Some Thing Folk, Cullberg/Ligia Lewis ©Dajana Lothert

Sie kommen, um zu stehlen

Some Thing Folk von Ligia Lewis und der Cullberg Company feierte am 28.08.2025 im Rahmen von Tanz im August im HAU 1 Premiere.

Wie entwickelt sich eine Gesellschaft? Wie entsteht Zusammengehörigkeit, wenn der Begriff der Nationalität bewusst ausgeklammert wird? Antwortmöglichkeit 1: Schwerfällig. Schwerfällig schleppt sich die erste Tänzerin auf die Bühne. Schwere Beine, deren Auftreffen auf dem Bühnenboden deutlich hörbar ist. Sie scheint Angst zu haben und sich unwohl zu fühlen, als wäre sie auf der Flucht.  Sie wiederholt: „They are coming. They are stealing from us.“ Währenddessen treffen ihre Füße auf den Boden. Sie beginnt ihre Bewegung zu beschreiben. Toes, Foot, Toes, Foot. Und so entwickelt sich ein Rhythmus, der durch Füße und Stimme hörbar wird. In diesem Rhythmus bewegt sich die Tänzerin seitwärts von der Bühne. Später finden wir heraus, dass dieser Auftritt ein Foreshadowing war. Ein filmisches Stilmittel, das vorausschaut auf die spätere Handlung.

Der Vorhang geht auf und die Bühne ist blau. Blauer Boden, blauer Baum und blaues Geäst. Darauf Tänzer*innen, die ihren Körper scheinbar ausprobieren. Gliedmaße schwingen, Körper rollen und fallen. Lallen und schreien. Und dazwischen wird der eigene Körper immer wieder geschlagen und zurechtgezogen, als würde er nicht gehorchen wollen. Menschen, die ihren Körper entdecken, die eigene Stärke und die eigenen Bewegungsmöglichkeiten. Das erschließt sich. Warum dieser Körper aber nicht gehorcht und geschlagen werden muss, das erschließt sich nicht. Der ganze Prozess wirkt schwerfällig und beruht auf Wiederholung, ohne sich in eine bestimmte Richtung zu bewegen. Das ist mühsam und leider auch ermüdend. Nach einer halben Stunde ist es überstanden.  

Und danach wird die Schwerfälligkeit zurückgelassen. Fließend und mit Freude wechseln die Tänzer*innen vom Gruppentanz zum Reihentanz, vom Reihentanz zum Paartanz und von Paartänzen zu Soli. Da sind sie, die Gemeinschaft und der Tanz. Ob es sich dafür gelohnt hat, eine halbe Stunde zu warten, muss jede*r für sich entscheiden.

Die Stimmung und das Licht ändern sich wieder. Zum blau-lila Licht kommt ein bedrohliches Orange hinzu. Und sie kommen. Sie kommen, um zu stehlen. Und da ist wieder die Anfangsszene und die Schwerfälligkeit. Das Schlagen des eigenen Köpers und Unverständnis, was da eigentlich passiert. „Sie“, das lässt sich vermuten, sind Kolonialmächte, die zum Beispiel die indigenen Völker zurückdrängen und deren Land einnehmen. Genauso werden Tradition und Bewegung abgewertet.  Und dieses Thema ist schwerfällig, alles andere als leicht. Denn Begriffe wie Tradition sind heute mehr Unterhaltung statt Wissen und die Sichtbarkeit eines Volkes und seiner Geschichte, da hegemoniale Diskurse über Jahrhunderte hinweg diese Begriffe zunehmend entleert haben. Und so endet das Stück mit den nach und nach auf dem Vorhang sichtbaren Worten: „to steal a folk / is to kill a Folk / this ist the end / of Some Thing Folk“. Diese Stärke und Klarheit der Schlussverse waren in der reichlich einstündigen Performance leider nicht ersichtlich.


Some Thing Folk von Ligia Lewis und der Cullberg Company feierte am 28.08.2025 im Rahmen von Tanz im August im HAU 1 Premiere.