A Scenario Of A System Off von Ixchel Mendoza Hernández prüft Wahrnehmung und Realität, tänzerisch sowie verbal. Das Stück ist vom 18. bis 21. Dezember 2025 im radialsystem zu sehen.
Drei wellenförmige Gebilde aus weißen Fäden, davor drei weiße Stühle. Drei Performer*innen in Weiß betreten die Bühne und setzen sich auf die Stühle. Sie mustern uns. Damit beginnt ein sich wiederholender Loop, der den Abend rahmt. Begrüßungen werden ausgetauscht, bis eine roboterähnliche Stimme aus dem Off ruft: „What just happend?“ –und das ganze beginnt von vorne. Zusammen mit der Musik erinnert mich die Szene stark an ein Computerspiel, in dem alles etwas bugged. Mit jeder neuen Wiederholung lernen wir eine leicht andere Realität kennen: Mal wird von Kolleg*innen, mal von Freund*innen gesprochen, mal von körperlichen Merkmalen der anderen. Ich denke in dieser Szene daran, dass auch subtile Veränderungen in der Erzählung die Bedeutung des Geschehens ändern können, und trotzdem fehlt mir etwas Tiefe im Geschehen.
Die Darsteller*innen beginnen mit rhythmischen Posen und kleinen Gesten, bewegen die Hand an den Hals, ihren Oberkörper auf ihre Beine, stehen auf. Die Beziehung der drei zueinander wird weiter tänzerisch ausgearbeitet und in Frage gestellt. In fließenden Bewegungen kreisen sie umeinander, auf verschiedenen Ebenen. Wie die Gebilde auf der Bühne werden die ineinander verwobenen Tänzer*innen zu einem Gebilde. Ihre und unsere Wahrnehmung und Realität(en) bedingen sich gegenseitig. Als sich alle drei hinter eines der Fäden-Gebilde begeben, gibt es einen plötzlichen Drop, der das System zerschlägt. Alle drei fallen zu Boden, um kurz darauf wie an unsichtbaren Fäden nach oben gezogen zu werden. So einfach entkommen sie dieser geschaffenen Realität also doch nicht.
Im vorderen Bühnenteil finden sie einander und verlieren ihre Verbindung. Die Realität, die sie gemeinsam aufbauen und in Frage stellen, gerät immer wieder ins Wanken. Sind das deine oder meine Erinnerungen? Ist das dein oder mein Haar? „You are me but I am me“. Mit prägnanten staccato Bewegungen wird gesprochenes Wort untermauert und verzerrt. Wörter werden mit schmelzenden Bewegungen in die Länge gezogen, fast gesungen, und mit ruckartigen Bewegungen abgehackt. Der Klang der Wörter geht in die Körpersprache über. Nicht nur die Bedeutung, sondern auch die Rahmung beeinflusst unsere Wahrnehmung des Geschehens.
Das Ganze schaukelt sich zu einem teils verwirrenden Szenario hoch, in dem nicht mehr klar ist, was Erzählung, was Nacherzählung, was Perspektive, Wahrnehmung und was wirklich passiert ist. Diese Punkte verschwimmen mehr und mehr – gibt es überhaupt einen Unterschied? Wir enden am Anfang, die Darsteller*innen zurück auf ihren Stühlen; und meine Assoziation vom verbuggten Computerspiel trifft mich wieder. Ich mag die Idee, dass wir manchmal alle wie NPCs durch die Welt laufen, mit unserer eigenen Wahrnehmung und den Lücken, die wir nicht sehen. Trotzdem verlasse ich das Theater ohne großen Aha-Moment. Wenn wir eine neue Realität schaffen wollen, wo fangen wir an? Beginnen wir damit, Dinge neu zu sehen? Neu zu verstehen? Und reicht das aus?
A Scenario Of A System Off von Ixchel Mendoza Hernández wurde vom 18. bis 21. Dezember 2025 im radialsystem gezeigt.