnen, kommen zu Tage – manchmal wird die Perspektive für einen entschieden, und die Macht hat die Person, die in der Gunst ist, das Narrativ zu bilden. Indem sich Macht und Möglichkeiten in diesem konstruierten Mikrokosmos neu mischen, lauern wieder Fragen der Mittäterschaft an den Rändern des Raumes.

Ein pochender Trommelbeat springt an und die Kameras schalten in den Selfiemodus. Wir sehen die Gesichter der Performenden, in Nahansicht, die groß auf den Wänden prangen. Die Performenden schlängeln sich ihren Weg zwischen uns hindurch, shuffeln mit den Füßen, heben die Arme, twisten ihre Hüften. Ihre energetischen Bewegungen kontrastieren stark mit uns, den Zuschauenden, die wie angewurzelt auf ihrem Platz stehen. Auf den Bildschirmen hingegen sind ihre Gesichter unbeweglich – vor den Kameras fixiert. Hinter ihnen sind wir es, die wirbeln und von einer Seite auf die andere geschleudert werden. Die Kamera lügt nie? Nochmal: Perspektive ist alles.

Ein Text läuft wie Tickerstreifen über die Wand, der die Aufmerksamkeit auf die Rolle der Kamera im Kolonialismus lenkt, und auf die Gewalt, die der Doppelbedeutung des Wortes ‚schießen‘ inhärent ist. De Paiva und Nedsreal wählen eine Handvoll Menschen aus dem Publikum aus, reihen sie an der Wand auf, machen ein Polaroid von der unbehaglichen Gruppe. Während das Prozedere gegen alle vier Wände wiederholt wird, kommt in diesem Akt des Fotografierens der etwas unfreiwillig Teilnehmenden Aggression auf – aber wer hat hier das Schießkommando? Die Fotografierenden oder wir als die Masse der Beobachtenden? Eine andere Gruppe wird zu einem (Foto-)Schießen genötigt, und ich werde mir meiner Rolle als schweigender Beobachter plötzlich deutlich bewusst. De Paiva nutzt die Kamera, um einen Bogen zwischen der kolonialen Vergangenheit und der Gegenwart herzustellen, und die politischen Implikationen der eigenen Rolle in Relation zur Linse sind bewusst in den Fokus gesetzt.

Als die fertigen Fotografien in einem Kreis in der Mitte des Raumes ausgelegt werden, sehen sie aus wie Fragmente der Vergangenheit, oder eine Spur Brotkrumen, die am Wege gelegt wurde. Oder vielleicht sind sie gestohlene Momente, die als Kuriositäten in einem Museum zur Schau gestellt werden.

Deutsche Übersetzung von Wenke Lewandowski