Mit der Soloperformance DJAM LEELII, a Necroromantic (5.-9.11.2025, Sophiensæle) hat Djibril Sall ein Ritual geschaffen, das die Erinnerungen des Ozeans an all jene beschwört, die in seinen Fluten zu Tode gekommen sind.
Es gibt Dinge, bei denen versteht man – und damit meine ich Mensch – nicht, wie sie angefangen haben. Wann das erste Mal eine*r dachte, „so machen bzw. lassen wir das jetzt“. Was der Anstoß, die Legitimation war. Sie scheinen bis heute unbegreiflich: nicht nur ungerecht, sondern geradezu unrichtig. Und doch geschehen sie weiterhin. Eine dieser Dinge ist die Tatsache, dass Menschen in Meeren sterben. Nicht einer oder zwei, nicht aus Versehen beim Surfen oder Tauchen, sondern zu Hunderten und Tausenden.
In „The Black Atlantic“ beschrieb der Soziologe und Kulturwissenschaftler Paul Gilroy 1993 den Atlantik und seine Küsten als ein geografisches Gebiet, das maßgeblich vom Sklavenhandel geprägt wurde. Über einen Zeitraum von 400 Jahren überquerten über 12 Millionen Schwarze Menschen den Atlantik. Viele von denen, die aufbrachen, kamen nie an. Während ihrer inzwischen an offiziellen Tagen gedacht wird, sterben weiterhin Menschen, zum Beispiel im Mittelmeer. Ihnen verweigern wohlhabende Nationen Mitteleuropas nicht nur die Nothilfe; sie verkennen ganz grundsätzlich ihre historische Mitverantwortung an Armut, Konflikten, Klimawandel und den daraus resultierenden weltweiten Fluchtbewegungen.
Ich glaube, DJAM LEELII – ein Willkommensgruß auf Pulaar – lädt dazu ein, sich in diese kreisförmige Falle, in diese unbequeme Wiederholungsbewegung, in der das Furchtbare immer und immer wieder von vorne losgeht, hineinzubegeben wie in das Auge des Sturms, wo für einen Moment Ruhe herrscht, wo betrachtet werden kann.
In sich gekehrt sitzt Djibril Sall zu Beginn des Abends an einem beleuchteten Schrein aus glitzernden Glaskristallen, die aufgereiht über einer Wasserschale hängen. Am Boden des Beckens schimmert Perlmutt, Wasser tropft in das Becken. Die Ringe, die durch den Einschlag der Tropfen entstehen, breiten sich auf der Wasseroberfläche und vom Licht reflektiert an der Decke aus. Eine Gebetskette gleitet durch Salls Finger. Bald schon beruhigen die Klänge des Wassers und die feinen Bewegungen mein vom Radfahren beschleunigtes Herz. Und auch der Raum, fällt mir auf, wird ganz still, bis Sall sich die Kette schließlich um den Hals legt.Zunächst tastend beginnt nun eine Bewegung um den Wasserschrein, so langsam, dass sie sich nur peu à peu als ein Kreisen enthüllt, ein Kreisen, das bis zum Ende des Abends anhalten wird. Sall schraubt sich vom Becken durch die Wirbelsäule in den Kopf bis etwas aus seinem Mund zu kommen scheint. Schraubt sich so auch durch die unverarbeitete Geschichte, die von Wassermassen begraben auf dem Grund der Meere liegt und mit vielen Stimmen ruft. Die Musik, ein einziger langer Soundtrack, spielt dafür eine tragende Rolle: Kontinuierlich spült sie neue Stimmen und Stimmungen an: das Knarzen eines Schiffsmasts, das Schlagen von Wellen, aber auch Techno, Dub, Fragmente einer Jazzballade – Schwarze Musik. Am Ende dieses Rituals ist Sall selbst klitschnass und Schweißperlen glitzern auf seiner Haut. Er hat sich mit allen Wassern gewaschen und auch ich im Publikum kann nicht sagen, dass ich trocken geblieben bin.
DJAM LEELII, a Necroromantic von Djibril Sall wurde vom 5.-9.11.2025 in den Sophiensælen gezeigt.