7 Tänzer innen mit freudigen Gesichtszügen sind auf der Bühne. Die Konstellation zeigt unterschiedliche Hebefiguren, die sich aufbauen und auflösen.
„Suite on the Sahara“, South Chicago Dance Theatre ©MayraWallraff

Von Schmetterlingen und perfekten Linien

Am 29. August besuche ich das SUBMERGE Festival in den LAKE Studios Berlin. Der Double Bill To Critter von Angélica Roa und Suite On Sahara vom South Chicago Dance Theatre ist ein kontrastreiches Programm.

Ein Rechteck aus Schwarzer Erde, Bündel aus Ästen, ein Gefäß mit Wasser. Ein Bühnenbild, das zu ökosomatischer Praxis und more than human beings passt. Angélica Roas Haare gehen in die Erde über. Sie scheinen fast eins zu sein. Mit langsamen wellenartigen Bewegungen erhebt sie sich aus dem Boden ins Stehen. Die Augen sind dabei geschlossen. Ein paar Momente mit dramaturgischem Potential, wie das Aufheben der Verbindung von Erde und Haar, oder der erste Blick ins Publikum gehen leider in der Choreografie unter. Die sanften Bewegungen entwickeln sich in eine Sequenz mit Sprüngen, stampfenden Beinen und Armen, die etwas Imaginäres durch den Raum werfen. Angélica trägt die Bündel aus Ästen auf ihren Schultern und später als eine Arte Krone auf ihrem Kopf. Durch ihre Schatten sind gleich mehrere dieser Wesen im Raum zu sehen. So entstehen immer wieder schöne Bilder.

Zwischen den Tanzsequenzen erzählt Angélica vom Artensterben in den Berliner Wäldern – über 75% der Insekten sind wegen mangelhafter Lebensbedingungen vom Aussterben bedroht – sie verliert mich aber beim Manifestieren für mehr Schmetterlinge. Warum der Körper dann noch mit Erde eingerieben werden muss, verstehe ich auch nicht ganz. Eine Anleitung darüber, was ich tatsächlich für die Schmetterlinge tun kann, hätte ich hilfreicher gefunden. Das Publikum um mich herum scheint zufrieden mit der Meditationsübung im Garten der LAKE Studios, die das Bühnenstück beendet. Ich frage mich, wer von den Menschen sich morgen für Schmetterlinge einsetzt.

Der zweite Teil des Abends ist ein Kontrast, wie er nicht größer hätte sein können. Die acht Tänzer*innen des South Chicago Dance Theatres begeistern mit den technisch nahezu perfekt ausgeführten Bewegungen, den makellosen Linien und Drehungen, bei denen ich mich verzähle, weil es so viele sind. Unisono-Sequenzen gehen elegant über in Duos und Trios und wiederum gemeinsam ausgeführten Bewegungen. Brüche entstehen durch staccato Bewegungen, die persönlichere Qualitäten der Tänzer*innen hervorbringen. So beeindruckend die Drehungen, Hebungen, Arabesque und Jetés auch sind, finde ich diese persönlicheren Momente spannender.

In dem kleinen Bühnenraum ohne Tanzboden bedauere ich die Füße der Tänzer*innen. Das Stück wirkt konzipiert für die große Bühne und es fühlt sich nicht richtig an, so nah an den Tänzer*innen dran zu sein. Normalerweise mag ich es in Momenten ohne Musik die Tänzer*innen atmen zu hören. Auch hier höre ich den Atem bei anstrengenden Teilen, doch es fühlt sich verboten an, fast zu persönlich, zu nah, zu unperfekt. Ein Kontrast zu dem Grundgefühl des Stückes. 

Tatsächlich fällt es mir nicht schwer, mich in das Festival der LAKE Studios zu submergen, einzutauchen. Jedoch fühlt es sich so an, als würde mich jemand von einem Becken ins andere werfen und ich habe nicht viel Zeit, um mich im neuen Gewässer zu finden, bevor der Kontextwechsel verdaut werden kann. Wie ein Film mit vielen intensiven und schnellen Szenenwechseln haben mich die LAKE Studios an diesem Abend eingesogen und irgendwo am Rande Berlins wieder ausgespuckt.