Studies on Infinity #3 – Caravaggio, zu sehen am 27. und 28. Juni beim Wiesenburg Sommerfest.ival 2025. Inspiriert vom tiefen Naturalismus des Barockmalers fügt Isabelle Schads Inszenierung kollektives Körperbewusstsein in Dramenzyklen, die ohne Höhepunkt oder Auflösung auskommen.
Düster und unbewegt verweisen die Studies on Infinity #3 – Caravaggio auf die verkörperte Verletzlichkeit der sich bewegenden Physis in der Berufung des Hl. Matthäus (1599-1600) und anderen Gemälden. Sie übersetzen expressive Körpersprache und dramatisches Chiaroscuro in einen Kreislauf von Relation, Emergenz und Gründung, quasi als Fortschreibung von Isabelle Schads langfristig angelegter, intensiver Erkundung somatischer und sensorischer Gruppenchoreografien ohne Erzählbogen oder narrative Figuren.
Große, dünne Matten liegen im schmalen, gestreckten Saal der Tanzhalle Wiesenburg. Sie bilden – nah, in mittlerer Distanz und in der Ferne – die Abgrenzung der drei Bühnen, eine Triade, die ich wie durch einen Sucher perspektivisch wahrnehme. Acht Tanzende beleben den Raum, einige in lose, dunkle Kleidung gehüllt, andere oben ohne, unten ohne oder ganz nackt. Manche lehnen an der Wand, andere liegen zusammengerollt auf den Matten, als wären sie Erdhügel. Gliedmaßen lockern sich, Felle und Stoffe fallen auseinander, Arme bilden lockere Ringe, wenn Hände Ellbogen halten. Sich entwirrende Glieder sind Einladungen, die die anderen Körper annehmen, um sich den Formen auf den Matten zu nähern und mit sanfter Hand Schultern und Rippen im Gegensinn des Beckens zu drehen. Die auf dem Boden Liegenden sind ein Teig, der fest geknetet wird. Die sie Knetenden konzentrieren sich auf die achtförmige Bewegung der Körper. Gliedmaßen werden gestreckt, physisches Gewebe dehnt sich, hier und da wird jemand gänzlich von der Matte gehoben.
Die Tanzenden fügen oder entziehen sich den Rollen der Ausgestreckten, Streckenden, Beobachtenden, derjenigen, denen etwas geschieht, derjenigen, die etwas geschehen lassen. Sie sehen und wählen den Part, den sie spielen wollen. Sie ziehen, falten, wehren sich, geben nach. Landschaften fließen ineinander, nach und nach, während die Körper aus Haut und Stoff sich einrollen und zum Stillstand kommen. Die Bewegung der gedehnten Körper verweilt im Raum. Ich betrachte diese separaten, antiken Formationen, als wären sie Objekte unter Wasser, auf die die Strömung ihre Kraft von oben und sie umgebend wirken lässt.
Im eigenen Rhythmus erheben sich die Performenden, nach und nach. Mit den Händen bedecken sie ihre Gesichter. Sie singen langgezogene Töne durch ihre Finger, variieren Form und Klang, verschmelzen miteinander, fallen auseinander. Ihre Aufwärtsbewegung in die Vertikale setzt sich fort. Sie stehen auf und vollführen ausladende, schwungvolle Gesten im Duett. Von Angesicht zu Angesichts in einem zarten, verspielten Kampf, der an die Grazie von Martial Arts und Fechten erinnert. Die Hände aneinandergelegt, die aus den Armen gebildeten Achten vibrieren und schwingen wie Springfedern. Szenen entwickeln sich und verfliegen, während die Tanzenden nun – und nicht im Einklang – Kurven laufen. Sie fließen durch die langgestreckte Halle. Sie finden Platz, um stehenzubleiben und ihre Ellbogen und Hände windmühlenhaft schnell zu bewegen, über den Köpfen wirbelnd, eine Kraft generierend, die meine Wangen als Luftstöße erreicht. Und dann wieder Windstille. Sie umarmen sich, tragen ihre zusammensackenden Körper zurück auf die Matten, in meiner Nähe, in mittlerer Distanz und in der Ferne. Es bleiben ein paar Trümmer, ein bisschen Schutt. Die Performer*innen räumen Kleidungsstücke weg, und wieder drücken, dehnen, heben sie sich mit ihren Händen. Eine choreografische Sequenz aus verschmelzenden und sich wieder voneinander lösenden Landschaften wiederholt sich in Endlosschleife und zwei Stunden lang entsteht ein atmendes Gemälde.
Übersetzung aus dem Englischen: Lilian Astrid Geese