Homopticum, Juan Pablo Cámara with Andrey Bogush ©Petri Virtanen

Optik, Taktik und Haptik im Kapitalozän 

Alice Heyward und Juan Pablo Cámara im Gespräch über Homopticum von Juan Pablo Cámara mit Andrey Bogush, gezeigt am 6. und 7. März 2026 in den Sophiensælen.

Homopticum ist die Expansion des Theaters in ein neues Ambiente. Durch die Konstruktion und Dekonstruktion diverser Körper und Wesen entsteht eine bizarre, geradezu gespenstische Welt und generiert diffuse, doch zugleich evidente Erfahrungen, die eine Einladung zur visionären Politik bergen.

A:
Homopticum erkundet Sphären gesellschaftlicher Kontrolle und evoziert die Masken des Theaters. Ästhetisch und konzeptionell bewegt sich die Inszenierung zwischen Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit. Sie verweist auf die Traditionen des „Weltmachens“ im kulturellen (theatralen) wie sozialen (technologischen) Kontext. 

J:
Ich brauche die Bewegung durch die Zeit(en). Sie ist ein Anachronismus, der Desorientierung provoziert. Mich interessiert das „world-unmaking“, die Rückgängigmachung der Welt. Auf Desorientierung folgt Reorientierung.

Der menschliche Körper lebt heute in ungewohnten, außergewöhnlichen Zeiten. Technologisch erhöht prägt uns verstärkt das Animalische. Zu einst natürlich empfundenen Prozessen gehen wir auf Distanz. Diese hybriden Bedingungen bewirken Ungewissheit, Unsicherheit mit Blick auf die Frage, was Instinkt und was Technik ist, und was sich im Mittelfeld zwischen beiden verortet. Diese Spannung reizt mich ebenso, wie das damit verbundene Ungewohnte.

A:
Technik beschränkt auch unsere körperliche Orientierung. „Augmentation“ erinnert mich an „looksmaxxing“, das Streben nach extremer Optimierung und ihre Online-Präsentationen. 

J:
Es geht um maximale Wirkung und obsessive Visualisierung. Es herrscht ein enormer Druck, den Körper als Objekt zu inszenieren. Mein Objekt in Homopticum ist Tanz; etwas, das beobachtet wird (und selbst beobachtet), eng verwoben mit einer Aufmerksamkeitsökonomie. Optische Bildgebung schafft Möglichkeiten des (Selbst-)Tests: Wie sehe ich? Wie werde ich gesehen? Wir finden uns permanent mit Dingen bombardiert, die wir uns anschauen sollen, und vergessen darüber, wie wir betrachten können. Effekthascherei ist zunehmend wichtig, ein gefährlicher Trend. Mich fesselt der Raum zwischen Langeweile und Begeisterung. 

A:
Das Stück gibt mir Zeit für die Betrachtung. Formen präsentieren sich nicht schnell und gefertigt; sie entstehen; langsam. Ich sah Salsa, mechanische Isolation, Vogueing…

J:
Spuren meiner Beziehung zur Bewegung, Projektionen meiner selbst, die Suche nach dem Zwischenraum, etwas Spezifisches, eine Art Idiosynkrasie. 

A:
Meine Wahrnehmung dringt durch die Form vor, lenkt meinen Blick durch Objektivierung in ein psychologisches Brachland. Theater als Zone der Konstruktion und Transzendenz. 

J:
Ausgangspunkt ist Paul B. Preciados Pornotopia, eine Analyse des Playboy-Imperiums und Hefners Junggesellenbuden, Räume gestaltet zur Förderung von Sex, Produktivität und der Herausbildung von Männlichkeit.

Von dieser Warte aus betrachten wir den häuslichen Raum als Identitätsproduzent. Das Private ist nicht länger privat. Hier entsteht die Verbindung zu Shoshana Zuboffs Überwachungskapitalismus: Privates Erleben wird zu Verhaltensdaten, zum „antizipierbaren Produkt“. Verhaltensweisen werden erfasst, geformt und ins System zurückgespielt. Dabei kann das System Prognosen erstellen und uns manipulieren, damit wir dran bleiben, weitere Daten produzieren, dauerhaft gefangen in Präsenzformen, die unsere Autonomie unterminieren.

A:
Systeme lernen schnell, wenn wir sie nutzen.

J:
Genau. Wir füttern sie ständig, oft ohne dass es uns bewusst wäre. Und selbst wenn wir darum wissen, können wir uns kaum entziehen. Welchen Preis zahlen wir dafür? Arbeit produziert eine mentale Wüste. 

A:
Diese Systeme sollen uns gefallen. Wir sind intensiv eingebunden, doch die Beziehung an sich ist toxisch.

J:
Kontrollverlust ist die Dystopie. Das möchte ich hervorheben und gleichzeitig einen Raum andeuten, der die Erwartungen unterläuft, in dem Ereignisse weder unmittelbar funktional noch berechenbar sind: Aufmerksamkeitsökonomie, die eher emanzipiert als manipuliert. Erfüllung kann sich einstellen, jedoch nur durch Fremdheit oder Unbehagen. Wenn widersprüchliche Gefühle nebeneinanderstehen, kommt es zu Brüchen in der Logik. In diesem Raum ruht die politische Macht. 

A:
Eine Dramaturgie der unvorhersehbaren, sinnlichen Cybersphäre. Wie leben wir mit unseren Prothesen? Wie finden wir Selbstbestimmung?

J:
Das Unvorhersehbare birgt Selbstbestimmung, denn der Kapitalismus beherrscht uns über Prognostizierbarkeit.

©Lado Abesadze

A:
Neue Relationen ergeben sich, wenn wir herrschaftsfrei arbeiten. 

J:
Sonst reproduzieren wir nur die immer gleiche, alte Logik.

A:
Eine seltsame Unbeholfenheit bildet sich heraus. Ich nehme bewusster wahr. Zuletzt beobachte ich, was mit mir geschieht. Ich sehe hin, und deshalb sehe ich. 

J:
Uns selbst beobachten ist heute ein Akt des Widerstands.

A:
Deinen sich wandelnden, vielschichtigen Körper beobachtend entdecke ich mich selbst neu; nicht durch Klarheit, sondern durch Fremdheit.          .

J:
Das Leben ist seltsam.

A:
Das Stück spielt auch mit diversen Perspektiven in seiner Entstehung. Wie prägte es die Koproduktion? 

J:
Der Initiator des Projekts war Andrey Bogush, ein bildender Künstler. Gemeinsam entwickelten wir ein Konzept in einer Übersetzung zwischen den Genres. Dazu kamen dann Joseph Wegmann (Video/Licht), Lennard Schnitzler (Kostüme) und Mauro Guz Bejar (Sound). Homopticum entstand als Koproduktion in Helsinki, Argentinien und Berlin.

A:
Homopticum offenbart den Menschen in seiner aktuellen Situation, Zeitgenossenschaft im Kontrast vielfältiger Betrachtung, Bilder und Geschichten. Im Titel selbst fügen sich Optik, Beobachtung und Homo als Gleichheit von Subjekt und Objekt und gleichermaßen als Verweis darauf, wie sich schwule, männliche Kultur in Physis und Fon manifestiert: konstruiert und konsumiert durch den Blick.

J:
Er ist zugleich Referenz an das Panopticon, eine Architektur permanenter, unsichtbarer Überwachung als Auslöser verinnerlichter Kontrolle. So leben wir heute: Die Grenze zwischen Überwachung und Selbstüberwachung verschwimmt.

A:

In den Hochzeiten der „Cancel-Kultur“ beobachteten die Leute sich gegenseitig und wiesen (sich selbst und gegenseitig) darauf hin, wenn Aktionen „schlecht aussahen“.  Die Konsequenz war häufig (Selbst-) Zensur. Mittlerweile gibt sich diese Form von Beaufsichtigung wesentlich weitreichender, unverhältnismäßig, wahllos und ohne jeglichen Anspruch auf Moral. 

J:
Das ist beunruhigend.

A:
Ein schleichender Prozess.

Übersetzung aus dem Englischen: Lilian Astrid Geese


Homopticum von Juan Pablo Cámara mit Andrey Bogush wurde vom 6.-7- März 2026 in den Sophiensælen gezeigt.