Notturno – ital. „nächtlich“ – taucht in die Erinnerungen und Erzählungen von Komapatient*innen ein. Das Stück der Choreografin Veronika Riz spielt am 20. und 21. Februar in den Uferstudios.
Ich bin ergriffen vom Thema und stelle mir surreale Traumwelten vor, aber auch Anstrengung und Schmerz und frage mich, ob oder wie sehr Gespräche am Krankenbett in die Welt der Betroffenen eindringen. Bevor die Aufführung beginnt, lese ich Stimmen von Komapatient*innen im Programmheft. Ich bin überrascht von dem positiven Ton der Zitate, die Erfahrungen wirken zwar bizarr, aber auch so, als wären neue Welten und Weiten im Koma erkundet worden, komplett losgelöst vom eigenen Körper.
Die Aufführung beginnt mit einem Video, dessen Bilder und Eindrücke mich an die Zitate aus dem Programmheft erinnern. Wasser, Unterwasser, Wiese, Wald, Vogelrufe. An Orte gehen können, an denen (zu der Zeit) niemand ist. Ich mag die Unterwassergeräusche und denke über die verschiedenen Ebenen vom Unterwassersein nach; gleichzeitig schwerelos und beklemmend. Ich finde die Bewegungen des Tänzers im Video schön, warte aber mittlerweile darauf, dass die Bühne mit Bewegungen gefüllt wird. Während ich darüber nachdenke, verpasse ich die Bewegungen der ersten Tänzerin, die nahe am Boden, mit Haaren überm Gesicht aus dem Nebel herauszukriechen scheint – das Ganze erinnert mich an etwas Horrorfilm-ähnliches. Die Leinwand im Hintergrund zeigt nun abstrakte künstlerische Bilder von einer Lunge (und später anderen Organen) gestaltet von Alberto Scodro. Wir erkunden die Innenwelt der Komapatient*innen, wortwörtlich und imaginär. Die vier Tänzer*innen überzeugen mit ihrer ausdrucksstarken Bewegungsqualität, ich wünsche mir mitzutanzen, die staccato Bewegungen aufzugreifen und die alltäglichen, aber wunderschön ausgeführten und endlos in den Raum projizierten Bewegungen auch in meinen Körper zu übertragen.
Trotzdem kann ich mich nicht ganz auf das Geschehen einlassen. Die Kostüme, Requisiten, die Hebungen sowie die Ebenen, in denen sich die Tänzer*innen bewegen, wirken stark gegendert. Die zwei weiblichen Tänzerinnen tragen Kleid bzw. kurze, enge Kleidung, während die männlichen Darsteller weite Shirts und Hosen tragen. Es gibt immer wieder Szenen zu zweit mit schönen und gut ausgeführten Hebungen, die Rollen aber selten aufgebrochen. Ich sehe Frauen, die auf Männer klettern, Männer, die mit Stöcken tanzen, während Frauen auf dem Boden auf Fellstücken wegrutschen. Eine Szene, die ich besonders schön fand und die die Leichtigkeit der Zitate im Programmheft auf die Bühne überträgt, fühlt sich so an, als wären die Tänzer vom Winde verweht. Aber auch hier sehe ich Männer, die springen, während die Frauen komplett im Bühnenbild fehlen. Ich mag die einzelnen Momente und Bewegungsqualitäten, aber es fällt mir schwer die Geschichte von Komapatient*innen zu sehen und spüren, weil ich von den geschlechtsspezifischen Stereotypen abgelenkt bin.
Gefühlt zieht sich das Geschehen in die Länge, mehrere Organe sind durchgearbeitet und ich warte auf eine neue Perspektive. Diese kommt dann doch unerwartet mit einer riesigen Decke auf die Bühne. Die Tänzer*innen finden Komfort, aber auch Unbehagen, eine Höhle und sanften Untergrund durch die Decke. Kleine, ballähnliche Wassermelonen kreieren einen absurden Kontrast dazu. Mit dem Wandel im Geschehen auf der Bühne frage ich mich, wie man ein Stück über Komapatient*innen beendet. Sollen sie zurückkehren in die „Realität“? Sind sie das vielleicht schon und sie fühlt sich immer leicht verschoben an?
Notturno beantwortet meine Frage mit einer harten Schale, die gebrochen wird und einem daraus erscheinenden Fruchtfleisch, das glücklich verspeist werden kann.
Notturno von Veronika Riz wurde am 20. und 21. Februar 2026 in den Uferstudios gezeigt.