Mit sieben jungen Tänzerinnen hat sich die Choreografin Mel Brinkmann seit November 2024 einmal pro Woche im Mädchen*zentrum Szenenwechsel getroffen. Entstanden ist dabei Divas, eine ausdrucksstarke Tanzshow, die vom 11. bis 13.04.2025 in den Uferstudios zu sehen war.
Ein langer silber-spiegelnder Teppich, Scheinwerferlicht, ein Mikrofon, eine Kamera. Gespannte Aufregung liegt in der Luft. Wir könnten bei einer Oscar-Verleihung sein, bei den Grammy-Awards oder bei der Berlinale. Im Off am Rande des Scheinwerferlichts sammeln sich die sieben Divas, bevor eine nach der anderen eleganten Schrittes auf dem Teppich entlang nach vorne defiliert. Selbstbewusste Blicke in die Kamera, deren Bild uns Zuschauer*innen von einer großen Projektion auf der Rückwand entgegen strahlt.
„Ich möchte heute darüber sprechen, warum ich tanze.” So beginnen die unterschiedlichen Statements der zehn- bis 15-jährigen Tänzerinnen. Tanzen mache sie frei, sagt eine, Tanzen sei ihr Leben, sagt eine andere. Durch das Tanzen fühle sie sich stark und entspannt, stellt eine dritte fest. Die Reden auf dem roten (silbernen) Teppich – auf dem der Tanz im „echten Leben” ja vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit bekommt – sind ein Plädoyer für’s Tanzen. Doch dass dieses junge Ensemble das Tanzen liebt, muss eigentlich gar nicht noch einmal gesagt werden. Von Anfang bis Ende des Stücks folgt eine fulminante Einlage auf die andere, wobei die Divas alle Register ziehen: Gekonnt bauen sie in den vielen unterschiedlichen Gruppenchoreografien und Duetten silberne Fächer oder Sonnenbrillen ein, spielen mit dem Sich-präsentieren und Verbergen, herausfordernden Blicken und auch mal mit bewusst performter Gleichgültigkeit.

©Sajad Bayeqra
In den prototypischen Gesten stilisierter Weiblichkeit treffen die Mädchen das Klischee der Diva ziemlich genau. Während ihr Leben begehrenswert erscheint – sie isst Éclairs in Paris, ist gutaussehend, sportlich und steht immer im Mittelpunkt – ist dieses Begehren, das sie um als Diva erfolgreich zu sein in Anderen auslösen muss, im Grunde harte Arbeit und fremdbestimmte Disziplin. In einem Monolog gegen Ende des Stücks bringt es eine der jungen Tänzerinnen haargenau auf den Punkt: “Perfekt!” ruft sie aus, “Ich bin genau so, wie es in meinem Regiebuch steht!”
Als erwachsene Zuschauerin, die ja auch einmal eine Zehnjährige, Elfjährige, Fünfzehnjährige war, komme ich nicht umhin, während Divas in rasendem Tempo durch eine ganze Reihe ambivalenter Gefühle zu wandern: Bewunderung für das Selbstbewusstsein, mit dem eine der jungen Frauen den gesamten Raum in den Bann zieht, Mitgefühl mit einer anderen, die im Kostüm der Femme Fatale noch eher wie ein Kind wirkt und ein wenig Unsicherheit zeigt. Aber auch: Erinnerungen an die eigenen Konflikte mit Schönheits- und Leistungsidealen, denen ich in meinen Augen niemals so richtig genügen konnte, oder an den Wunsch nach Anerkennung, nicht für die perfektionierte Anpassung an die Norm, sondern für das, was ich wirklich war und mochte.
Sind das Gefühle und Fragen, die auf die eine oder andere Weise vielleicht auch diese Mädchen beschäftigen? Das Thema, zu dem sie mit der Choreografin, Performerin und Regisseurin Mel Brinkmann und ihrem künstlerischen Team gearbeitet haben, ist jedenfalls selbst gewählt – vielleicht ja nicht nur aus ungetrübter Bewunderung für die Divas dieser Welt.
Divas von Mel Brinkmann wurde vom 11. bis 13.04.2025 in den Uferstudios aufgeführt.