Leila und Abed Kobeissy halten den langen Hals einer Bouzouki. Sie stehen sich gegenüber. Sie blickt entschlossen, er hält sich zurück. Zwei Performende im Hintergrund beobachten die Szene.
Told by My Mother, Ali Chahrour ©Christophe Raynaud de Lage

Sing für mich. Immer.

Told by My Mother, Regie und Choreografie von Ali Chahrour, war am 6. und 7. Juni 2026 im HAU2 zu sehen. 2021 feierte Told by My Mother in Beirut Premiere. Es folgten viele Jahre internationale Tournee, und nun in Berlin das Finale mit den letzten Vorstellungen der Inszenierung.

Als musikalisch erzählte Geschichte in arabischer Sprache und in Bewegung entfaltet Told by My Mother einen poetischen Akt der Erinnerung. Ali Chahrours Hommage an die Mütter Libanons, transportiert in den Erzählungen seiner Tanten Leila und Fatima, beginnt mit Hala Omran: Er steht auf der Bühne und spricht, live begleitet von den im Hintergrund sitzenden Musikern Ali Hout (Percussion) und Abed Kobeissy (Bouzouki).

2012 reiste Hassan nach Syrien. Er kehrte nie zurück.

Hassan ist Fatimas Sohn. Er war erst 27 Jahre alt.

2015 informierten die syrischen Behörden Fatima:

Sie könne Hassans persönlichen Besitz abholen.

Die Performenden treten ohne theaterzierende Kostüme oder Maske auf. Sie tragen Alltagskleidung, ganz normale T-Shirts und Hosen. Einzige Ausnahme: Leila Chahrour, die mit einem schwarzen, den ganzen Körper bedeckenden Kleid und Hijab erscheint.

Das Stück erzählt zwei Geschichten: Der Sieg einer Mutter, deren Sohn überlebt (Leila und Abbas Al Mawla, die selbst zum Ensemble zählen), und die Tragödie einer Mutter, deren Sohn verschwindet, und die bis zum eigenen Tod nach ihm sucht (Fatima und Hassan, denen wir nur in Aufzeichnungen begegnen). Wenn er diese Geschichten erzählt, wird Chahrour später im Publikumsgespräch erklären, dann, weil ihm wichtig ist, dass wir nicht vergessen, dass Menschen, die verschwinden, ohne dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt, mehr als Zahlen sind.

Omran singt.

Hassan, mein Herz.
Fatimas letzte Worte:

„Kehrt Hassan zurück, so sagt ihm, ich habe ihn gesucht.“

Leila singt, doch wir sehen sie nicht. Ich höre sie aus dem Off und denke zunächst, es sei ein Mann. Dann betritt sie die Bühne und singt weiter, mit ihrer tiefen, rauen, markanten Stimme.

Ich sah dich im Traum.

Ach Hassan, du weintest Tränen aus Blut.

Tränen laufen auch über meine Wangen. Und mehr als einmal höre ich das unterdrückte Schluchzen anderer Zuschauender während der Vorstellung. Die Geschichten von Leila und Fatima stehen für die Realität so vieler Menschen, die Kriege erlebten und erlitten. Leila wohnt in einer Schule. Ihr Haus im Südlibanon wurde im israelischen Krieg zerstört. Eigentlich ist sie krank, aber sie will unbedingt auftreten. Sie glaubt an die Macht des Theaters. Diese Macht, so Ali Chahrour nach der Show, liegt in der Fähigkeit der darstellenden Künste, Bindungen zwischen Menschen zu schaffen, eine Verbindung herzustellen, selbst wenn sich ihr Leben drastisch unterscheidet. „Auch wenn es nicht dein Haus ist, das von einer Bombe getroffen wird, so ist es doch auch deine Geschichte“, erinnert er uns.

Kobeissy, dem Publikum den Rücken zugewandt, richtet den langen Hals seiner Bouzouki auf Abbas, als sei sie ein Gewehr. Leila geht zu ihm, hält das Instrument fest, dreht sanft Kobeissys Körper zur Seite und schickt ihn fort von ihrem Sohn.

Nähere dich, und du hörst das Echo meines Leidens.

Du bist das Blut, das in mir fließt.

Ich pflanzte dich in mein Blut, benetzte dich mit meinen Tränen.

„Im Lauf der Jahre, in denen wir diese Inszenierung präsentierten, veränderten wir uns und auch die Performance wandelte sich. Doch real ist nichts anders geworden. Hassan wird immer noch vermisst. Nach wie vor verüben sie Genozide,“ sagt Chahrour. Er spüre mehr denn je das Bedürfnis, kreativ zu arbeiten und die Bühne als Plattform zu nutzen, auf der er sich gegen Ungerechtigkeit wenden und Rechenschaft einklagen kann. Seine Arbeit ist existenziell, erklärt er uns. Ein Mittel „des Widerstands, des Überlebens, des Besetzens von Räumen“.

In der Schlussszene hören die Performenden schweigend eine Aufnahme von Fatima und Hassan. Sie sangen gemeinsam, wenige Tage, bevor Hassan verschwand. Während ihre Stimmen im Saal erklingen, bete ich: ‚Möge die Erinnerung an sie bei uns sein, in diesem Moment, in diesem Raum, in unserem Gedächtnis, auf immer.“

Übersetzung aus dem Englischen von Lilian Astrid Geese


Told by My Mother von Ali Chahrour wurde am 6. und 7. Juni 2026 im HAU2 aufgeführt.