J Neve Harringtons Projekt Screensaver Series: Sleeper Softwares handelt von Zugang und Neurodivergenz. Tanz im August präsentierte das Stück als Deutschlandpremiere in einer Neufassung vom 27. bis 29. August 2025 in der St. Elisabeth Kirche. Am 29. August vormittags leitete Harrington einen Workshop für an Tanz und Bewegung interessierte, neurodivergente Menschen mit dem Titel Gerüst und Verzierung.
Ich betrete die St. Elisabeth Kirche und bin sofort beeindruckt von ihren Dimensionen: Die hohe Decke und ihre roten Backsteinwände faszinieren mich. Sie künden vom Fluss der Zeit. Als Gegenpol zur Größe des Bauwerks drängt sich die Bühne auf eine schmale Fläche in der Mitte des Raumes. Sie besteht aus einem hellgrauen, rechteckigen Tanzboden. Fünf Performer*innen sitzen dort, in einer Reihe hintereinander. Die Zuschauer*innen dürfen sich einen beliebigen Platz wählen. Sie können sitzen, liegen, stehen, herumlaufen, ganz, wie es ihnen gefällt.
Zunächst ertönt die aufgezeichnete Stimme J Neve Harringtons, Regisseurin und Choreografin der Inszenierung und eine der fünf Tänzer*innen, aus den sechs Lautsprecherboxen im Saal. Das Publikum wird eingeladen, sich „einen temporären Ort zu suchen, um zu entspannen, zu hören, zu sehen … und eine fundamental neue Perspektive einzunehmen.“ Als hypersensibler, neurodivergenter Mensch ist mir Entspannung inmitten von Rastlosigkeit, ständiger Bewegung und den Geräuschen der durch den Raum gehenden, einen Platz suchenden Zuschauer*innen unmöglich. In den sie umgebenden Turbulenzen bildet der Fokus der Performenden dennoch einen Ruhepol im Auge des Sturms.
Ihre farbfrohen, bunt gemusterten Outfits stehen in sympathischem Kontrast zu ihrem nach innen gerichteten Blick und ihren kontrollierten Gesten. In gleichmäßigem Rhythmus folgen sie gemeinsam einer schlichten, doch rigorosen Partitur: Im Zustand ständiger Bewegung gilt es, die Symmetrie jeder Regung zu wahren. Kontinuierlich. Immer wieder berühren sie sich gegenseitig, verteilen das Gewicht, um die Balance zu halten und als aus fünf Körpern bestehende Linie einen Ortswechsel vorzunehmen. Zehn Arme, zehn Hände und fünfzig Finger verschränken sich artikulierend. Als ein Organismus atmend vermittelt ihre Koordination ein durch die Praxis gestähltes, geradezu intimes Vertrauen. Die zuverlässig gleichbleibende Partitur, der sie folgen, beruhigt mich, während ich mich gleichzeitig an die Auseinandersetzung mit der meinen Alltag durchdringenden Unzuverlässigkeit gewöhne. Dies zu verkörpern – Zuverlässigkeit, Sicherheit – erfordert Sorgfalt, Disziplin und Hingabe. Ihre Gegenwart zu spüren, wirkt in mir wie erleichtertes Ausatmen.
Langsam wird es stiller im Saal, die Menschen bewegen sich weniger hektisch durch den Raum. Ich kann mich besser konzentrieren und finde, was ich sehe, zunehmend spannend. Derweil geben sich die Performer*innen immer intensiver der Musik hin. Ich ändere den Blickwinkel und erspähe erfreut hier und da ganz private Momente. Ich setze mich in die Nähe der Tänzer*innen, quasi neben sie, und beobachte den bebenden Körper einer Performer*in, der*die einen Kopfstand macht. Ich sehe die Schweißtropfen auf ihren Gesichtern, erhasche ein flüchtiges Lächeln, wenn sich im Move Münder und Nasen berühren.
Die Klanglandschaft fügt sich aus O-Tönen, Stimmen, Bässen und dröhnenden Lautsprechern. Doch ich versuche, sie auszublenden, insbesondere, wenn englische und deutsche Stimmaufnahmen den Raum erfüllen. Die Worte lenken mich von der Choreografie ab. Mir scheint, sie sollen dem Tanz Bedeutung aufzwingen.
Am Ende der Performance verharren die Performer*innen regungslos. Sie schließen die Augen. Die Scheinwerfer erlöschen, helles Tageslicht dringt durch die Kirchenfenster. Für einen Moment spüren wir tröstende Zärtlichkeit, eine beruhigende Stimmung, bevor der Applaus die Stille durchdringt.
Am nächsten Tag bin ich Gast in Harringtons Workshop. Sie erläutert den choreografischen Prozess und ihre künstlerische Intention. Der Raum sieht aus, wie ich ihn vom Vorabend erinnere: Vor, hinter und neben der Bühne laden Bänke, Kissen und Sitzsäcke zum Verweilen ein. Ich folge dem Beispiel der übrigen Teilnehmer*innen, lege mich auf einen Sitzsack und schließe die Augen.
Wir sind zehn in einer kleinen Gruppe, und Harrington führt uns durch den ersten Teil der Performance: Es geht um Ruhe und Neuorientierung. Zunächst erkunden wir gemächlich die Optionen der Entspannung. Dann sollen wir uns am Übergang von Rast und Bewegung versuchen: Wir verändern unsere Position, werden dynamischer, öffnen die Augen ein wenig, um uns auch visuell in diesem Entscheidungsfindungsprozess anregen zu lassen. Die Übung vermittelt mir, dass Screensaver Series: Sleeper Softwares tatsächlich in der Ruhe gründet: Rasten als Basis des Tanze(n)s. Zwar erfordert das Skript Anstrengung, Engagement, doch in der Realisierung kehren die Performenden immer wieder in kurze Ruhephasen zurück. Vielleicht können sie nur so ihre „transitorischen Momente“ in symmetrischer Bewegung aufrechterhalten.
Später versuchen wir selbst, zu symmetrischen Wesen zu werden. Harrington teilt mit uns die Bilder und Texturen, die sie für ihre Performance verwendete: Unsere Körper sind das Land. Der Boden ist das Meer. Der Raum um uns ist die Luft. Wir können Linien und Formen zeichnen, um so die Luft zu zieren. Wir können in ihr auch Stabilität finden. Harrington erinnert uns, dass es wichtig ist, immer wieder ans Land und ins Meer zurückzukehren, um Halt zu finden, um uns zu zentrieren. Wir können Elemente des Landes berühren, Objekte, andere Körper, die uns stützen. Wir können die Landschaft beobachten, ihre Strukturen ertasten. Ich stelle mir vor, dass wir Reisende sind, junge Forschende, die in neue Territorien vordringen. Ich erlebe, wie schön und zugleich schwierig es ist, der Partitur zu folgen. Ich realisiere, dass ich ohne nachhaltiges Interesse, Mut und ständige Praxis keine qualifizierte Forscher*in werden kann.
Zuletzt versuchen wir uns paarweise an der Inszenierung der Performance. Mit Freund*innen symmetrisch zu agieren ist entspannter – und lustig. Sitze ich vor mein*er Partner*in, folge ich meinen Wünschen und fordere ihn*sie vorsichtig heraus. Sitze ich hinter ihm*ihr, kann ich mich von seinen*ihren Bewegungen inspirieren lassen, seinen*ihren Entscheidungen folgen, ihn*sie unterstützen, indem ich körperliche Signale erspüre und Raum oder ein Gegengewicht biete, damit er*sie das Gleichgewicht hält. Harrington sieht den*die Mittanzende als Person, die für einen Rahmen sorgt. In der Gemeinsamkeit mit anderen muss nicht nur ich Ideen produzieren. Gemeinsam erreichen wir Orte, an die wir allein nie kämen.
Ich denke zurück an einen Moment der Zärtlichkeit in der Show. Ein*e Tänzer*in liegt auf dem Boden, ein*e andere*r kniet hinter ihm*ihr und senkt langsam seinen*ihren Oberkörper. Ihre Gesichter berühren sich leicht, beide schließen die Augen, drei Sekunden lang reglos verharrend. Ein Augenblick der Ruhe. Sie öffnen die Augen und tanzen weiter. Ein Hauch von irdischer Intimität inmitten einer streng definierten Partitur zeigt, dass rigide Vorgaben kein Hindernis sind. Sie dienen vielmehr als Container, in dem Gewohnheiten sichtbar und frei werden, und sich Raum für neue Möglichkeiten öffnet. Begegne ich Schranken sanft und humorvoll, erlaube ich Rast auf dem Weg, lassen sich Probleme lösen, und der Prozess wird zu einer spannenden Reise in unbekannte Landschaften, zu fremden Kreaturen. Lasse ich mich ganz und gar darauf ein, kann ich selbst zu einem solchen Wesen werden: eine befreiende Erfahrung, eine Auszeit aus der alltäglichen Menschenwelt.
Übersetzung aus dem Englischen: Lilian Astrid Geese
Screensaver Series: Sleeper Softwares von J Neve Harrington feierte am 27. August 2025 im Rahmen von Tanz im August Deutschlandpremiere in der St. Elisabeth Kirche.