Vom 10. bis 14. September 2025 fand die diesjährige Tanznacht Berlin unter dem Titel „Vocal Affairs“ statt. Kuratiert wurde das Festival von Mila Pavićević und Felicitas Zeeden und zeigte eine breite Auswahl an Formaten und feministischen Stimmen.
Diese Tanznacht will DIY und nicht-geförderte Projekte unterstützen um den Haushaltskürzungen entgegenzuwirken, unter anderem mit Formaten wie die Sijelo, einer Einladung, zusammenzukommen, zu erinnern und neu zu imaginieren. Zwei Stücke des umfangreichen Programms durfte ich miterleben.
„Eine kurze Geschichte queerer Frauen“, „Kurdish Women’s Stories“, „Der Körper als Ware“, „Life isn’t Binary“ sind ein paar der Bücher, von denen ich in der feministischen Bibliothek vom MONAliesA-Kollektiv Ausschnitte lese. Ich bin begeistert von der kleinen Bibliothek mit gemütlichen Setting und der guten Bücherauswahl.
Die erste Performance/Sijelo, die ich am Freitag sehe, ist „I Didn’t Mean To Turn You On – IDMTYO“ von The Incredible, Edible Akynos. Sie schlägtLösungsstrategien im Rahmen von Sexarbeit für mehr Umweltgerechtigkeit vor: Kleidertausche, Prinzipien der Sexarbeit wie Kollektivität und Ressourcenaustausch werden uns originell, verführerisch und witzig verkauft. Dazwischen eine Geldpistole, ein Strip, Make-Up Retouch wie bei Beyoncé und eine Leinwand mit reichlich Bild- und Videocontent. Akynos kann unterhalten, improvisieren, Chaos kreieren und ihre, für Schwarze Sexarbeiter*innen und Klimagerechtigkeit plädierende Stimme originell und nachdrücklich vermitteln.
Was aber hat Sexarbeit mit Umweltgerechtigkeit zu tun? Allen voran: Das Recht, sicher im eigenen Körper und der Umgebung zu existieren.
Gesprochenes vermischt sich mit visuellen Inhalten. Reels von Umweltkatastrophen, Fotos von Akynos mit Verlängerungskabeln als Kleidung und Glühbirnen, die aus Körperöffnungen leuchten, Fotos von massenhaft Kleidungsstücken, die die Umwelt verschmutzen. Akynos erzählt von ihrem Aufwachsen in Jamaika und ihren Reisen in westafrikanische Länder, dem Umgang der dort lebenden Menschen mit Strom- und Wasserausfällen. Sie vergleicht deren Souveränität in Krisensituationen mit ihren persönlichen Erleben als New Yorkerin und den Privilegien ihrer (weißen) Mitmenschen.
Dann, „let’s look at my clothes!“
Akynos zeigt uns das maßgeschneiderte Outfit einer nigerianischen Designerin, reine Baumwolle und für nur 40€ erworben. Mir scheint, als erschaffe sie ihre eigene Mini-Ökonomie, nicht unabhängig von globalen Machtstrukturen, aber mit eigenen Regeln, bedachter und mit Bezug zur lokalen Community.
Madonnas Material Girl unterbricht das Geschehen. Während im Hintergrund Fotos von Milliardären, Großkonzernen, aber auch Protesten und Arbeiter*innen ablaufen, strippt Akynos.
Das Skript für die Aufführung geht verloren, Teile überschlagen sich, Chaos begleitet den Abend. Nicht fern von der „Realität“ des Außen, das weder lineare Erzählungen, noch einfache Lösungen bietet.
Die nächste tänzerische Einlage bezaubert mit viel Glitzer, grazilen Armbewegungen, viel nackter Haut, schönen Posen und verführerischen Blicken. Ganz burlesque, kreativ und originell beherrscht The Incredible, Edible Akynos die Bühne und die Zuschauer*innen.
Kurz vor dem Ende husche ich aus der Performance, um rechtzeitig zum nächsten Stück, „Undecidable Question“ der kroatischen Gruppe CO₂…a couple of artists zu kommen. Hier weht ein anderer Wind. In einer ca. 6x6m Box setzt sich das aus 8 Menschen bestehende Publikum auf verteilte Stühle, manche gegenüber, manche Rücken an Rücken. An den Wänden laufen Projektionen, überall hängen kleine Lautsprecher und Mikrofone verteilt. Im ersten Teil des Stückes liest Goran Sergej Pristaš poetische Textausschnitte. Gedanken, Konzepte, Auseinandersetzungen, politische Bewegungen, Konstruktion und Destruktion überlagern sich und werden von den verschiedenen Mikrofonen verzerrt.
Interrupting
One’s own speech
Dwell in possibility
Ich werde gebeten, mich woanders hinzusetzen. Ein anderer Blickwinkel aufs Geschehen, ein Positionswechsel, die Nähe zu den anderen Menschen und den wechselnden Bildern auf der Leinwand ist nach wie vor berührend.
Ich betrachte ein altes Gebäude, Bahngleise, Menschen, die warten.
Catastrophe in transparency
Can we be blinded by transparency?
Ich sehe den Gebilden auf der Leinwand zu beim Gezeichnetwerden, Konstruiertwerden und beim Ausradiertwerden.
Who is we?
The earth turning
Against itself.
Progress at the cost of destruction.

Undecidable Question, CO2…a couple of artists
©Sanja Bistričić
Im zweiten Teil der Performance-Installation erfahre ich etwas über die Entstehung der Erde, lyrisch, poetisch, anders. Eine Stimme aus dem Off erzählt von Fußabdrücken im Sand, die hinterlassen werden, um gefunden, verfolgt zu werden. Die Performerin Nikolina Pristaš steht mit dem Oberkörper nach unten gebeugt, einen Arm mit abgewinkelter Hand in die Luft gestreckt. Verbogen. Sie schiebt leere Blätter unter einen Stuhl, findet einen Stift und zeichnet ihre Fußabdrücke. Abstrakt. Neue Gebilde werden erschaffen und zerrissen. In Bewegung um uns herum und über uns hinweg. Eine Straße aus Papierhälften entsteht, die uns miteinander verbindet. Durch die Mikrofone entsteht ein Echo. Alle hier Anwesenden werden Teil einer neuen Bewegung. Wer wir sind, ist unklar und unwichtig.
Wir bilden einen gemeinsamen Weg, unser Echo hallt auf die Straßen, um andere mitzunehmen. Am Ende ist der Ort für die Fußabdrücke frei und direkt vor mir. Was will ich mit meinem Abdruck hinterlassen?
Die Tanznacht Berlin 2025 fand vom 10. bis 14. September 2025 unter dem Titel „Vocal Affairs“ statt.