Am 05. September 2025 war das Multikulturelle Centrum (MKC) Templin Gastgeber einer besonderen Veranstaltung: Zum Netzwerktreffen der Tanzinitiative Brandenburg TANZ-WEITEN, im Rahmen der TanzAllianzen / Brandenburg trifft Berlin, kamen über 35 Tanzschaffende sowie Menschen aus Politik, Verwaltung und Fördermittelmanagement miteinander ins Gespräch.
Dokumentiert von Cornelia Baumgart und Annika Stadler
Zentrale Ziele des Treffens waren der Austausch und die Sensibilisierung zu strukturellen Besonderheiten und Herausforderungen für die Tanzlandschaft in Brandenburg zwischen Tanz-Akteur*innen und Vertreter*innen der Verwaltung und der Politik sowie der Austausch zwischen Akteur*innen aus verschiedenen Regionen Brandenburgs und aus der Hauptstadtregion Berlin.
Vielfalt und gemeinsame Herausforderungen
Sechs Tanzschaffende aus Brandenburg – Laura Gary, Yasmin Schönmann, Annika Stadler, Martin Stiefermann, Yeri Anarika Sanchez und Rachel Brooker – präsentierten in kurzen Blitzlichtvorträgen ihre Wege zwischen urbanem und ländlichem Raum sowie die spezifischen Herausforderungen für ihre Arbeit. Die Gründe, im ländlichen Raum zu leben und zu arbeiten, sind vielfältig, die Probleme ähneln sich jedoch: Hohe Mobilitätsanforderungen, wenig direkte Fördermöglichkeiten und eingeschränkte Kontakt- und Netzwerkkapazitäten. „Siebzig Prozent unserer Zeit geht für Akquise und Administration drauf, nur dreißig Prozent bleiben für das eigentliche künstlerische Schaffen“, erläuterte Martin Stiefermann und verdeutlichte damit den Bedarf an struktureller Unterstützung.
In der anschließenden Vorstellungsrunde mit Diskussion wurden die zentralen Bedarfe und Visionen für den Tanz in Brandenburg gesammelt und nochmal deutlich gezeigt, wie vielseitig die Tanzszene Brandenburgs ist.
Elske Hildebrandt (Landtagsabgeordnete und kulturpolitische Sprecherin der SPD) betonte den gesellschafts- und persönlichkeitsbildenden Einfluss der Kunst und ihre Unterstützung für stärkere kulturelle Bildungsprogramme. Sie verwies auf die Tradition von Kulturhäusern als Begegnungsorte – Strukturen, die es zu beleben gelte. Katrin Bohm-Berg, Leiterin des MKC Templin, unterstrich das Potential und die Bedeutung des Tanzes für Ihr Haus, um vor allem junge Menschen anzusprechen. Susanne Ritzal (Referentin für darstellende Kunst am MWFK Brandenburg) verwies einerseits auf die positive Entwicklung in der noch immer unterrepräsentierten Kunstform Tanz durch gestiegene Antragszahlen in der Einzelprojektförderung und gleichzeitig auf die Problematik, dass höhere Nachfrage bei stagnierenden Fördermitteln für Soloselbstständige zusätzlichen existentiellen Druck bedeute. Constanze Eckart merkte für die Plattform Kulturelle Bildung an, dass deren Förderinstrument der Strukturförderung oft nur ein „kurzes Durchatmen“ bedeute, ehe nach drei Jahren erneut Unsicherheit entsteht. Christian Hartphiel (Bürgermeister Templin) brachte die Frage nach Sponsoring ein und ob dieser wie im Sportbereich auch für den Tanz relevant sein könne.
Moderatorin Sabine Chwalisz (Co-Leitung fabrik Potsdam), betonte nach diesen Impulsen die Notwendigkeit von Vertrauen und Kontinuität, um Tanz langfristig in einer Region zu verankern – etwa über regelmäßige Runde Tische mit Politik und Verwaltung.
Tanz für alle!
Nach der Mittagspause, in der weiter angeregt diskutiert wurde, öffnete sich der Gesprächsraum für die Frage, wie der Tanz in und mit der kulturellen Bildung in Brandenburg gestärkt werden kann. Schnell wurde deutlich, dass der Bedarf an Tanzvermittlung enorm ist – für Kinder, Jugendliche ebenso wie für Erwachsene, die durch Tanz eine Möglichkeit finden, ihrem Körper Ausdruck zu verleihen und Selbstwirksamkeit zu erleben. „Tanz schafft Begegnung und öffnet Räume – dafür müssen wir ihm den Platz geben, den er verdient“, fasste eine Teilnehmerin die Diskussion zusammen.
Besonders im ländlichen Raum steht die Frage im Vordergrund, wie Kinder und Jugendliche überhaupt erreicht werden können. Kontakt und Arbeit mit Schulen ist herausfordernd und braucht Zeit, Kontinuität und den Aufbau von Vertrauen. Nachmittagsangebote sind kaum realisierbar, weil viele Kinder oft unmittelbar nach dem Unterrichtsschluss die Heimreise in ihre meist verstreut liegenden Heimatorte antreten müssen. Mobilität wird dadurch zur Schlüsselfrage: Gemeinsame Aktivitäten scheitern häufig an fehlenden Transportmöglichkeiten.[1] Die Forderung, Tanzformate kontinuierlich an Schulen anzubieten erhielt breite Unterstützung als konkrete und wirksame Methode, um junge Menschen frühzeitig und dauerhaft mit körperbasierten künstlerischen Praktiken im Tanz vertraut zu machen und zu begeistern. Beispielhafte Pilotprojekte, die diese Themen bereits angehen, sind z.B. die Offensive Kulturbus in Berlin, die aufzeigt, dass Schulen und Mobilität von Anfang an in die Planung kultureller Projekte integriert werden müssen oder das Projekt des Netzwerks „explore dance“ mit bereits 32 regelmäßigen Schulpartnerschaften in Brandenburg, mobilen Tanzstücke, niedrigschwelligen Vermittlungsformaten und Coachings für Lehrkräfte zur Rezeption und praktischen Erfahrung von Tanz[2].
Das Startchancen-Programm[3] wiederum bräuchte eine Art Vermittlungsinstanz zwischen Schulen und Künstlerinnen, damit Potenziale erkannt und sinnvolle Kooperationen entstehen können, so ein Vorschlag in der Diskussion.
Auch die infrastrukturellen Defizite wurden klar benannt: Es mangelt an sogenannten „Dritten Orten“ – an Räumen, die weder Schule oder Arbeitsplatz noch Zuhause sind, sondern Gelegenheiten bieten, sich zu treffen und Kultur lebendig zu erleben. Die wenigen Institutionen im Flächenland Brandenburg sind, wie viele Projekte, auch von fehlender struktureller Förderung betroffen.Kultur auch als Wirtschaftsfaktor denkbar: Neue Wege und Perspektiven
In der Diskussion um den ländlichen Raum wurde die langfristige persönliche Kontinuität als besondere Stärke erkannt – Vertrauen zu schaffen ist eine zentrale Basis von erfolgreicher Zusammenarbeit. Gewachsene Beziehungen führen zu stabilen Mikronetzwerken, die Gruppen und Generationen verbinden und der Vereinzelung kultureller Projekte entgegenwirken. Entscheidend ist es, Themen aufzugreifen, die die Menschen vor Ort direkt betreffen und dadurch Anschlussfähigkeit schaffen. Auch Jugendkunstschulen oder die lokale VHS spielen hierbei eine wichtige Rolle. Sie können Brücken schlagen zwischen professionellen Tanzschaffenden und der kulturellen Bildung, indem sie flexible Rahmenbedingungen und angemessene Honorare für freie Künstler*innen bieten. Auch neue Finanzierungsansätze wurden diskutiert. Förderideen reichten von EFRE- oder LEADER-Mitteln bis zur Nutzung von Co-Working-Spaces. Kultur muss als eigenständiger wirtschaftlicher Standortfaktor verstanden werden – nicht nur als weicher Imagewert, sondern als Motor für regionale Entwicklung, der sich strategisch und selbstbewusst in Wirtschaftsförderung und Standortmarketing positioniert, argumentierte Sebastian Tattenberg aus der Kulturverwaltung Templin.
Verbündet euch! Das Wissen ist bereits im Raum
Damit solche Strukturen greifen, braucht es klar vernetzte Akteure. Die Tanzinitiative Brandenburg wurde dabei mehrfach als Plattform bezeichnet, die es ermöglicht, strukturelle Herausforderungen zu thematisieren, Lösungsansätze zu erarbeiten und Projekte über einzelne Regionen hinaus zu verbinden. Vernetzung wurde letztlich als Schlüsselbegriff für den gesamten Nachmittag verstanden – nicht nur zwischen großen Institutionen, sondern besonders auch unter freischaffenden Künstler*innen, Kulturprojekten und den Mitmachenden vor Ort. Der Tanz, so eine gemeinsame Vision, bräuchte dafür eine kontinuierlich arbeitende, dezentral Geschäftsstelle, die sich um Kommunikation, Netzwerkaufbau und Koordination kümmert, Schnittstellen zwischen Regionen schafft und Türen öffnet, wie dies bereits beispielsweise in Mecklenburg-Vorpommern erfolgreich etabliert wurde[4]. Denn die nötige Vernetzung zwischen Politik, Verwaltung, Förderstellen und künstlerische Praxis kann nicht von Einzelnen getragen werden, sie muss als gemeinsames, dauerhaftes Anliegen verstanden werden, um den Tanz abseits der Metropolen zu stärken, sichtbar zu machen und nachhaltig zu verankern.
[1] https://www.offensive-tanz.de/de/kulturbus
Für alle hessischen Schulen besteht die Möglichkeit, für die Fahrt zu außerschulischen Lernorten in Hessen im Rahmen der Kulturellen Bildung einen KulturBus – bis zu fünf Fahrten je Schule – zu buchen. kulturberatung-hessen.de
[2] explore dance – Bundesweites Netzwerk Tanz für junges Publikum[3] Startchancen- Programm des Bundes: https://www.bmftr.bund.de/DE/Bildung/Schule/Startchancen-Programm/startchancen-programm_node.html
[4] Fachstelle Tanz in Mecklenburg-Vorpommern https://mv-tanzt-an.de/fachstelle-tanz
𝘌𝘪𝘯𝘦 𝘝𝘦𝘳𝘢𝘯𝘴𝘵𝘢𝘭𝘵𝘶𝘯𝘨 𝘥𝘦𝘳 𝘛𝘢𝘯𝘻𝘪𝘯𝘪𝘵𝘪𝘢𝘵𝘪𝘷𝘦 𝘉𝘳𝘢𝘯𝘥𝘦𝘯𝘣𝘶𝘳𝘨 𝘶𝘯𝘥 𝘥𝘦𝘳 𝘧𝘢𝘣𝘳𝘪𝘬 𝘗𝘰𝘵𝘴𝘥𝘢𝘮 𝘪𝘮 𝘙𝘢𝘩𝘮𝘦𝘯 𝘥𝘦𝘳 𝘛𝘢𝘯𝘻𝘈𝘭𝘭𝘪𝘢𝘯𝘻𝘦𝘯 / 𝘉𝘳𝘢𝘯𝘥𝘦𝘯𝘣𝘶𝘳𝘨 𝘵𝘳𝘪𝘧𝘧𝘵 𝘉𝘦𝘳𝘭𝘪𝘯 𝘪𝘯 𝘒𝘰𝘰𝘱𝘦𝘳𝘢𝘵𝘪𝘰𝘯 𝘮𝘪𝘵 𝘥𝘦𝘮 𝘛𝘢𝘯𝘻𝘣ü𝘳𝘰 𝘉𝘦𝘳𝘭𝘪𝘯, 𝘨𝘦𝘧ö𝘳𝘥𝘦𝘳𝘵 𝘥𝘶𝘳𝘤𝘩 𝘥𝘪𝘦 𝘚𝘵𝘢𝘥𝘵 𝘗𝘰𝘵𝘴𝘥𝘢𝘮 𝘶𝘯𝘥 𝘥𝘦𝘯 𝘍𝘰𝘯𝘥𝘴 𝘋𝘈𝘒𝘜.
Fotos: ©Tom Schweers (@tomschweersfotografie, www.tomschweers.de)