Tanz und Elternschaft, Tanzbüro München ©Sara Kurig

Tanz und Elternschaft – Strategien für faire Care-Arbeit in der Kultur

Die Veranstaltung fand auf Initiative des Tanzbüro München am 18. & 19. September 2025 in den Räumen der Labor Ateliers in München statt.

Dokumentiert von Anna Beke
Ergänzungen: Tina Meß und Simone Schulte-Aladağ

Am 18. und 19. September 2025 fand in den Labor Ateliers/Halle 6 in München das zweitägige Symposium Tanz und Elternschaft. Strategien für faire Care-Arbeit in der Kultur statt. Konzipiert von Tina Meß und Simone Schulte-Aladag in Zusammenarbeit mit Karolina Héjnova wurde die Tagung anlässlich des zehnjährigen Jubiläums des Tanzbüros München veranstaltet. Es richtete sich an Tanzschaffende, Wissenschaftler*innen, Kulturpolitiker*innen und Vertreter*innen von Produktionshäusern und Verwaltung. Ziel war es, die komplexen Herausforderungen von Care-Arbeit in der freien Tanzszene zu diskutieren, strukturelle Veränderungen zu reflektieren und konkrete Handlungsempfehlungen für dieses komplexe Thema weiterzuentwickeln und gemeinsam die Basis für eine gerechtere Arbeitswelt in den selbständigen künstlerischen Berufen zu etablieren. Bereits in der Zusammensetzung der Teilnehmenden zeigte sich die Relevanz des Themas: Ein überwiegender Teil der Anwesenden bestand aus weiblich gelesenen Personen, während männliche Teilnehmer, die nicht als Referenten eingeladen waren, nur vereinzelt vertreten waren. Diese Zusammensetzung spiegelt die Realität der Care-Arbeit wider, die überwiegend von Frauen geleistet wird. Gleichzeitig wurde den Bedürfnissen der Teilnehmer*innen Rechnung getragen, indem eine Kinderbetreuung vor Ort eingerichtet wurde, um die Teilnahme von Eltern zu erleichtern.

Das Symposium kombinierte wissenschaftliche Vorträge, persönliche Erfahrungsberichte, kulturpolitische Analysen und performative Interventionen, wodurch ein ganzheitliches Bild der Thematik entstand.

Idee und Konzept: Tina Meß und Simone Schulte-Aladağ
Dramaturgie: Karolína Hejnová
Produktionsleitung: Nike Schwederski
Moderation: Anne Schneider
Technische Leitung: Peer Quednau
Dokumentation: Anna Beke
Fotografie: Sara Kurig
PR: Simone Lutz und Nike Schwederski

Mit Beiträgen von:
Cristina D’Alberto (Choreografin, Forscherin), Anna Ehnold-Danailov (PiPa, GB), Jasmine Ellis (Choreografin), Léonard Engel (Choreograf), Nicole Fiedler (DTD), Emilia de Fries (Schauspielerin), Ute Gröbel (Theater HochX), Jana Grünewald (DTD), Karolína Hejnová (Produzentin), Anna Kempin (Shibui Kollektiv), Elisa Müller (Performerin, Regisseurin), Emi Miyoshi (Shibui Kollektiv), Prof. Dr. Angela Pickard (Christ Church University Canterbury, GB), Dr. Daniela Rippl (Kulturreferat), Emmanuelle Rizzo (Choreografin), Dr. Julia Schmitt-Thiel (Stadträtin, SPD), Lara Schubert (Produktionsmanagerin), Marika Smreková (Choreografin, Studio Alta, CZ), David Süß (Stadtrat, Die Grünen – rosa Liste)

Die beiden Tage wurden von über 70 Teilnehmer*innen aus Tanz, Theater, der Münchner Kulturverwaltung, Presse u.a. besucht. Durch eine Kooperation mit Andrea Gern (Tanzszene Baden-Württemberg) kamen auch viele Tanzschaffende aus dem süddeutschen Raum.

Der erste Tag des Symposiums zeigte deutlich die Vielschichtigkeit der Herausforderungen, denen Eltern in der freien Tanzszene begegnen. Die Kombination von wissenschaftlichen Inputs, praktischen Erfahrungsberichten und künstlerischen Interventionen erlaubte eine differenzierte Auseinandersetzung mit folgenden Kernpunkten:

  1. Strukturelle Ungleichheiten: Gender-Care-Gaps, Gender-Pay-Gaps und eingeschränkte Karrierechancen stellen zentrale Barrieren dar.
  2. Individuelle Strategien: Tänzer*innen und Choreograf*innen entwickeln kreative und adaptive Strategien, um Beruf und Elternschaft zu vereinbaren.
  3. Kulturelle und institutionelle Rahmenbedingungen: Fördermodelle, Kinderbetreuungsstrukturen, eine hohe Sichtbarkeit der Thematik und Tourneeorganisation sind entscheidend für die Praxisfähigkeit von Care-kompatiblen Arbeitsbedingungen.
  4. Solidarische Netzwerke: Austausch, gegenseitige Unterstützung und Sensibilisierung sind zentrale Faktoren, um die Situation von Eltern in der freien Szene nachhaltig zu verbessern.
  5. Künstlerische Integration von Care-Erfahrungen: Schwangerschaft und Elternschaft werden nicht nur als Herausforderung, sondern auch als Quelle kreativer Inspiration reflektiert und ästhetisch umgesetzt.

Die Diskussionen machten deutlich, dass Veränderungen sowohl auf individueller als auch auf institutioneller Ebene notwendig sind. Dabei ist eine breite Einbindung aller Beteiligten – Künstler*innen, Produzent*innen, Politik und Förderinstitutionen (Verwaltung) – unerlässlich.

Der zweite Tag des Symposiums richtete einen klaren Fokus auf Produktion, Arbeitsbedingungen und Förderstrukturen. Moderiert von Anne Schneider, knüpfte der Vormittag direkt an die inhaltlichen Schwerpunkte des ersten Tages an: die Vereinbarkeit von Care-Arbeit und professioneller Tanzpraxis, die Gestaltung elterngerechter Strukturen in freien Produktionen und die Reflexion internationaler sowie bundesweiter Fördermodelle.

Besondere Aufmerksamkeit lag auf der praktischen Umsetzbarkeit von Handlungsempfehlungen, die sich aus wissenschaftlichen Erkenntnissen und der Praxis von Künstlerinnen ableiten lassen. Ein zentrales Leitmotiv lautete: „Care-Arbeit darf die berufliche Karriere von Künstlerinnen nicht stoppen, sondern sollte in Produktionsprozesse und Förderlogiken aktiv integriert werden.“

Der Vormittag des zweiten Tages zeigte deutlich:

  1. Produktion und Care-Arbeit sind in der Realität von Eltern untrennbar verbunden.
  2. Offene Kommunikation und Planung sind zentral, um Care-Arbeit nicht auf Einzelpersonen abzuwälzen.
  3. Förderstrukturen müssen flexibel und inklusiv gestaltet werden, um Elternschaft und künstlerische Praxis zu vereinbaren.
  4. Solidarität und Vernetzung innerhalb der Szene sind entscheidend, müssen aber institutionell unterstützt werden, um nicht in Mehrarbeit zu münden.
  5. Internationale Perspektiven zeigen, dass praktikable Modelle existieren, deren Übertragung in Deutschland jedoch politisches Handeln erfordert.

Der Vormittag legte den Grundstein für die weitere Diskussion am Nachmittag, insbesondere im Hinblick auf konkrete Handlungsschritte für Förderinstitutionen, Produktionshäuser und freie Künstler*innen. Nach der Mittagspause lag der Schwerpunkt auf internationalen Best-Practice-Beispielen und darauf, wie unterschiedliche Länder familienfreundliche Kulturpraktiken implementieren. Dabei wurden sowohl institutionelle als auch gesellschaftliche Perspektiven beleuchtet:

  1. Internationale Perspektiven: Prag und UK (Pipa) liefern praxisnahe Modelle für elternfreundliche Kultur. Sichtbarkeit, Flexibilität und Mindset-Change sind zentrale Erfolgsfaktoren.
  2. Austausch aller Teilnehmenden in Tischgesprächen: Bedarf nach klaren Strukturen, Fördermechanismen und Austauschplattformen erkannt.

Den Abschluss der Tagung bildete ein politisch besetztes Podium.

Podiumsdiskussion: „Yes, We Care – Strategien für Faire Care-Arbeit in der Kultur“:

Teilnehmer*innen: Jasmine Ellis (Choreografin), Nicole Fiedler (DTD), Dr. Daniela Rippl (Kulturreferat), Dr. Julia Schmitt-Thiel (SPD), David Süß (Die Grünen – Rosa Liste)
Moderation: Anne Schneider

Zentrale Themen und Erkenntnisse:

  • Gemeinsames Handeln: Nachhaltige Veränderungen erfordern kollektive Anstrengungen aller Beteiligten.
  • Care-Arbeit ist politisch: Sichtbarkeit, Ressourcenschaffung und Mindset-Change sind essenziell.
  • Systemische Veränderung: Identität, Gesundheit und Care-Arbeit müssen auf struktureller Ebene anerkannt werden.
  • Förderung und Ressourcen: Kleine Stellschrauben in bestehenden Strukturen können kurzfristig umgesetzt werden, während langfristige politische Initiativen vorbereitet werden.
  • Gender Care-Gap: Ungleich verteilte Care-Arbeit ist Ursprung weiterer Gaps (Gender Pay-Gap, Investitionslücken).
  • Selbständige Eltern: Spezifische Regelungen für Mutterschutz und Unterstützung freischaffender Künstler*innen notwendig.

Jasmine Ellis betonte: „Mehrfach-Belastung und mehrfach-Diskriminierung sind ein zentrales Thema.“ Julia Schmitt-Thiel: „Wir brauchen einen System-Change, wie wir als Gesellschaft leben wollen. Es braucht eine ganze Gruppe, ein ganzes ‚Dorf‘, ein ganzes System, das gemeinsam Kinder großzieht.“

Die Diskussion zeigte klar: Care-Arbeit darf nicht als individuelles Problem der Eltern betrachtet werden, sondern muss als strukturelles und gesellschaftliches Thema verstanden werden. Politische und institutionelle Akteur*innen spielen dabei eine entscheidende Rolle.

Kurze Zusammenfassung:

In der Podiumsdiskussion wurde die politische Dimension von Care-Arbeit, Gender Care-Gap und die Notwendigkeit systemischer Veränderungen klar formuliert.

Zentrale Botschaft: Care-Arbeit ist Ressource und nicht Hindernis; gemeinsame Strategien, Sichtbarkeit und Mindset-Change sind notwendig, um langfristige Veränderungen in der Kulturbranche zu etablieren.

Resümee des zweitägigen Symposiums

Das Symposium „Tanz und Elternschaft“ offenbarte ein differenziertes Bild der Realität von Care-Arbeit in der freien Tanzszene. Die Präsentationen und Diskussionen zeigten deutlich und alarmierend, dass strukturelle Ungleichheiten nach wie vor bestehen, dass jedoch kreative, solidarische und wissenschaftlich fundierte Lösungsansätze entwickelt werden können. Verstärkte und nachhaltige Sichtbarmachung des Themas in unterschiedlichen Kontexten in Kunst, Kultur, Verwaltung und Politik wurde als Voraussetzung für gewünschte und angestrebte Veränderungen gesehen.

Faire Care-Arbeit in der Kultur erfordert kollektive Anstrengung, Sensibilität für individuelle Lebensrealitäten und die konsequente Umsetzung struktureller Anpassungen. Denn, es geht nur gemeinsam!

Siehe auch Besprechung in Tanznetz.de: Solidarische Räume von Peter Sampel

Ausblick

  • Das Thema beschäftigt das Tanzbüro München weiterhin. In Kooperation mit dem Dachverband Tanz Deutschland und der Tanzplattform Deutschland 2026 in Dresden wird ein Raum zum Thema gestaltet, in dem sich Akteur*innen austauschen können.
  • In Gesprächen mit unterschiedlichen Abteilungen im Kulturreferat und in der Gleichstellungsstelle der Stadt München werden mögliche Verbesserungen für die freischaffenden Künstler*innen innerhalb der Förderprogramme weiterbearbeitet.

Eine Sammlung von aktuellen Studien, Schriften, Handlungsanweisungen werden auf der Website des Tanzbüros zur Verfügung gestellt. 2026 wird ein neues Begegnungsformat entwickelt, dass die Themen des Symposiums aufgreift.


Die Tanzszene Baden-Württemberg hat im Rahmen dieses Symposiums mit Inputs, Vernetzung und Wissenstransfer kooperiert.
Die Veranstaltung fand im Rahmen einer Netzwerkförderung des Fonds Darstellende Künste statt, die ein Zusammenschluss von 10 Tanzbüros/Tanznetzwerken aus 10 Bundesländern zu dem Vorhaben TanzAllianzen bildet: K3 – Zentrum für Choreographie | Tanzplan Hamburg // Fachstelle Tanz Mecklenburg-Vorpommern // ID_Tanzhaus Frankfurt Rhein-Main // nrw landesbuero tanz // Tanzbüro Berlin // Tanzbüro München // Tanzinitiative Brandenburg // TANZKOOP Niedersachsen mit LAFT Niedersachsen // TanzNetzDresden // TanzSzene Baden-Württemberg e. V.