Taw’am, „Zwilling“ auf Arabisch, erkundet die Trauer der künstlerischen Leiterin und Performerin Jouana Samia nach dem Tod ihres Zwillingsbruders. Die Inszenierung feierte am 10. Juli 2025 in den Uferstudios Berlin Premiere.
Trauer(n) ist ein individueller, intimer, physischer Prozess. Ich erinnere mich, wie es war, als ich trauerte. Alles – auch ich selbst – bewegte sich in Zeitlupe, als schwämmen wir unter Wasser. Klänge erreichten mich nur gedämpft, gehend Vorwärtskommen wurde zur Herausforderung. Ein Vakuum erfüllte mich, das jedes andere Gefühl verdrängte. Ich sehe Taw’am, ein Portrait der Gefühle Jouana Samias angesichts des Verlusts ihres Zwillingsbruders im Alter von fünf Jahren, und frage mich, ob die Bilder und Empfindungen, die ihre Produktion vermittelt, ein Spiegelbild ihrer inneren Landschaft sind:
Nebel
Schweiß
Ein dunkler Raum
Schweres Atmen
Silhouetten, Schatten
Ein stolpernder, stürzender Körper, der sich immer wieder fängt
Schöne, oft laute Musik, komponiert aus vielfältigen Elementen und Schichten.
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.In der Bühnenmitte befindet sich ein großer Spiegelboden. Jouana Samia tanzt auf ihm. In der Reflektion sehe ich:
Ihr Zwillingsbild
Bodennebel, gleitend, wie ein Wolkensumpf
Der auf Luft trifft
Seine Hand aufgibt
Auf dem Spiegel verläuft
Ihn beschlagen lässt
Jouana Samias Fußspuren
Klären den Dunstschleier
Macht ihre Präsenz sichtbar.
.Manche Passagen vermitteln sich wie wörtlich gelesen:
sie kniet, ein schwarzer schleier bedeckt ihr gesicht
sie schreit unter ihm, doch kein ton dringt hervor
schweres atmen, klingt wie schluchzen
ihr brustkorb hebt und senkt sich. weint sie?
sie begräbt ihr gesicht unter dem schleier, den sie später in den händen hält
sie ist so allein, so einsam jenseits der ränder des reflektierenden bodens
und zusammen mit ihrem bruder, wenn sie sich auf dem spiegelgrund bewegt.
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.Wenn Jouana Samia auf dem nicht spiegelnden Boden kniet und ähnliche Bewegungen vollführt – die Hände ausstrecken, sich rückwärts biegen, mit kreisenden Bewegungen von Kopf und Oberkörper, den Rumpf nach innen krümmend – erfasst mich ein vorübergehendes Moment der Langeweile. Langeweile ist nicht per se schlecht. Sie kann sogar ein authentisches Gefühl von Trauer sein. Die Empfindung wiederholt sich, unterschiedlich stark, in verschiedenen Mustern, weder kohärent noch verständlich. Ich erinnere mich an die Zeit, in der ich meine eigene körperliche Erfahrung damit machte. Die Frau, die mit mir im Studio war, sagte, meine Expressionen langweilten sie.
Die Musik ist überwältigend: Sie erfüllt den Saal mit Klang. Auf der Bühne performen vier Musiker*innen live. Der Raum ist jedoch abgedunkelt, und während der ersten zwei Drittel der Vorstellung sehe ich sie nicht. Wir hören:
Noah Slee, musikalische Leitung und Gesang
Lina Makoul, Gesang
Amer Chamaa, Percussion und das Holzblasinstrument Nay.
Alex Rapp, Sound Design.
.Selig eintauchend in die eklektische Harmonie der Klänge frage ich mich: Ist Musik einer der wichtigen sensorischen Faktoren in Jouana Samias Trauer? Gibt es hier weder Disharmonie noch Missklang? Keine unkontrollierten Brüche in ihrem Kummer?
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.Im Programmtext schreibt die Künstlerin:
Die meiste Zeit meines Lebens beschäftigte mich das Überleben. Ich wusste nicht, dass ich trauerte. Mir entging die Leere, die aus der Abwesenheit eines Zwillings rührt.Ich denke nach: Leere.
Taw’am ist Bewegung, Klang und Lichtwechsel.Doch die Leere ist nicht leer
Wenn du wagst, sie zu öffnen
und tief in sie einzudringen,
kann sie beängstigend
und berührend
voll seinÜbersetzung aus dem Englischen: Lilian Astrid Geese
Taw’am von Jouana Samia feierte am 10. Juli 2025 in den Uferstudios Berlin Premiere.