Das ID_Tanzhaus Frankfurt Rhein-Main lud am 14. März 2025 online zu einem Zukunftslabor zum Thema Programmgestaltung und Kuration ein.
Dokumentiert von Melanie Suchy
Wird darüber gesprochen, geht es zunächst einmal um Positionen. Da stehen: Menschen, Werke, Häuser, Geldtöpfe. Da stehen Menschen auf verschiedenen Seiten – also: Es gibt sozusagen Räume, eher nicht Spielräume, aber Territorien, man steht einander gegenüber oder, eher unangenehm, die einen stehen oben, die anderen unten. Manche Menschen befinden sich in Nachbarschaften, daraus machen sie Zusammenschlüsse, oder auch nicht. Manche Menschen werden als eine Art Masse betrachtet und heißen dann Publikum.
Das Publikum ist Publikum, nur wenn es sich zur Kunst begibt, wenn es sich z.B. ein Tanzstück anschaut. So ein Tanzstück wird von den Menschen, Sorte Künstler*in, gemacht. Für das Machen benötigen sie Geld, und für das Vorzeigen des Werks benötigen sie Platz, einen speziellen Raum, sonst weiß das Publikum nicht, wo es die Kunst finden kann. Und das Kunstwerk selber braucht auch Mehreres, um sich als sich selbst entfalten zu können. Und das Geld, nicht das Eintrittsgeld (falls es überhaupt erhoben wird), sondern die Honorare etc. etc. für die Künstler*innen und deren Teams, also für die sogenannte Produktion, das ist in Bewegung. Das wird verteilt.
Meistens sind es Steuermittel, also von allen Werktätigen bezahlt (außer Gering- und flüchtigen Höchstverdienern), zum Teil auch von Stiftungen. Nur wie kommt das zu den Künstler*innen?Kuratieren ist Lenken, ist Wählen, ist Entscheiden. Für und gegen, im Sinne eines größeren Fürs, oder nicht?
Das ID_Tanzhaus Frankfurt Rhein-Main lud im Rahmen der Tanzallianzen, einem Verbund aus zehn Tanzbüros und -netzwerken, zu einem Online-Treffen ein, das als „Zukunftslabor“[1] konstruktiven Austausch vorsah. Als Thema war „Kuratieren“ gesetzt. Zu der Konferenz am 14. März 2025 schalteten sich zahlreiche Teilnehmer*innen aus mehreren Bundesländern dazu, die meisten in der Freien Szene tätig, seit etlichen Jahren oder erst seit kurzem, auch eine Dramaturgin eines Stadttheaters war dabei, deren Haus jahrelang Kooperationspartner in einem biennalen Tanzfestival war.
Das Sprechen über „Kuratieren für und durch die Freie Szene“ moderierte Asja, Performerin und Mediatorin. Foren mit allen auf dem Bildschirm wechselte sie ab mit Break-Out-Sessions, deren Resümees anschließend mit den anderen geteilt wurden.
Da einen Tag zuvor Ergebnisse einer neuen Förderung einer Frankfurter Stiftung für die Tanzszene in Hessen bekannt geworden waren (zunächst nur die Ablehnungsmitteilungen), verlagerte dies zunehmend den Fokus der Gespräche. Deshalb organisierte das ID_Tanzhaus Frankfurt ein kürzeres Folgetreffen am 6. Juni 2025, um ohne diesen Druck die Themenfäden noch einmal aufzunehmen. Diesmal war die Gruppe kleiner.Im Vordergrund sollten titelgemäß Erfahrungen und Vorschläge für das Kuratieren der Freien Szene selber bzw. untereinander und füreinander stehen. (Das Thema ist verwandt mit dem der künstlerbetriebenen Spielstätten). Doch spielten andere Situationen von Auswahl in die Gespräche hinein: Bewerben um Fördergelder, Gastspiele und Festivaleinladungen fester Häuser.
Es kann helfen, Mechaniken oder Prozesse vorhandener Kurationen zu verstehen, auch das eigene Tun beim Kuratieren zu hinterfragen und ggf. aus Kritik heraus Forderungen ans Kuratieren anderer zu stellen.Im Folgenden führe ich die kurzen Berichte, Einwürfe, Kritiken, Vorschläge, Fragen aus, sodass hoffentlich alle Stimmen zu Wort kommen. Manches mache ich als Zitat extra kenntlich mit „“. Ich versuche thematisch zu bündeln, im Sinne einer guten Lesbarkeit, und füge dabei die zwei Sitzungen zusammen. Letztlich ergibt sich aus den genannten Erfahrungen mit Kurationen – als Kuratierte und als Kuratierende – sowie Wünschen nach Verbesserungen ein Katalog, der zum Denken und Handeln anregt. Wer auch immer die Anregungen wann wofür wie gewichtet oder zu gewichten fordert.
Schon die Vorstellungsrunde deutete etliche Erfahrungen der Teilnehmenden mit dem Kuratieren und auch Solidarisieren an, sei es beim Gründen und Betreiben von Produktions- oder Trainingsorten für die Freie Szene Tanz am Ort, sei es im universitären Bereich (studentische Festivals). Das Bewerben um Geld, um Fördermittel kennen so gut wie alle.
Die strikte Trennung der Bereiche ist nicht immer einfach und verschwamm in den Gesprächen zuweilen: Denn Kuratieren ist (auch) abhängig von den Projektförderungen (in all ihrer Mehrschichtigkeit, weil i.d.R. eine Förderung nicht ausreicht). Diese diktieren, was geht, was überhaupt Performance werden kann und dann auswählbar ist für ein Festival, Showcase o.ä. Einige Kurationen sind aber zugleich Förderungen, indem ihre Auswahl Produktionen ermöglichen, d.h. die Kuratierenden verfügen über Fördermittel sozusagen als Mittelsleute.I Kuratieren für und durch die Freie Szene
Beispiele für Kuratierpraktiken in der Freien Szene
In Frankfurt a.M. schreibt das ID_Tanzhaus seit Anfang 2021 jährlich bezahlte Residenzen aus (https://www.idtanzhausfrm.de/de/projekte/residenzen/)[2]. Eine der Grundfragen lautete: Wie kann ein Entscheiden in Bewerbungsprozessen gestaltet werden, das möglichst unabhängig ist von allerlei Verbindungen, Kontexten, also Abhängigkeiten, Ungleichheiten, Voreingenommenheiten. Um eine gute, faire Auswahl zu ermöglichen, entwickelten Mareike Uhl und Amelia Uzategui Bonilla vom ID_Tanzhaus-Team ein spezielles System: anonyme Jury und anonyme Bewerber*innen. Namen (und Viten und institutionelle Verflechtungen) bleiben ungenannt. ID_Tanzhaus beruft eine vierköpfige Jury, deren Mitglieder votieren mit Punkten und ohne Diskussion untereinander. Dieses System tauge allerdings kaum für Gastspielauswahlen. Dieses Manko motivierte das Team zu diesen Zukunftslabor-Gespräch: „Wie kann man beim Programmieren von Programm ein ebenso unvoreingenommes Kurationsmodell entwickeln, das wertschätzend mit den Künstler*innen/Gruppen/Produktionen umgeht, die es auswählt oder nicht auswählt. Sind offene Ausschreibungen der richtige Weg? Gäbe es Alternativen?“
In Dresden existiert seit 2010 ein Netzwerk freier Tanzkünstler*innen, https://tanznetzdresden.de/. In Verbindung mit dem Festspielhaus Hellerau organisierten sie – also die Freie Szene selbst – ab 2011 eine Aufführungs-Plattform, „Linie 8“, achtmal im Jahr in Hellerau (https://tanznetzdresden.de/linie-8/). Das Haus gab ihnen Carte Blanche. Sie kuratierten „wild“: „wenig Geld, viele Leute“, kurze Stücke. Im Laufe der Jahre veränderte sich das Vorgehen: 1) „Jeder konnte sich zeigen, der sich der lokalen Szene zugehörig definierte“. Fazit im Nachhinein: „kein best-practice-Beispiel“. 2) Ein Open Call, einige Kriterien und ein Entscheidungs-/Auswahlprozess, ca. 7 Leute (diejenigen, die organisierten) suchten aus. Folge: Die Kritik wuchs, nun komme ja nicht jeder „rein“. 3) Eine Auswahl-/Voting-Prozedur wurde entwickelt: Wer sich bewirbt, ist auch mal in der Jury, ohne fixe Kriterien. 4) Lotterie. 5) Online-Voting des gesamten Netzwerkes über die Bewerbungen. Problem: Wer genau gehört dazu? Aber der Frust war geringer.
Inzwischen sei die Szene professioneller geworden. Die Sache, als grassroot gestartet, wird aber nun komplizierter und komplex, da Hellerau Anforderungen stellt (will „Labels“); doch sichtbarer für die Öffentlichkeit. Desto „geschlossener“ werde die Kuration, die immer noch ehrenamtlich geleistet wird. Diese Ehrenamtlichen wollen transparent und caring sein – aber: Der Mangel an Zeit und Geld behindert das mit Druck und Drängen.
Das Societätstheater in Dresden (https://www.societaetstheater.de/ueber-uns/manifest/) wollte 2019 einen Tanzabend aus Kurzstücken etablieren. Eine Tanzkünstlerin begann, alleine, die Auswahl zu machen. 1) Sie wählte Bekannte und Freund*innen. Nächste Schritte: 2) Sie zog fürs Auswählen zwei Kolleg*innen hinzu, nun also luden 2 „Gruppen“ ein. 3) Mitglieder von Tanznetz Dresden kamen hinzu. 4) Offene Ausschreibung, Bewerbungen u.a. mit Videos. 5) Die Jury wurde vergrößert.Gießen: Während der Corona-Zeit haben Künstler*innen ein Fake-Festival kuratiert, um Geld zu generieren, um damit wiederum die eigentliche Arbeit an Stücken zu machen: „eine Art self-curation“.
Frankfurt a.M.: Der Tanzkurator am Gallus-Theater ermöglichte ein Mehrstückeprogramm Freie Szene Tanz an 2 Abenden. Das Sommerwerft-Festival setzt die Night of Dance an, ebenfalls co-kuratiert von ID Tanzhaus Frankfurt. Auch in anderen Städten gibt es Abende für die lokale Freie Szene, „selbst“-kuratiert. Zunächst müssen sich die Leitung und Dramaturgie eines Hauses/Festivals entscheiden: open call oder von vornherein eigene Auswahl. „Oder irgendwie beides“.
Frankfurt a.M.: Mit Beginn des Zusammenschlusses freischaffender Tanzkünstler:innen und –wissenschaftler*innen zu ID_Frankfurt – Independent Dance and Performance e.V. im Jahr 2009 entwickelte das Team die Idee einer lokalen Tanzplattform. Sichtbar werden, sichtbar machen! Sie verbreiteten einen Open Call und baten eine Frankfurter Nichtkünstlerin, Journalistin, zu kuratieren, was sie in Absprache mit dem Team tat. Die Budgets für „Tanzpanorama“ 2009 und 2010 waren mini, der Raum ungewöhnlich, erforderte Verlegen eines mobilen Tanzbodens. Denn ein bestehendes Freies Theater war nicht zur Kooperation bereit. Die Auswahlquote war hoch (wenig Ablehnungen), das Echo gut. 2011 und 2012 zog die Plattform unterm Namen „Rough Cuts“ ins Frankfurt LAB. Als Fortentwicklung entstand 2013 das biennale „Implantieren“-Festival, kuratiert von 3 Personen der Freien Szene. Das Fördergeld ging an sie zunächst, sie hatten 1 ½ Jahre Zeit, um 11 Stücke auszuwählen, ein Konzept zu erstellen und „to create communities“: „Das war harte Arbeit!“. Und dazu musste das Erarbeitete denjenigen gefallen, die das Geld geben (to please). Ein Beteiligter nennt es „vicious circle“ [Teufelskreis].
Ausgangsfragen für die Diskussionen:
Wie sollte eine Struktur oder ein Haus der freien Szene die freie Szene programmieren, z.B. Festivals, Showcases, Reihen? Was wären faire und nachvollziehbare Auswahlprozesse? Mit Einsatz welcher Kriterien? Wie könnte diese Kuration nachhaltig gestaltet werden?
In mehreren Städten gibt es „Events“, an denen sich Künstler*innen der Freien Szene der Performing Arts beteiligen können. Zunächst sind „alle“ gemeint. Aber wie geht der nächste Schritt? (Wird ein Profitraining organisiert, ist dies auch eine Auswahl, eine Art Kuration)
Wem dient die Kurationsarbeit, z.B. Tanzstücke auszuwählen?
Publikum: Für wen machen die Künstler*innen ihre Performances, für wen baut eine Kuration ein Programm? Wie können sie (mehr) Öffentlichkeit gewinnen – außer mit eingebauter „Partizipation“? Soll, wer kuratiert, auch für die PR, also für Publikumszuspruch sorgen?
Was ergibt ein „gutes Programm“? Wie wird es gemacht? Mit definierter Themenvorgabe? Sie kann helfen. Aber grenzt auch aus, s.u.
Freie Szene: Wer gehört dazu, und was bedeutet diese Zugehörigkeit? Wen meinen Open Calls von Kuratierenden (oder Förderern)?
Sollten sich die Künstler*innen in kuratierte Orte bzw. Möglichkeiten einpassen? Wie? „Wie kuratiere ich mich selbst, um überhaupt arbeiten zu können? Wie geht Überleben?“
Wie kann man beim Kuratieren die Freie Szene ggf. mit einem Stadttheater zusammenbringen?
Wer braucht was? Die Bedürfnisse („needs“) unterscheiden sich, auch die der Künstler*innen (so gab es auch innerhalb der kleinen Diskussionsgruppen unterschiedliche Meinungen zu bestimmten Punkten). Wer befriedigt welche Bedürfnisse? Wie?
Bestimmte Erfordernisse haben auch Aufführungsorte und die Performances, z.B. an Raum, Beleuchtung, Zuschauerplatzierung, große oder kleine Produktion. Wo und wie zieht man beim Kuratieren Grenzen bei Möglichkeiten und Bedarfen von Häusern, Festivals, Stücken?
Inwiefern ist Kuratieren (noch) ein „act of taking care“? Ein Kümmern – um wen? Kuratieren soll mehr Rücksicht nehmen u.a. auf die Künstler*innen (siehe auch unten zu „Diversität“).
Wie könnten die Player der Freien Szene auch bei ihren nächsten Schritten unterstützt werden, wenn sie einmal ausgewählt wurden. Und wie diejenigen, die noch nichts geschaffen haben, und bei bestimmten Auswahlprozessen somit keine Chance haben?„Kuration heißt Macht auszuüben und ist deshalb ungerecht“. Jeder Auswahlprozess (der u.a. auf Mangel an genügend Geld basiert) ist „antisozial“ und auf Entsolidarisierung / Separierung ausgelegt.
Gefordert wird Fairness beim Aufteilen der limitierten Ressourcen von Geld und Zeit (und Raum); sie braucht viel Kommunikation. Wäre eine „gute (Um)verteilung“ der begrenzten Mittel eine „faire“? Inwiefern? Wie wäre sie zu bewerkstelligen?
Zugänglichkeit: Weniger Text von Bewerber*innen einfordern als bisher! Außer mit Texten sollte es möglich sein, Bewerbungen mit anderen Medien (Audio, Film) einzureichen oder live + in Präsenz vorzutragen. Dies wird anderenorts schon praktiziert: Bewerbung in jeder Form möglich, aber z.B. mit Höchstdauer von 10 Minuten.
Kriterien:
Wie werden Kriterien entwickelt u.a. für Showings? Wie transparent werden sie gemacht? Forderung nach mehr Transparenz.
Wie kuratiert man „Themen“? Wer bietet ein Thema an: die Kuratierenden oder die Künstler*innen?
Jedes Format braucht je eigene Kriterien; auch bestimmte Themen brauchen eigene Kriterien, z.B. die Arbeiten zu sozialen Fragen. Auch Künstler*innen sollen Themen setzen können – Kurator*innen müssen dafür offen sein, neugierig. „Das Ohr an den Künstler*innen haben“.Kategorien von Künstler*innen und ihrer Kunst: (inwiefern) sollen von vornherein bestimmte Künstler*innen ein-/aussortiert werden? Nachwuchs, „schonmal gefördert“, Wohnsitz, Arbeit/Aktivität am Ort, Genres, Stile etc.
Längerfristige, nachhaltige Kooperationen werden gewünscht – im Sinne von Geben + Nehmen und einer Art Heimat-Theater oder -festival für Künstler*innen. Doch ist hier auch Fluidität nötig, damit neue oder andere Künstler*innen zum Zug kommen.
Können Kuratierende Neulingen der Szene (und auch Nicht-Neulingen) beim nächsten Schritt helfen? Wie?
Die Jury soll beim Auswählen das Publikum im Blick haben, dessen „Realitäten“ und was diese Leute (aus der Stadt, der Gesellschaft) sehen wollen und womit sie sich „verbinden“ können, statt dass sich die Jury an „Ideologie und Politik“ orientiert.
Muss es ein Entweder-Oder sein bei der Ausschreibung: easy und ganz offen / open vs. kompliziert?
Kriterium: Diversität
Chancenverteilung: Werden nicht „meistens die Gleichen“ ausgewählt, was zu Homogenität führt?
So werden u.a. nicht-Westliche, nicht-Eurozentristische, nonbinäre, behinderte etc. Künstler*innen und Ansätze außen vor gelassen. Wie können diese unterstützt werden? Ein Open Call „für alle“ gibt ihnen nicht die gleichen Chancen. Jurys müssten mehr über deren Leben/Lebens- und Arbeitsbedingungen wissen.Wie geht Dekolonisieren beim Kuratieren?
Um marginalisierte Perspektiven/Künstler*innen zu unterstützen und entsprechende Lücken beim Fördern oder Kuratieren zu schließen, nützt ggf. eine (transparent gemachte) Quote beim Auswählen (vgl. dance data project in den USA).
Unterschiedliche soziale oder migrantische Herkünfte sind zu beachten. Doch Vorsicht vor Tokenismus, der Beteiligung signalisiert, aber nicht realisiert. Wie lässt er sich mit „care based curation“ verhindern? Bis wohin vielleicht kann er toleriert werden?Einwurf: Vorsicht vor zu viel Bürokratisierung bei geforderten Veränderungen bzw. Ausdifferenzierungen.
Wird nun das Showcase/Festival im Ansatz auf ideale Weise divers – Formate, Stücke, Stile, Hintergrund der Künstler*innen (und der Jurymitglieder, s.u.): Wie lässt sich nun eine Grenze ziehen, um das Programm gut zu machen und weil nicht alle mitmachen können (begrenzte Ressourcen)? Einen Fokus / Oberthema / Motto setzen (s.o.) und beim nächsten Mal verschieben? Also irgendwie fluide agieren und auch längerfristige Entwicklungen beachten?
Das Kurationssystem sollte Feedback zu sich selber involvieren.
Besetzung der Jury
Wer bestellt eine Jury? Nach welchen Kriterien? Mit wie vielen Mitgliedern und zu welchen Konditionen?
Wünsche aus der Freien Szene: Die Jurymitglieder sollten viel Seherfahrung haben, sollten sich auch auskennen in unterschiedlichen Kunstformen und hinsichtlich access needs. Die Jury sollte intersektional besetzt sein, unterschiedliche Perspektiven aufweisen. Künstler*innen und Nicht-Künstler*innen. Jurymitglieder sollten auch „von außen“ kommen, Distanz aufweisen. Und aus der Freien Szene selber. Die Rollen können wechseln: Künstler*innen werden zu Entscheider*innen. Jurymitglieder sollten auch aus dem „normalen Publikum“ rekrutiert werden, so werde die angepeilte Zielgruppe mehr beteiligt. Gut wären ordentlich bezahlte Beraterverträge für Jurymitglieder, die so mehr Zeit für ihre Tätigkeit hätten (Ohr an der Szene etc.).Transparenz!
Die Ausschreibung transparent machen: Wie hoch ist die verfügbare Gesamtsumme, woher stammen die Gelder, sind sie definitiv zugesagt? Wie viele Positionen können vergeben/platziert werden, dazu ggf. die vorherigen Antragszahlen und Auswahlquoten. Für welchen Kontext wird die Auswahl getroffen? Ggf. die reservierten Positionen und Mittel für die bislang Marginalisierten offenlegen (beim Finanzkalkulieren deren needs beachten).
Zukunft: Ein Haus der Freien Szene – Welche Kurationen sollte es haben?
Den Austausch der Künstler*innen untereinander ermöglichen, Unterstützung für ALLE, gemeinsames Tun und Arbeiten, und das bezahlt. Auch non-curation oder self-curation ermöglichen: Offene Abende für lokale Künstler*innen, z.B. jährlich. Nähe der Kurator*innen zu den Künstler*innen. Mehrere Häuser am Ort nicht isoliert voneinander agieren lassen.
Einwurf: Statt nach gutem „internen“ Kuratieren zu suchen, müsste die Frage viel größer gestellt und müssten größere Pläne gemacht werden, um für die Freie Szene insgesamt bessere Konditionen fordern / erkämpfen zu können.
II Fördergeldvergabe / Projektförderungen
Aus Perspektive der Freien Szene
Grundfrage: Was/wer ist überhaupt die „Szene“? Vor der Frage nach Formaten und Kuratieren steht die Notwendigkeit zu netzwerken, die Netzwerke so stark zu machen, dass sie auf die Macht der Verbände und Institutionen einwirken können.
Denn das Reden und Planen „gegen Wände“ ermüde zu sehr und mache die eigene Position zu klein („Einzelkämpfer*in“). Wo also ist der common interest der Leute in der „Szene“ mit all ihren Ressourcen? Diese „Szene“ kann aus dem Lokalen hinaus ins Land, bundesweit und international ausgreifen, auch an vorhandene Zusammenschlüsse andocken: Sie sollte sich selbst als viel größer verstehen. Aufruf: Solidarität praktizieren! –
Ressourcen: Das Wissen um unterschiedliche Szenen/communities und Fördersysteme kann nützlich sein, auch um der gedanklichen Fixierung auf bestehende formalisierte Strukturen zu entkommen. Ebenso das Wissen um Formen der Solidarität und wie eine Szene nachhaltig, sustainable, werden kann.Zuweilen funktioniert es schneeballmäßig: Sobald ein Förderer zusagt, sagen andere auch zu: Sie vertrauen dieser einen Juryentscheidung/-expertise. Gibt es eine Art „supertrust“, den Künstler*innen gewinnen könnten – und wie?
Forderungen aus der der Freien Szene an die Förderer:
Zu unterscheiden wären: Ideale, Wünsche, konkrete Forderungen (der Freien Szene) bzw. Schritte, um das Gewünschte zu verwirklichen. Welches sind die?
- Die Bewerbungsphase sollte bezahlt werden (vgl. Sozialsysteme in Belgien und Frankreich). Anders gesagt: Die Honorarkalkulation sollte 30% fürs Networking etc. einbeziehen („faire Honorare“).
- Mehr Einfachheit in den Prozessen, um die ständige Anspannung zu vermindern, unter der die Künstler*innen wegen des Überlebensmodus‘ und des Wettbewerbs leiden.
- Formulare fürs Bewerbungsverfahren selber entwickeln oder bestehende verändern, dann entsprechende Änderung beim Förderer vorschlagen bzw. einfordern.
- Die Jury über die Lebensbedingungen der Künstler*innen informieren (im Wissen, dass diese Bedingungen die Art von deren Kunst beeinflusst). Wie wäre das zu realisieren? Hier wäre zu unterscheiden zwischen lokalen und Gast-Künstler*innen.
- Kontakt und gute Kommunikation: Sollte Pflicht sein. Und es kommt auf den Respekt dabei an und die Qualität! „3 formale Sätze sind zu wenig“ als Feedback. Mehr Informationen von Förderern über Absagen (Begründungen!), aber auch über Zusagen. Eine Orientierung der Ab/Zusage-Briefe an den Kriterien wäre nützlich. Ebenso zusätzlich ein Bericht über die Sitzung oder Juryentscheidungen.
- Das Nachfragen als Einzelne*r nach dem Ablehnungsgrund z.B. per Telefon passiert kaum: aus „Scham“ und „Feigheit“. Die ließe sich verhindern, „wenn alle in einem Boot“ sitzen, sich zusammentun, ggf. auch mit der Kritik am gesamten Prozess incl. Ausschreibung.
- Förderer oder Festivalleiter*innen sollen zugänglich sein, ggf. auf informellem Wege. Es sollte eine Gleichwertigkeit bestehen zwischen Bewerber*in + Förderer*in, sollten sich als Partner*innen zu verstehen versuchen. Der Auswahlprozess wird dann insgesamt humaner.
- Formen des Feedbacks: Hier wären auch Austauschformate, mehr Dialog und Networking denkbar
Absagen: Was tun mit dem NEIN? Wie könnten Künstler*innen, deren Anträge (immer wieder) abgelehnt werden, unterstützt werden?
„Es ist nie genug Geld für alle da.“
Kollegialität, Solidarität
Kolleg*innen: Seid transparent untereinander!
Ließe sich die Bewerbungssituation mal umkehren? Eine Stadt bewirbt sich um Künstler*innen? Das Selbstverständnis, gebraucht zu werden von Häusern/Stadt etc., kann zur Stärke werden.
„Gate keepers“ gibt es überall, die wenigsten wurde als solche geboren. Auch Kurator*innen haben sich mal beworben. Nur sind manche schon sehr lange auf ihren Posten und pflegen evtl. zu viel Routine. Da bräuchte es frischen Wind.
… Was ist Kuratieren: filtern, auswählen, fischen, bewerten, killen, leben lassen,
fallen lassen, vorwärtsbringen, highlighten …
[1] Das Zukunftslabor ist der Thinktank des ID_Tanzhauses. Es lädt die freie Tanz- und Performanceszene aus der Region dazu ein, gemeinsam über zukunftsfähige Produktionsstrukturen und wichtige aktuelle Fragestellungen zu diskutieren und sich an der Ausrichtung des ID_Tanzhauses aktiv zu beteiligen.
[2] In den ersten Jahren (2021, 2022) konnten jeweils acht, dann vier (2023), zuletzt (2024, 2025) nur noch zwei realisiert werden wegen knapper Mittel. Die Anzahl der Residenzen wurde deshalb bei der Ausschreibung nicht genannt, einmal mit dem Zusatz, bei mehr Mitteln gebe es evt. später im Jahr noch einmal Residenzen.
Diese Veranstaltung ist Teil des bundesweiten Vorhabens TanzAllianzen, gefördert vom Fonds Darstellende Künste aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Die Projektpartner*innen werden kofinanziert durch die jeweiligen Kommunen und Länder.