Seit vielen Jahren beschäftigen sich Manon Parent und Alma Palacios mit der Autorin, Schauspielerin und Widerstandskämpferin Goliarda Sapienza. Autobiography of Contradictions (5.-7.12.2025, Dock11) ist eine Hommage an sie.
Das Werk der Sizilianerin Goliarda Sapienza wurde spät entdeckt. Erstmals hörte ich von ihr durch meine ebenfalls in Süditalien geborene Mutter, die mir gerne am Telefon Romane nacherzählt. Aus ihrem Bericht über Sapienzas Gefängnistagebuch erinnere ich, dass die Autorin im Gefängnis saß, nachdem sie einer Freundin teuren Schmuck geklaut hatte. In der Stimme meiner Mutter lag etwas wie Begeisterung über diesen Diebstahl. Aus einer armen Familie stammend hat sie nach ihrem Aufstieg in die Mittelschicht eine gewisse Robin-Hood-Mentalität nie abgelegt und empfindet Diebstahl an Reichen wohl als eine Art ausgleichende Gerechtigkeit.
Warum erzähle ich diese Geschichte, obgleich Manon Parent und Alma Palacios in ihrem Stück dieses wie andere biografische Details und Inhalte aus Sapienzas Büchern völlig aussparen? Ihr wohnt ein interessanter Widerspruch inne: Wer klaut, richtet Schaden an. Doch tut wer denen schadet, die selbst Schaden anrichten, etwas Gutes? Eine Frage, die sich nicht einfach beantworten lässt, vielmehr den Blick in ein Kaleidoskop ethischer Erörterungen öffnet. Sapienza hatte sich für ihre nie fertig gestellten Memoiren den Titel Autobiography of Contradictions überlegt. So heißt nun Parents und Palacios Performance, in der sich die Szenen wie zweischneidige Schwerter aneinanderreihen.
Auftritt in bauschenden Rüschenkleidern. Laut und leidenschaftlich atmend verfolgen sich die zwei Frauen über die Bühne, jagen, fangen und verknoten sich in Knäueln aus Stoff und Gliedmaßen. Mal wirkt die Vereinigung der Körper lustvoll, im nächsten Moment brutal wie ein Zweikampf, bei dem ich fürchte, dass eine erstickt. Entblößt bis auf die Unterkleider rufen sich die Beiden in der folgenden Szene chorisch sprechend beschämende Behauptungen an den Kopf. Auf „You are birdbrained!“ und „You’ve got a yeast infection!“ folgt ein gewaltvoller Wortschwall aus Androhungen und Versprechungen, die ich mir problemlos als Zitate übergriffiger Chefs, Filmproduzenten, Ehemänner, Gynäkologen, etc. vorstellen kann.In mir schreitet inzwischen die Versteinerung fort. Die an uns Zuschauer*innen gerichteten Komplimente, die folgen, helfen dagegen nicht. Ich bin froh, nicht vor allen anderen für den reizenden Schwung meines Kiefers gelobt zu werden. Ich wittere Gefahr. Als anschließend auf der Bühne eine als formvollendet gepriesene Banane – wie soll ich sagen? – ermordet, verschlungen, vergewaltigt wird, bestätigt das meine Befürchtungen. Dass dann noch die Schönheit eines Skeletts besungen wird, macht mich traurig. Und dass dieses Skelett mit der, die es in ihren Armen trug, zuletzt unter dem Rock ihres ungleichen Zwillings begraben wird, empfinde ich nicht, wie es möglicherweise gemeint war, als tröstlich, sondern als einen erneuten Akt übergriffiger Einverleibung.
Das klingt jetzt wie negative Kritik. Die Wahrheit ist: Ich bin verstört und bis jetzt nicht sicher, ob ich über das, was ich als Reproduktion eines allzu bekannten schmalen Grats zwischen Begehren und Gewalt empfunden habe, genial oder abstoßend finden soll. Mutig ist diese Arbeit, die den Widerspruch nicht scheut, allemal.
Autobiography of Contradictions von Manon Parent und Alma Palacios wurde vom 5.-7.12.2025 im Dock11 gezeigt.