Yebo Yes, Afia ©Erik Linghede

JA!

Das Stück Yebo Yes! von Tänzer*innen der Kompanie Afia feiert seine Deutschlandpremiere am 24. Mai 2024 in der fabrik Potsdam als Teil der Potsdamer Tanztage. Es berührt gleichermaßen, wie es zum Nachdenken anregt.

Die fünf Tänzer*innen der Tanzkompanie Afia begeistern mit ihren energetischen, präzisen und rhythmischen Schrittabfolgen. Schnelle Füße bewegen sich durch den Raum, dazu entwickeln sich Handbewegungen von Alltagsgesten hin zu wellenartigen Strömungen. Klopfen wird zu Stampfen, Pfeifen zu Singen, ein gemeinsamer Rhythmus etabliert sich. Die Stimmen der Künstler*innen und ihr Gesang begleiten nicht nur den Tanz, sie bringen ihn auf eine allumfassende Ebene. Sie bewegen nicht nur ihre eigenen Körper durch den Raum, der ganze Raum scheint in Bewegung zu sein. Ihre Freude beim Tanzen ist ansteckend. Ich bin bewegt von ihrem Miteinander, ihrer Coolness und ihrer Energie. Ich denke, den Menschen, die mit mir im Publikum sitzen, geht es ähnlich; viele wippen ihre Köpfe, ihre Füße im Takt. Ginge es mir hier allein darum, die Bewegungen der Tanzenden zu beschreiben, wäre ich mit diesen paar Sätzen zufrieden. Wer sie erleben will – wozu ich ermutigen kann – muss selbst zu dieser Aufführung. Aber das ist natürlich nicht die ganze Geschichte.


©Erik Linghede


Auf der Bühne sind drei Schwarze Menschen und zwei weiße Menschen. Sie bringen Perspektiven aus Südafrika und Schweden zusammen, hinterfragen kolonialistisches Erbe, überbrücken kulturelle und genderspezifische Unterschiede. Dabei trifft Freestyle auf den Tanzstil isiPantsula, der zu Zeiten der Apartheid in Südafrika als Subkultur entstand und als Teil von aktiven Formen des Widerstandes genutzt wurde. So wurde isiPantsula beispielsweiße als Mittel der Kommunikation während Demonstrationen eingesetzt. „Yebo Yes“ bedeutet übersetzt „Ja Ja!“, ein bekräftigender Ausruf, den sich die Tänzer*innen gegenseitig zurufen. Eine Gemeinschaft entsteht: mit gegenseitiger Unterstützung und Solidarität. Die einzelnen Darsteller*innen zeigen ihre Fähigkeiten in ausdrucksstarken Soli, gleichzeitig sind sie als Gruppe präsent mit dynamischen, unisono Choreografien. Der*die Einzelne steht nicht über der Gruppe, noch steht die Gruppe über dem*der Einzelnen.

Beim Lesen über die historische Entwicklung von isiPantsula muss ich an Südafrikas aktuelle Klage gegen Israel vor dem Internationalen Gerichtshof denken. Dabei wirft Südafrika Israel u.a. 75-jährige Apartheid vor. Südafrikas eigene langjährige Apartheidsgeschichte mag diese Klage beeinflusst haben. Gegen Rassentrennung, Zwangsumsiedlungen und brutale Unterdrückung kämpft die Schwarze Bevölkerung Südafrikas über Jahrzehnte an. Widerstand wird kriminalisiert. Genau in dieser Zeit entsteht mit isiPantsula ein Tanz, der Menschen ermutigt sich zu erheben, die elf Volksgruppen des Landes schließen sich zusammen und unterstützen sich gegenseitig im Widerstand. Erst in den 1970ern agiert auch die UNO und erklärt die Apartheid in Südafrika als Verbrechen gegen die Menschlichkeit, internationale Sanktionen folgen. Der innen- und außenpolitische Druck steigt, aber es dauert weitere 20 Jahre bis die Apartheid offiziell endet. Die Folgen davon sind bis heute anhaltende ethnische und soziale Ungleichheit.

Das Theater ist kein luftleerer Raum. Tanz ist politisch. Welche Stimmen hier gezeigt und gehört werden, beeinflusst einen breiteren gesellschaftlichen Diskurs. Während der Aufführung sitzen vor allem weiße Menschen im Publikum, ich selbst schreibe aus einer weißen Perspektive. Mit welchem Gefühl wir aus dieser Aufführung gehen, ob wir subtile und offene Machstrukturen anhand des Stückes hinterfragen oder nicht, obliegt uns selbst und den Privilegien, von denen wir täglich Gebrauch machen können.


Yebo Yes! von Afia feierte seine Deutschlandpremiere am 24. Mai 2024 in der fabrik Potsdam im Rahmen der Potsdamer Tanztage.