„Einstein on the Beach“, Susanne Kennedy, Markus Selg ©Eike Walkenhorst

Relativ im Hier und Jetzt, im Dort und Dann

Susanne Kennedy und Markus Selg haben den minimalistischen Opernklassiker „Einstein on the Beach“ (30. Juni – 3. Juli 2022 im Haus der Berliner Festspiele) für die Ära des Maximalismus neu eingerichtet. Ihre Inszenierung ist ein Spiel mit Relativität und Gleichzeitigkeit, ist die Thematisierung eines anderen Zeitgefühls in der Unendlichkeit unserer Gegenwart.

Aufmerksamkeit funktioniert für mich heute anders als noch vor zehn Jahren, auch als Zuschauende im Theater. Ich habe andere Gewohnheiten. Ich lebe neue Ticks, nicht zuletzt den ständigen prüfenden Blick auf das Handy. Etwas Fremdes dringt in meine Rezeption der Stücke. Auch mein Zeitgefühl hat sich gewandelt, eine Erfahrung die sich für mich in den Beschreibungen der Postmoderne und dem lauten Ruf nach Ruhe als Widerstand reflektiert. Technologie, das Tempo, mit dem sich Information weltweit verbreitet, der beschleunigte Arbeitsrhythmus, die Verfügbarkeit von Waren, Wissen und Dienstleistungen rund um die Uhr sind nur einige der Bedingungen, die uns das Gefühl geben, alles existiere überall und im gleichen Moment. Parallelität durchzieht meine Weltsicht. Eine lärmende, vage Parallelität, in der nicht mehr wichtig ist, was sich simultan vollzieht, sondern die Tatsache, dass in exakt dem gleichen Augenblick etwas Anderes geschieht, dem ich meine Aufmerksamkeit schenken könnte.

1976 feierte „Einstein on the Beach“ beim Festival von Avignon Premiere. Das Opus von Philip Glass und Robert Wilson, entworfen als Hommage an die historische Figur Albert Einstein, war revolutionär, war visionär für jene Zeit. Es hatte weder ein lineares Narrativ noch einen biografischen roten Faden. Auch Susanne Kennedys und Markus Selgs Neuinszenierung ist eine Hommage, wenngleich eine durch und durch zeitgenössische, gewebt aus dem Stoff der massiv gleichgeschalteten Welt, die ich auf der Bühne wiedererkenne. Das Stück erkundet manifest mit Einsteins Theorien verbundene Bedingungen – Zeitgefühl, Zeit als Gefühl und die Untrennbarkeit von Ort und Zeit – gesehen aus der Perspektive des Jahres 2022.

In dieser aktuellen Version des „Einstein“ wird die Oper zur Performance-Installation, durch die sich das Publikum nach Belieben bewegt. Auf der Vorbühne diverse Optionen: vom Platznehmen auf einem Sitz im Zuschauerraum, um die traditionelle Theaterperspektive zu wahren, bis zum relaxten Aufenthalt im Orchestergraben, von wo aus ich die Bühne sehe wie den Sonnenuntergang am Horizont, wenn ich auf dem Strandlaken am Meer liege. Auch die Bühne selbst ist den Zuschauenden zum Betreten freigegeben. Sie promenieren sogar auf dem Drehelement, das während der kompletten Vorstellung fast durchgehend in Bewegung ist.

Die Neuinterpretation des „Einstein“ fügt sich harmonisch in meine verinnerlichte Zeitlichkeit. Sie zwingt mich nicht, mich meiner inneren Uhr zu widersetzen. Ich darf mich auf eine spielerisch-verspielte Beziehung zur Raumzeit der Oper einlassen, mich öffnen, um zu erkunden, was Relativität auf ganz persönlicher Ebene bedeuten könnte. Ich erlebe den Abend immer wieder als Beobachterin der anderen Beobachtenden. Ich sitze auf der Drehbühne und mein Blick gleitet über diejenigen, die jenseits der Bühnenkante verharren. Ich sehe ihnen zu, wie sie mir zusehen. Natürlich beobachte ich auch die Performancekünstler*innen, die mich wiederum nicht (an)sehen. Ich zoome an sie heran, nähere mich, entdecke den Schweiß unter ihrer Maske. Ich konzentriere mich auf die Totale, schaue auf die Bühne und auf das, was sich im Spiel regt – die kreiselnden, an Fraktale erinnernden Projektionen von aufsteigendem Rauch aus Atomkraftwerken bis zu Baumringen, Jahreszeiten, Explosionen. Alles entfaltet sich, entfaltet sich neu, entfaltet sich wieder neu und verstärkt das Erlebnis durch Repetition, ähnlich wie in der Partitur von Glass. Das Geschehen um mich empfinde ich als Rituale. Doch ich selbst entscheide, ob ich sie so ernst nehmen will wie die Performenden, und wann ich beiseitetreten möchte.

Foto: Soloviolinistin Diamanda Dramm in “Einstein on the Beach” von Susanne Kennedy und Markus Selg © Eike Walkenhorst

In der vierstündigen Aufführung gibt es Momente, die die unterschiedlichen, sich aus der Bewegung des Publikums und der Möglichkeit, einen bestimmten Blickwinkel zu wählen, ergebenden Referenzrahmen scheinbar verknüpfen. Diamanda Dramms mächtige Violinsoli sind weder zu übersehen noch zu überhören. Sie werden zum Mittelpunkt der Erde, zum Zentrum der Welt, um das sich das Theater dreht. Dramms Virtuosität bedingt eine besondere Qualität der Aufmerksamkeit, die jegliche andere Bewegung im Raum verlangsamt. Zweimal drängen sich vier Ziegen durch die Zuschauenden, auch sie mächtige Magneten, um die Trajektorien des zerstobenen Publikums zu bündeln, wenngleich hier die besondere Aufmerksamkeit den Performenden (das heißt den Ziegen) selbst gilt. Ich verbringe nicht wenige Minuten sinnend mit der Betrachtung der Ziegen, die den menschlichen Mitwirkenden ihre Präferenzen vermitteln und dabei die Gemüsehäppchen, die ihnen angeboten werden, ignorieren. Sie wollen das Brot. Viel Brot.

Mich fasziniert auch die Bewegungsfreiheit, die wir als Publikum haben und die mir offenbart, wie die Musik die Raumzeit prägt. In manchen Momenten fühle ich mich genötigt, meinen Referenzrahmen für das Theater neu zu fassen: Lange stehe ich angelehnt an den gleichen Felsen auf der Drehbühne oder verweile im Auditorium; dann wechsele ich die Position und stelle fest, dass Andere just in diesem Augenblick spontan das gleiche tun. Ein anderes Mal inspiriert mich die Musik, an anderen Flanierenden vorbeiziehend ziellos durch den Raum zu schlendern. Ohne dass es ein Stichwort, eine ausdrückliche Aufforderung dazu gäbe. Wir, die zuschauenden Körper, scheinen uns einig, wann wir verharren sollen und wann sich Veränderung ankündigt. Die Musik treibt uns weiter oder lässt uns ruhen. Oft sind es die lautesten, schnellsten Sequenzen, in denen wir innehalten. Einstein lehrte uns, dass die Zeit umso langsamer verrinnt, je schneller wir uns bewegen. Für mich liegt die Stärke dieses „Einstein“ in der Entfaltung der Tempi und Texturen vor dem Hintergrund des Alles-Überall-Gleichzeitigen in unterschiedlichster Perspektive. Die Inszenierung reibt sich an meinem Erleben der Gegenwart als homogen rasend, endlos zeitgleich und allgegenwärtig präsent. Ich leugne die Erfahrung der Simultanität nicht länger. Ich finde den Mut, mit ihr zu spielen.

Übersetzung ins Deutsche von Lilian-Astrid Geese


Programmheft “Einstein on the Beach” (30. Juni – 3. Juli 2022 Haus der Berliner Festspiele, Premiere: 4. Juni 2022 Theater Basel) – Oper in vier Akten von Philip Glass und Robert Wilson. Konzept: Susanne Kennedy, Markus Selg. Musikalische Leitung: André de Ridder, Jürg Henneberger. Mit den Basler Madrigalisten und dem Ensemble Phoenix. 

Regie: Susanne Kennedy. Bühne: Markus Selg. Kostüme: Teresa Vergho. Lichtdesign: Cornelius Hunziker. Voice Montage / Sound Design: Richard Alexander. Sound Design „Building /Train“: Andi Toma (Mouse on Mars). Klangregie: Robert Hermann. Video: Rodrik Biersteker, Markus Selg. Dramaturgie: Meret Kündig. Choreografie: Ixchel Mendoza Hernández. Performance/Tanz: Suzan Boogaerdt, Tarren Johnson, Frank Willens, Tommy Cattin, Dominic Santia, Ixchel Mendoza Hernández. Solo-Geige: Diamanda Dramm. Solo-Sopran: Álfheiður Erla Guðmundsdóttir, Emily Dilewski. Solo-Alt: Nadja Catania, Sonja Koppelhuber, Sarah Pagin.