Witch Hunting von Anne Nguyen/Compagnie par Terre bietet einen gelungenen Start in das diesjährige PURPLE Tanzfestival und erzählt vom „anders“ gemacht Werden. Das Stück ist vom 17. bis 19. Januar im HAU1 zu sehen.
Dieses Jahr feiert das PURPLE Tanzfestival für junges Publikum 10-jähriges Jubiläum. Das Festival will Sehgewohnheiten schärfen, zum Mitmachen und Mitfühlen einladen und dabei offen für alle sein. Ich finde es schön, dass um mich herum unterschiedliche Altersgruppen sitzen; viele Kinder und Jugendliche aber auch Erwachsene aller Altersgruppen. Trotzdem scheint mir das Publikum sehr bildungsbürgerlich. Ein wiederholtes Pssssstttttt geht durch die Reihen und nach und nach erscheinen die sechs Tänzer*innen auf der Bühne. Als würden sie sich uns vorstellen, bringen sie ihre persönliche Bewegungssprache auf die Bühne – individuell unterschiedlich und trotzdem zum gleichen Beat. Sie stellen sich nebeneinander auf, bilden eine Reihe, eine sich drehende Diagonale. Ausbrüche aus dem Gebilde bieten Raum für die individuelle Ausdruckskraft, bis diese den anderen im Weg ist. Vielleicht ist es doch besser sich wieder einzureihen…
Die Tänzer*innen formieren sich mit ausdrucksstarken Bewegungsmustern in weiteren Gebilden. Schnelle staccato Bewegungen folgen auf Sprünge und Ausfallschritte, und werden abgewechselt von fließenden Bewegungen durch den ganzen Körper. Ich bin mir unsicher, ob ich die stark gesetzten Akzente toller finde oder die „alltäglicheren“ Bewegungen, wie eine Drehung mit ein paar Schritten zurück zum Platz, die sehr cool ausgeführt sind. Die Tänzer*innen bilden Gruppen, immer wieder neue, mal zu zweit, mal zu dritt, mal alle gemeinsam – doch häufig bleibt auch eine Person übrig. Ich versuche herauszufinden, auf welcher Basis die Gruppenbildung erfolgt – liegt es am Kostüm, dem Bewegungsmuster, der Identität, gar der Hautfarbe, oder vielleicht an geteilten Werten und Weltanschauungen? Und wer sind die Personen, die nicht zur Gruppe gehören (dürfen) und warum?
Die Gruppe entwickelt werfende Bewegungsmuster, ich interpretiere einen Protest. Gemeinsam dringen sie vor, aber werden dann auch wieder zurückgedrängt. Die geschaffenen Muster und Systeme erhalten sich selbst aufrecht. Vielleicht waren sie sich nicht einig genug als Gruppe, vielleicht sind sie auch zu wenige. Doch das hält sie nicht davon ab, weiter zu machen. Immer wieder finden sich ruhigere Momente, doch bevor ich ganz verdauen kann, was ich gerade erlebt habe, nimmt die nächste Erzählung ihren Lauf. Die Tänzer*innen laufen, zeigen – auf uns, aufeinander. Ich frage mich, wen sie suchen, die schuldige Person, den/die neue*n Außenseiter*in, den Sündenbock, der die Fehltat der Gruppe auf sich nimmt?
Die Handlung nimmt Fahrt auf und das Geschehen wirkt aggressiver. Die anderen werden kleiner gemacht, um selbst größer zu wirken. Dabei wirkt die Gruppe jetzt gar nicht mehr einheitlich, alles versschwimmt und ich weiß nicht mehr wer wen unterstützt und gegen wen handelt. Doch am Ende löst sich das Ringen um Macht und Deutungshoheit scheinbar auf. Statt auf Zugehörigkeit zu prüfen und Menschen als „anders“ zu markieren, findet die Gruppe genug Raum für die individuelle Körpersprache der einzelnen Tänzer*innen. Die einzelnen Menschen auf der Bühne dürfen nicht nur sie selbst sein, sondern werden von den anderen dabei unterstützt und angefeuert. Die Gruppe findet eine neue Verbundenheit, in der nicht gegeneinander gekämpft wird, sondern miteinander. Eine Botschaft, die ich gerade im jetzigen Klima gerne mit nach Hause nehme.
Witch Hunting von Anne Nguyen/Compagnie par Terre wurde im Rahmen von PURPLE vom 17.-19. Januar im HAU1 gezeigt. PURPLE – Internationales Tanzfestival für junges Publikum findet vom 17.–25. Januar 2026 statt.