Bei der 30. Ausgabe der Tanztage Berlin (08.-24.01.2026) feierte das Stück the intimacy of collision der libanesischen Choreografin Dominique Tegho in den Sophiensælen Premiere. Ein Bericht über die zweite Aufführung am 18.01.2026.
Wie immer bei den Berliner Tanztagen – und das kann man ja mal anerkennend erwähnen – ist das Haus voll besetzt, das Publikum spürbar gut gelaunt und voller Erwartung. Erst als ich in der dritten Reihe des Hochzeitssaals einen Platz gefunden habe und eine Weile zusehe wie Dominique Tegho und Anthony Nakhlé im Bühnenraum auf- und abschreiten, fällt mir ein, dass das nicht Teghos erste Arbeit ist, über die ich schreibe. 2020 zeigte Tegho, damals vielleicht vor oder zu Beginn ihres Choreografiestudiums am Berliner HZT, im Rahmen der Reihe NAH DRAN (ada Studio) ein Solo. Ähnlich wie in dem Stück, das ich heute sehe, arbeitete Tegho in ihrem Solo von 2020 mit körperlicher Verausgabung, mit einem langsamen Aufbau von Intensität – und mit Obst. Während sie damals am Ende des Stücks Mandarinen im ada Studio verteilte, erscheinen uns die Früchte diesmal zunächst in einer virtuellen Szene. Ein Videostill zeigt die stereotype Fantasie einer Bauchtänzerin in einem Harem. In dieses Bild hinein stolpert eine Figur mit einem obstbeladenen Silbertablett. Mit beiden Händen reißt die Figur (die Performerin Hassandra) Orangen auf, verschlingt das Fruchtfleisch, saugt den Saft aus und schmettert die Reste auf den teuren „Orient“teppich.
Es gibt Dinge und Themen, ob sie nun wie in diesem Fall künstlerisches Material werden oder nicht, die lange brauchen um verdaut zu werden, die sozusagen immer wieder gekäut werden müssen, die vielleicht sogar unverdaulich sind. Der Orientalismus, die Geschichte des exotisierenden Blicks, die untrennbar mit dem kolonialen Verhältnis zwischen dem weißen Europa, der sogenannten westlichen Welt, und den Ländern der arabischen Welt verbunden ist, kann als ein solches sich der Verdauung widersetzendes Thema betrachtet werden. Wie soll auch bitte verdaut werden, was bis heute zutiefst in rassistische Strukturen und Machtverhältnisse verwoben bleibt? Was nicht heißt, dass keine Bewegung stattfindet. In Teghos Stück verlsst die oben genannte Figur den Harem und betritt den Theaterraum. Auf ihrem Tablett türmen sich gammlige Bananenschalen und Orangenzesten. Schließlich landet der Biomüll in hohem Bogen auf dem Tanzteppich. Das Problem ist nicht beseitigt. Der Blick kann nicht zurück in den Zustand der Unschuld. Aber – so scheint die Arbeit zu sprechen – wir können uns weigern, weiterhin alleine auf den fauligen Überresten der Geschichte herumzukauen und sie stattdessen zur causa publica machen.
Nach vielen Worten über das Obst bleiben mir nur noch wenige um zu sagen, dass ich glaube, in den ersten 20 bis 30 Minuten des Stücks Salome gesehen zu haben. Gesehen stimmt nicht. Ich bin ihr in mir begegnet. Sie wippte mit meinen Hüften, schickte Wellen durch meine Wirbelsäule und weckte meine Lust zu tanzen. Das gleiche scheint mir, ist meinem Sitznachbar passiert. Was das jetzt heißt? Vielleicht handelt es sich um eine produktive Rollenverwirrung, wo wir doch – der Sitznachbar und ich – strukturell eher die weißen Erben von Salome-Erfindern und Salome-mit-dem-Blick-Verschlingern sind. Mir hat diese Arbeit jedenfalls viel gegeben: zum Nachdenken, Verstehen oder auch erstmal wirken Lassen.