Thomas Hauerts Where is everybody? ist eine Koproduktion seiner Kompagnie ZOO und der von Tanzenden mit Behinderung gegründeten inklusiven flämischen Tanztruppe Platform K. Am 28. Mai 2026 war das Stück im Rahmen der Potsdamer Tanztage im T-Werk zu sehen.
Ein kunstrasengrüner Vorhang verhüllt in einem ovalen Ring die Bühne. Sechs Performende –drei aus dem seit knapp dreißig Jahren in Koproduktionen erfahrenen Ensemble ZOO und drei Mitwirkende von Platform K – treten vor die Stoffbahnen an den Bühnenrand, verweilen dort, betrachten uns. Die Zeit scheint aufgehoben, wir sind gemeinsam in ihr gefangen. Die Künstler*innen tragen graue Trainingsanzüge, als wären sie Athlet*innen eines Teams. Sie blicken in die Ferne, derweil ich mich in ihren minimalistischen Bewegungen verliere: sanft schwingende Körper, blinzelnde Augen, konzentrierte Blicke, Atmen. Eine Menschenlandschaft, die nicht mehr sein will als das. Mir kommt Papst Leos XIV letzte Enzyklika Magnifica Humanitas in den Sinn: „Ein menschliches Antlitz, das danach verlangt, gesehen zu werden, bleibt das Zentrum der Geschichte.“ Sechs Menschen eröffnen diese Inszenierung Heterogenität und Differenz feiernd.
ZOO-Choreograf Thomas Hauert will die strukturellen Nähte der sich im Raum entfaltenden Inszenierung keineswegs verbergen. Die aktiven Entscheidungen der Tanzenden sind in jedem Moment sichtbar. Seitlich auf der Bühne steht ein kleiner Tisch. Auf ihm eine Schachtel mit Papier, daneben ein Mikrofon. Im Verlauf des Stücks nehmen die Performenden ein Blatt aus der Box und lesen den dort notierten ZOO-Improvisationsvorschlag vor: Bei „Two Points“ berührt Oskar Stalpaert leicht Mat Voorter und Anthony Quintard an verschiedenen Körperstellen. Wir sehen Punkte durch den Raum reisen, bis sie aufeinandertreffen und die Körper, mit denen Kontakt aufgenommen wurde, in Bewegungssequenzen reagieren. Daraus entwickelt sich eine immer wieder neue Gruppenaktion, ein spezifisches, nuanciertes, gemeinsames Tanzen, das in wilde, massive, individuelle Moves mündet und das Gemeinschaftsgefühl der auf der Bühne Agierenden ins Publikum strahlt und dort spürbar wird.
Ich bin fasziniert von der Vielschichtigkeit der Show, begeistert von ihren vielen Elementen: Jede Provokation wird mit Musik unterlegt, die die Performenden im Kollektiv auswählten. Wir hören The Communards mit „Lovers and Friends“, aber auch Hildegard Knefs „Für mich solls rote Rosen regnen“. Das Ganze begleitet von einer dynamischen Beleuchtung, die mich berührt wie Erinnerungen, die im Traum verblassen, um wieder aufzuscheinen. Ein sprachliches Patchwork aus Deutsch, Französisch, Flämisch und Englisch ist ein weiteres Mosaikteil dieser Produktion.
In einer besonders eindrucksvollen Szene tanzt Oskar zu einem Monolog, in dem er sich über sein Down-Syndrom mokiert, das er in einem bilingualen Spiel mit einer Wortschöpfung in „Down Syntraum“ umtauft. Die Gruppe schart sich um ihn und bestätigt, im Chor singend, seine Zeilen. Ein Netzwerk aus sich bewegenden Klangkörpern bildet ein von Echo-Energie getriebenes Kraftfeld um seinen energievollen Vortrag.
Ich erlebte Hauert zum ersten Mal 2014 bei einem zehntägigen Workshop in Paris und war überwältigt von der Konsequenz und Generosität seiner Impro-Praxis. Beispielsweise in „Careful Scientist“, wo jedes Gelenk auf seine Beugungs- und Streckungsfähigkeit erkundet wird, woraus sich mehrere Ebenen von überlagernden Kontrapunktbewegungen ergeben. Dieser Workshop offenbarte mir auch Thelonious Monk, dessen stimulierende Melodien, Dissonanzen und perkussiven Rhythmen Eingang in unser Tanzen gefunden haben. Hauerts komplexe Praktiken bieten umfängliche und zahlreiche Chancen für Ko-Kompositionen aus Rhythmen, Temporalität, Emotion und Persönlichkeit. Where is everybody? lässt dieses Potenzial leben und teilt es mit uns, den Zuschauenden. Am Ende werden die grauen Trainingsanzüge durch bunte, unterschiedlich geschnittene Kleidungsstücke ersetzt. Die Show mündet in ihr Finale, den gemeinsamen Tanz von Publikum und Ensemble, und wir finden zusammen in einer verspielten Zone relationaler Alterität und Freude.
Übersetzung aus dem Englischen von Lilian Astrid Geese
Where is everybody? von ZOO /Thomas Hauert & Platform K wurde am 28. Mai 2026 im Rahmen der Potsdamer Tanztage präsentiert. Die Potsdamer Tanztage präsentieren noch bis zum 7. Juni 2026 ein umfangreiches Programm mit Bühnenaufführungen.