Für die neue Arbeit for the time being (Premiere am 10.03.2026 im Radialsystem) haben Sasha Waltz & Guests mit Improvisationsprinzipien von Authentic Movement und Deep Listening gearbeitet.
Ich bin keine Connaisseurin (oder Connaisseuse?) des choreografischen Œuvres von Sasha Waltz. Das schicke ich diesem Text direkt als Disclaimer voraus, denn ich nehme an, die meisten seiner Leser*innen werden mehr von ihr gesehen haben als ich. Der Blick auf eine Arbeit ist freilich ein anderer, wenn er im Moment des Sehens auch vergangene Momente, wenn er die Geschichte und Entwicklung dieser Arbeit, womöglich sogar eine Vorstellung von ihrer Zukunft mit sieht. Im Falle von Sasha Waltz hätte man sich – und damit meine ich in diesem Fall mich – so einen geschichtsträchtigen Blick aneignen können. Das ist allerdings nie passiert. Stattdessen habe ich nur einmal eine Inszenierung von ihr an der Staatsoper Unter den Linden gesehen und wenn ich es nicht besser wüsste, könnte ich kaum glauben, dass for the time being, dessen Premiere ich gestern besucht habe, aus derselben Feder stammt.
Das alleine ist beeindruckend. Sowie auch die Tatsache, dass Waltz als Teil des siebenköpfigen generationsübergreifenden Ensembles mit auf der Bühne steht. Dabei erscheint sie weder – wie es leider oft passiert – unangenehm als die Choreografin und „heimliche Chefin“ des an diesem Abend ausschließlich improvisierenden Ensembles, noch stehen die Bewegungen und im Moment getroffenen tänzerischen Entscheidungen der inzwischen 63-Jährigen denen der zum Teil sehr viel jüngeren Tänzer*innen nach. Ganz im Gegenteil fasziniert mich sehr, wie sich das Ensemble von Szene zu Szene in Wechseln, die im Dialog mit Licht und Musik erfolgen, immer wieder neu sortiert, sich aufstellt zwischen Nähe und Distanz, Verbindlichkeit und Individualität, Protagonist*in und Gruppe. Sie berühren mich, diese Körper, die ich vor mir zwischen emotionaler Ausdruckskraft und abstrakter Formen changieren sehe, vor allem damit, wie sie in ihrer Unterschiedlichkeit auf der Suche nach einer gemeinsamen Sprache insistieren. Wie in einer Gruppentherapie, denke ich, und meine es zu 100 Prozent als Kompliment, wie in einer Gruppentherapie, die meiner Meinung nach alle machen sollten.
Elementar für die wache Aufmerksamkeit, die die gut gefüllten, rund um die Bühne angeordneten Zuschauer*innenreihen erfasst hat, ist das Prinzip der Zeug*innenschaft. Nur in ganz wenigen Momenten ist da nicht auch mindestens eine*r aus dem Ensemble die oder der, genauso wie wir, das Publikum, beobachtend bezeugt, was auf der Bühne vor sich geht. Magisch wirkt der Blick, fast so als ginge ein Scheinwerfer an. Und das ist dann vielleicht auch die passende Stelle um, apropos Scheinwerfer, anzumerken, dass ein bisschen mehr Licht der Arbeit gut getan hätte. Das Halbdunkel ist als intendiertes Mittel erkennbar und ich schätze es sehr dafür, dass es die Visualität, auch die meiner Rezeption, zugunsten des Hörens und des Affektiven dämpft. Dennoch hat es den Effekt, dass die Bewegungen des einzigen Schwarzen Ensemblemitglieds deutlich schwerer zu erkennen sind als die der übrigen Tänzer*innen.
for the time being von Sasha Waltz & Guests feierte am 10.03.2026 im Radialsystem Premiere.