„The Quiet”, Jefta van Dinther © Ben Mergelsberg

Zeitreise ins Nirgendwo und Nirgendwann

Sphärische Erinnerungen an Rituale einer unbestimmten Zeit. Jefta van Dinther kreiert mit „The Quiet“ einen tiefen, bedrückenden Unwirklichkeitsraum im HAU 2, der die Gesetze von Zeit und Raum neu formuliert.

Fünf Frauen in identischer sandfarbener Funktionskleidung, die aus der Zeit gefallen zu sein scheint, bewegen sich vorsichtig tastend in ihren leichten Steppwesten, wadenlangen Röcken, weißen Socken und Turnschuhen über die Bühne. Der Abend gleicht einem bodenlosen Eintauchen in eine dunkle Raum-Zeit-Kapsel, die das Publikum 60 Minuten lang gefangen nimmt und in eine unheimliche Leere hineinzieht. Maximale Immersion.
„The Quiet“ erscheint als Reise, die sich nicht auf Vergangenheit oder Zukunft festlegen lässt, aber verkörperte Erinnerungen einer eng verbundenen, weiblichen Gemeinschaft in einem gedehnten Zeitkontinuum ausstellt.

Diese fünf Performerinnen stehen allesamt in einer bedeutsamen, langjährigen Beziehung zu dem schwedischen Choreographen Jefta van Dinther, der schon seit vielen Jahren in Berlin lebt. Der Cast seiner neuesten Produktion hat in den unterschiedlichsten Konstellationen mit van Dinther gearbeitet und bis zu dem Produktionsprozess zu „The Quiet“ seit einigen Jahren nicht mehr aktiv auf der Bühne gestanden. Die Frauen sind zwischen 40 und 61 Jahren alt und man sieht und spürt, wie stark ihre Körper von der Bewegungssprache Jefta van Dinthers geprägt sind. Der Choreograph hat eine Arbeitsweise entwickelt, die in die Tiefen physischer und psychologischer Strukturen eindringt. Body-Mind-Centering und andere Techniken der Körperarbeit werden in den Proben genutzt, um eine Bewegung von innen nach außen und vice versa zu erfassen, dem Körper in der Bewegung zuzuhören im Sinne eines Erspürens aus allen Ecken und Winkeln.

Für die Performance wurde ein spezielles Toolkit entwickelt, das komplexe Bewegungsqualitäten komponiert, die auf sehr simple und alltägliche Bewegungsmuster wie das Gehen projiziert werden. Im Publikumsgespräch erzählt Jefta van Dinther, dass sie sich monatelang nur mit der Praxis des Gehens beschäftigt haben. Über die Zeit und die Auseinandersetzung mit etwas sehr Vertrautem entsteht eine neue Dimension im Erfahren und Wahrnehmen. Nicht nur Bewegungsmuster werden hier aus ihrem üblichen Kontext genommen, auch die Zeiterfahrung wird so stark manipuliert, dass die Zeit extrem gedehnt erscheint, ohne dass die Performance eine Länge bekommt, die einen auf ein baldiges Ende hoffen lässt. „The Quiet“ ist das bisher am wenigsten tänzerische Stück des Choreographen, lässt aber die enorme Dichte in den psychologisch informierten Bewegungsstudien erkennen.

Fluide Bilder ziehen sich durch Szenen eines Play-Fights, eines schwebenden Zeltes oder des Tragens von grauen Bodenbelag-Platten. So wie die Teile eines Puzzles werden graue Bodenplatten sorgfältig in Slow Motion ausgelegt und geräuschlos ineinandergesteckt, um gegen Ende der Aufführung wieder dekonstruiert zu werden. Schicht um Schicht häutet sich der Raum (und nicht wie sonst oft die textilen Schichten der Performer*innen). Eine Bodentür – unter diesen tragbaren grauen Steck-Platten – wird wie eine Dachbodenluke geöffnet und lässt ein orange-rotes Lichtrechteck zum Treffpunkt einer Versammlung wie um ein Lagerfeuer werden. Designt von der langjährigen Künstlerkollegin Minna Tiikkainen, bekommt das Licht eine zentrale und transzendentale Bedeutung: Immer wieder richten sich die Performerinnen nach der Quelle des Lichts aus, die ritualhaft umkreist wird. Selbst so alltägliche Objekte wie ein Bühnenscheinwerfer oder Klappstühle bekommen in diesem Setting die Wandlungsfähigkeit eines magischen Gegenstandes. Die Stangenkonstruktion auf der Bühne, die einem halbfertigen Klettergerüst ähnelt, deutet das Skelett eines Raumes an, der maximal unbestimmt ist und offen für jegliche Assoziationen bleibt.
Muster und Strukturen werden kontinuierlich erschaffen und wieder aufgelöst, nichts ist von Dauer und trotzdem dauert es an. Jefta van Dinther hat Bilder, Klänge und kurze Dialoge kreiert, die aus dem Nichts entstehen, sich im nächsten Moment wieder auflösen, und trotzdem auch Stunden und Tage nach der Performance immer mal wieder in der Erinnerung aufleuchten.