Wunderkammer, eine Choreografie von Marcos Morau mit Musik von Clara Aguilar und Ben Meerwein, feierte am 31. Oktober 2025 in der Komischen Oper Berlin Premiere. In faszinierenden Tanzszenen, als Dynamit auf der Bühne, wirbelte das Staatsballett Berlin sein Publikum durch einen düsteren Science-Fiction-Traum. Die Produktion ist noch bis zum 23. April 2026 auf dem Spielplan.
Viele, endlos viele Körper auf der Bühne. Fast permanent. Sie bewegen sich mit unbändiger Energie und Präzision im rasanten Tempo, das wechselnder Sound, Licht und Bühnenbild vorgeben. Kein Moment des Stillstands, atemlos, unerbittlich. Spannung liegt in der Luft. Ein Gefühl des Gejagtwerdens breitet sich aus. Gebückte, gebeugte Rücken, verdrehte Glieder, choreografierte Enge und Einklang. Ruckartige, abrupte, abgehackte Moves, rhythmisches Stampfen. Plötzliche Schreie ertönen, als kurze Gesten, die Mimik, Zungen und Stimmen mit maximaler körperlicher Ausdruckskraft erzeugen.
Hier gibt es kein Zögern. Kein Takt wird ausgelassen. Wir sehen Tanz ohne Hierarchie, ohne Geschlechterrollen. Abstrakte Wesen provozieren mit beeindruckender körperlicher Finesse das kontrollierte Chaos. Wellenartig verschränken sich Gliedmaßen in schwindelerregender, unermüdlicher Regung wogend. Ich glaube, ich träume, sehe Bilder, die sich nicht logisch in Worte fassen lassen. Die unerbittliche Intensität der Performance erschöpft mich, doch ich kann nicht aufwachen.
Jede Szene ist eine neue Seite in meinem Science-Fiction-Roman. Ich denke an ein bizarres Spieluhrarrangement: Eine*r steht in der Mitte und spielt Akkordeon, während die anderen sie/ihn wie Puppen in einem Horrorfilm umringen. Wir hören ihr Flüstern, wenn sich die Tanzenden an der Bühnenrampe dem Publikum nähern, derweil im Hintergrund blinkende Leuchten sie wie Motten anziehen. Einmal liegen ihre Körper wie gestapelt auf einer riesigen, silbern glänzenden Skulptur, die aussieht wie pyramidenförmig aufeinander geschichtete Kisten. Ganz oben kniet ein*e Tanzende*r und windet sich dem von oben herabscheinenden Lichtstrahl entgegen. Andere schlagen in choreografierter Hektik immer wieder ihre Hände vors Gesicht. Ich empfinde Tragik. Ich spüre den plötzlichen Drang, meine Arme auszustrecken und sie zu umarmen und ihre bebenden, gehetzten Körper zu halten.
Zittern und Erschauern. Lautloses Schreien. Kollektiv gesprochene Worte formen sich in rhythmischem Gesang. Mir ist schon schwindelig von der großen Masse sich kreuzender Körperteile, als ein Spiegel auf der Bühne erscheint und das Bild vervielfacht. Extrem helles Lampenlicht schmerzt in meinen Augen. Die Seiten meines imaginären Buches blättern sich weiter. Ich rase wie im Rausch durch differente Welten.
Zuletzt gehen die Lichter im Saal an, während es auf der Bühne dunkel wird. Der große Spiegel reflektiert nun das Publikum. Jetzt sehen wir uns selbst. Die Tanzenden mischen sich unter die Zuschauenden und beginnen zu singen. Zum ersten Mal kommt diese Inszenierung ohne ihren ohrenbetäubenden Soundtrack aus. Zu hören sind nur noch die Stimmen der Performer*innen, getragen von distantem Takt.
Heute Nacht schläft die Welt, sagen sie…
Dunkelheit umfängt uns, um uns auszulöschen.
Ach Dunkelheit, umarme uns in dieser Nacht.
Sind sie in unseren Träumen?
Sind wir in ihren Träumen?
Sind wir in unseren Träumen?
Sind sie echt?
Sind wir echt?
Ist irgendjemand echt?
Der Spiegel verschwindet, ein strahlender Lichtschein erfasst die Bühnenmitte. Die Tänzerinnen und Tänzer wenden sich um. Langsam nähern sie sich dem Leuchten und kehren zurück, als würden sie durch ein Tor gezogen, in ihre eigene Welt.
Übersetzung aus dem Englischen: Lilian Astrid Geese
Wunderkammer von Marcos Morau feierte am 31. Oktober 2025 in der Komische Oper Berlin Premiere.