FERAL, Josefina Cerda ©Pablo Salvador Valenzuela

Marielle Presente! …Menschsein wird überschätzt

Vom 5. bis 13. September war Dock 11 Spielort des PLATAFORMA BERLIN FESTIVAL. BIPoC/Latinx Kunstschaffende thematisierten in ihren Projekten geopolitische Fragen und deren Bedeutung im Kontext des aktuellen und zukünftigen Zustands der Menschheit.

Das Festival eröffnet am 5. September in einer Doppelvorstellung mit der Deutschlandpremiere der von Colleen Ndemeh Fitzgerald, Naledi Majola und Sointu Pere kollektiv realisierten Produktion Black Resistance Practice 1: Geschichten über die Unterdrückung der Afrikanischen Diaspora. Mit dem Ruf „Marielle presente!” beschwören die Künstler*innen den Geist der 2018 brutal ermordeten Black Brazilian queeren Aktivistin. Marielle Francos tragischer Tod steht symbolisch für die Unterdrückten dieser Welt und mahnt alle, die die systematische Niederhaltung von PoC, Frauen, Besitzlosen und rechtlos gemachten Menschen thematisieren: Wer das macht, riskiert viel. Marielle Francos Namen nennen ist eine Form des Widerstands. Und so stehen Colleen Ndemeh Fitzgerald, Naledi Majola und Sointu Pere nebeneinander auf der Bühne, halten sich an den Händen und vermitteln eine zunächst leise Wut, die sich schließlich Bahn bricht und sie einen Schritt nach vorne treten lässt.

Ihre Schritte ertönen laut, wenn sich die drei – Hand in Hand – durch den Raum treiben lassen. Auf der Bühne liegen Autoreifen, leere Wasserkrüge, Trommelstöcke. Sie sind Hindernisse auf dem Weg der Performer*innen. Sie müssen um sie herumgehen. Einen Moment lang zerreißt ihre Reihe. Vorsichtig lassen sie sich treiben, allein, als Individuen, bis sie links in der Ecke der Bühne wieder zusammenfinden. Sie verlagern ihr Gewicht, wiegen sich vor und zurück, stampfen mit einem Fuß auf, machen eine ausladende Bewegung mit dem anderen. Ihre Moves werden zunehmend intensiver. Ein dynamischer Rhythmus entsteht, spiegelt ihr Atmen, die rechte Faust recken sie rebellisch nach oben. Ihre in der Gemeinsamkeit entwickelte Stärke trägt sie durch den Raum – in einer Kombination aus stampfenden Schritten, klatschenden Händen, wirbelnden Trommelstöcken. Sie klopfen auf die Wasserkrüge, um die Bässe zu betonen, und singen Widerstandslieder. Dann lächeln sie sich an und tanzen zu ihrer eigenen – selbst komponierten – Musik. In ihrem Zusammenwirken verkörpern sie Schwarze Freude, Black Joy.

Und doch dringt die Realität, ihre wahre Situation, immer wieder an die Oberfläche. Sie wenden uns den Rücken zu, drängen in Richtung hintere Bühnenwand, heben die Arme über den Kopf. Langsam und gemeinsam nähern sie sich der vorderen Rampe und werfen dabei gruselige Schatten an die Wand, die immer größer werden: ein Verweis auf die wachsende Zahl Unterdrückter, die Tag für Tag zum Schweigen gebracht werden. Als sie schließlich fast direkt vor dem Publikum stehen, beginnt ein neuer Gesang, verbreitet sich auf der Bühne, hin und wieder Gewehrsalven imitierend. Ich denke an die Justiz, das System der „Gerechtigkeit“, das für Menschen wie Marielle und die Communities, für die sie kämpfte, tatsächlich ein fundamental ungerechtes, ein Unrechtssystem ist. Nach drei Zugaben gehen Pere, Majola und Fitzgerald ab. Wieder rufen sie: „Marielle presente!“, und wir schließen uns ihnen an. Jetzt dürfen alle ihre Wut spüren und hören.

Feral, die zweite Performance des Abends, eine Produktion von Josefina Cerda, ist ein Gesangsstück, das das Thema Sexualobjekte und Empowerment der Lust erörtert. Cerda kichert und stöhnt, während Cerda ein Sexspielzeug lutscht. Verspielt schaut Cerda uns an, derweil wir uns um den*die Performer*in gruppieren. Auf dem Tisch neben Cerda liegen diverse Sexutensilien. Mit einer zum Bob frisierten blauen Perücke, einem schwarzen Bustier mit silbernen Schnallen und passendem schwarzen Rock: Cerda ist begeistert. Wir schauen zu, nicht wissend, was uns erwartet. Nun wird das Sexspielzeug, mit dem gerade noch gespielt wurde, dem Publikum angeboten. Die Enttäuschung, wenn die Menschen im Saal sich weigern, daran zu lecken, ist nicht zu übersehen. Völlig unbeeindruckt lutscht Cerda weiter, wie an einem Eis am Stiel, während im Hintergrund ein Text an die Wand projiziert wird. Cerdas Stimme erklingt: „Ich bin Schauspieler*in, eine Hure und süchtig nach der Lust.“

Wichtiger aber ist, dass uns der Text vermittelt, dass der*die Performer*in „sich als Sexualobjekt“ identifiziert. Nun verschwinden die Worte, und Cerda erhebt sich umständlich vom Stuhl, geht hinter den Tisch. Aus dem Publikum wird entsetztes Ausatmen laut, als sichtbar wird, dass Cerda die ganze Zeit auf einem Dildo saß.

Auf einem kleinen Keyboard, das Miauen von Katzen imitierend, wird  „Twinkle, Twinkle, Little Star“ gespielt, mikrofonverstärkt und das Lied mit einem Looper aufzeichnend. Das Schlaflied läuft weiter, während Cerda beginnt, über eigene sexuellen Erfahrungen zu sprechen. Darüber, seit frühestem Alter von der Idee der Lust besessen zu sein. Diese Entdeckung lässt Cerda fragen, warum die Gesellschaft Sexualobjektsein als problematisch empfindet und nicht-menschliche Wesen für weniger wertvoll erachtet. Wenn Objektivierung mich ermächtigt, mir Kraft und Stärke gibt, ist das doch kein Problem?

Cerda gibt die Fernsteuerung für den Vibrator einem mutigen Gast im Publikum weiter und nimmt das eigene Stöhnen mit dem Looper auf. Lustvolles Lachen, als sich die eingestellte Stufe als recht hoch erweist. Cerda tanzt zu dieser sexuell aufgeladenen Live-Vokal-Klanglandschaft, setzt eine Maske auf, die einer Vulva ähnelt, und reibt sie, hält einen zweiten Vibrator an die Klitoris, bis Cerda auf die Zuschauer*innen spritzt, die am nächsten sitzen. Scheinbar müde bricht der*die Performer*in schließlich auf dem Tisch zusammen. Hektisch atmend sagt der*die Künstler*in, dass das Menschsein manchmal den Wunsch, als Objekt gesehen zu werden, unterminiert. Vielleicht verbindet uns das Streben nach Lust und Glück. Vielleicht macht es uns zu Menschen. Cerda sagt dazu: „Menschsein wird überschätzt.“

Die erste Inszenierung thematisiert Spannung, die zweite Entspannung, und der Abend wird so ausgesprochen interessant, nachdenklich machend und inspirierend.

Übersetzung aus dem Englischen: Lilian Astrid Geese


Black Resistance Practice 1 + Feral wurden am 5. September 2025 im Rahmen des PLATAFORMA BERLIN FESTIVAL 2025 im Dock 11 gezeigt.