Das Nachleben des Tanzes

Am 23. April wurde im Georg Kolbe Museum in Berlin-Westend mit einer Preview für Fachpublikum und Journalist*innen die Ausstellung „Der absolute Tanz. Tänzerinnen der Weimarer Republik“ (April bis August 2021) ins Leben gerufen. Kuratiert von Dr. Julia Wallner und Brygida Ochaim, korrespondiert die Ausstellung mit der szenografischen Gestaltung und der Arbeit „Blaue und Gelbe Schatten“ von Ulla von Brandenburg.

„Wir tanzen den Tod, die Schwangerschaft, die Syphilis, den Wahnsinn, das Sterben, das Siechtum, den Selbstmord, und kein Mensch nimmt uns ernst. Sie glotzen nur auf unsere Schleier, ob sie darunter was sehen können, die Schweine.“ (Zitat aus der Ausstellung)

Dieses schockierende Bekenntnis von Anita Berber, einer der Skandal-Ikonen der Tanzszene der 1920er Jahre, die mit nur 29 Jahre in Berlin an Tuberkulose starb, kann als prägnanter Ausdruck des Zeitgeistes der Weimarer Republik gedeutet werden. Während der kurzen Phase zwischen der Explosion des Ersten und der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs, rebellierte in Berlin eine Generation junger Tänzerinnen kompromisslos und rauschhaft gegen die ästhetischen Konventionen, Darstellungen und patriarchalen Machtstrukturen einer Weltordnung, die vor ihren Augen unwiderruflich zusammenbrach. In der Atmosphäre der gescheiterten Novemberrevolution 1919, des sich zuspitzenden ideologischen Antagonismus sowie der Antizipation des Schreckens der NS-Zeit, ereignete sich eine künstlerische Revolution, in der gerade die choreografischen Arbeiten von Frauen – wie die Ausstellung im Kolbe Museum zeigt –  eine prägende, nicht zu unterschätzende Rolle spielen. Davon ausgehend, dass die Geschichte der darstellenden Künste der Weimarer Jahre meist mit Arbeiten und Namen wie Max Reinhardt, Erwin Piscator oder Bertolt Brecht assoziiert wird, scheint Bedeutung und Stellenwert der Choreografinnen und Tänzerinnen  dieser Zeit ein immer noch wenig beleuchtetes Phänomen zu sein. Indem die Kuratorinnen Dr. Julia Wallner und Brygida Ochaim das Augenmerk auf Biografien und Werke richten, die einem breitem Publikum größtenteils unbekannt sind, rücken sie diesen blinden Fleck der Kulturgeschichte in ein neues Licht. Die Ausstellung leistet daher einen wegweisenden Beitrag für zukünftige, genderkritische Auseinandersetzungen mit der Kunst der 1920er Jahre und hilft uns dabei, den Kanon der Tanzgeschichte neu zu verfassen.

Anhand einer Vielzahl von Fotografien, Filmen, Skulpturen, Textzitaten, Plakaten, Zeichnungen und Skizzen, die aus diversen Archiven und Sammlungen stammen, rekonstruiert „Der absolute Tanz“ die Positionen und Stile von elf Künstlerinnen: Valeska Gert, Anita Berber, Hertha Feist, Vera Skoronel, Berthe Trümpy, Charlotte Bara, Tatjana Barbakoff, Claire Bauroff, Jo Mihaly, Oda Schottmüller und Celly de Rheidt. Würde man nach jener kuratorischen Geste suchen, die den roten Faden und das Konzept der Ausstellung bestimmt, so wäre es der intermediale Dialog zwischen Tanz, Skulptur, Malerei, Fotografie und Film. Die tänzerischen und choreografischen Figuren werden im Feld erweiterter medialer Konstellationen wahrgenommen, wodurch ein differenzierter Blick auf die Selbstdarstellung der Tänzerinnen der Weimarer Republik ermöglicht wird. Auch hinsichtlich der Inszenierung der Artefakte in der Schau beobachtet man die Wirksamkeit eines bewussten zeitgenössischen Dialogs zwischen kuratorischem Konzept und raumplastischen Arbeiten. Die Raumgestaltung von Ulla von Brandenburg definiert die Szenografie der Ausstellung durch farbige Wände, sodass ein dynamisches Zusammenspiel von Körper, Farbe, Architektur und den ausgestellten Überresten des Tanzes zu Stande kommt. Mit diesen bühnenbildnerischen Elementen wird ein Akzent auf die sinnlich-körperliche Wahrnehmung gesetzt, der den Besuch selbst in eine Choreografie verwandelt und das Nachleben des Tanzes im eigenen Leib verankert. Die Spuren der Performance „Blaue und Gelbe Schatten“ von Ulla von Brandenburg (aufgeführt am 23. April 2021), die in Form weißer skulpturaler Objekte in Kolbes großem Atelier installiert sind, sowie die großen monochromatischen Textilien (die wie Vorhänge wirken und ebenfalls Teil ihrer Arbeit sind), verbinden die verborgene Raum-Zeit des absoluten Tanzes mit dem neugierigen Flanieren der Besucher*innen. In diesem Spiel zwischen Abwesenheit und Präsenz, Rekonstruktion und Vergegenwärtigung, trifft man auf Objekte und Bewegungen, die immer noch vibrieren und das Archiv nicht in die abgeschlossene Vergangenheit, sondern in eine offene Potenzialität der Zukunft verlegen.


Anmerkung: Gemäß des Bundesinfektionsschutzgesetzes ist das Museum vorerst geschlossen. Die Ausstellung „Der absolute Tanz. Tänzerinnen der Weimarer Republik“ läuft bis zum 29. August 2021, aktuelle Informationen zum Besuch unter Corona-Bedingungen finden Sie auf der Webseite des Georg Kolbe Museum.

Update 19.05.2021: Das Museum ist wieder geöffnet!