Fitzgerald kniet auf einem Erdhügel. Sie blickt nach unten und hält einen runden Metallgegenstand in der Hand. Vier afrikanische Yamswurzeln liegen seitlich auf dem kleinen Hang.
I want revenge, grandma, Colleen Ndemeh Fitzgerald ©Alicja Hoppel

Im Land des Leids

I want revenge, grandma, komponiert und performt von Colleen Ndemeh Fitzgerald, war als Wiederaufführung am 17. und 18. Januar 2026 im Rahmen der 30. Tanztage Berlin in den Sophiensælen zu sehen. Das Stück thematisiert die Brutalität der europäischen Kolonialisierung Afrikas.

Nach der Performance konsultiere ich den Online-Katalog des Humboldt Forums. Im Abschnitt „Ethnologische Sammlung“ klicke ich auf „Afrika“. Dort finde ich Bilder von Ahnenmasken aus dem Osten Liberias. Ein absurdes Gefühl: Spirituelle, heilige Objekte ausgestellt in Vitrinen, hinter Glas in einem Museum in Berlin. Ich erinnere die Szene aus I want revenge, grandma, in der Colleen Ndemeh Fitzgerald, eine Künstlerin mit Kpelle (liberischen) Wurzeln, auf zwei Videoscreens über der Bühne im Festsaal der Sophiensæle zu sehen ist: Ich erkenne ihr Gesicht, verzogen zu einem lauten Schrei. Das Video zeigt eine Tür mit der Aufschrift „Afrika“, dahinter erkennbar weiß-sterile Regale mit afrikanischen Objekten. Ich höre Fitzgeralds Stimme, eine Tonaufnahme. Weißsein und Ausbeutung – whiteness and extraction – hängen zusammen, sagt sie.

Auf der Bühne liegt Fitzgerald unbewegt und schweigend auf einem dunklen Erdhügel, während eine Stimme aus dem Off, visualisiert mit Dokumentaraufnahmen aus den 1960er Jahren, die Zerstörung beschreibt, die die „ignorante weiße Glückseligkeit“ (Fitzgerald) für Liberia bedeutete. Ihr Beispiel ist die deutsche Bong Mining Company, die mit massiven Bergbauprojekten zwischen 1958 und 1990 die Gebirgslandschaft eines indigenen Dorfes in Liberia komplett verwüstete. „Das Leben der Weißen gedeiht, während alles um sie herum vernichtet wird, insbesondere, wenn sie von dieser Vernichtung profitieren“, sagt die Künstlerin, während die Bilder gerodeter Wälder im Videostream vorbeiziehen. Sie spricht von der Wut, die in ihr schwelt und jeden Moment ausbrechen kann.

In der nächsten Szene, ein Live-Dialog mit dem Geist ihrer Großmutter, beschreibt sie gnadenlos ihre Rachegelüste. Sie will so grausam sein, wie die Weißen, will sie zu ihren Sklaven machen, will fett werden wie die Weißen, die sie dann herumtragen müssen. Sie will ihnen ein Messer in die Brust stoßen… Ob sie auch Rachefantasien hatte, fragt ihre Großmutter. Ob sie auch davon träumte, die Hände um den dürren Hals eines weißen Mannes zu legen und zuzudrücken. Zu erleben, wie Fitzgerald ihrer Wut so unverblümt Ausdruck verleiht, wirkt wie eine Katharsis.

Sie sitzt tief, diese Wut, gespürt seit Generationen. Wer genau hinhört, vernimmt die gleichen Worte aus dem Mund der Ahnenmasken im Humboldt Forum.

Die Performance endet, wie sie begann, mit dem „Kpelle-Tanz“ (Fitzgerald): beschwingte, schnelle Tanzschritte, geschmeidige Bewegung der Arme, aufwärts, abwärts, seitwärts, begleitet von lebhafter, ausdrucksstarker Mimik. Bevor sie ins Finale überleitet, bittet sie das Publikum auf die Bühne. Wir stehen im Kreis, die Performerin in der Mitte, und sie erklärt uns, dass dies ein Moment der zwischenmenschlichen Reparation ist, in dem diejenigen, die anderen das größte Leid zugefügt haben jene entschädigen, die am stärksten verletzt wurden. Dafür, so fordert sie die Zuschauenden auf, ohne explizit weiße Menschen zu nennen, sollen sie Bargeld auf den Boden legen. Es berührt mich, wie Fitzgerald ihre Macht demonstriert, indem sie das Publikum einlädt, die Portemonnaies aus der Tasche zu holen und zu bezahlen. Nachdem viele Münzen und ein paar Scheine auf der Bühne liegen, tanzt sie. Hin und wieder wirft sie Erde und Geld in unsere Richtung. Einige weiße Zuschauende schrecken zurück, wenn brauner Sand auf sie zufliegt. Schwarze Zuschauende sehe ich in diesen Momenten leise lächeln. Einige stampfen sogar mit den Füßen und jubeln. 

An diesem Abend stehen wir gemeinsam auf dem Land, das Colleen Ndehmeh Fitzgerald als eines beschreibt, in dem Weiße den Reichtum und Komfort genießen, der aus ihrer generationenlangen Ausbeutung Afrikas resultiert, und vollziehen ein gemeinschaftliches Ritual, in dem wir die Kolonialgewalt der Vergangenheit und Gegenwart zusammen anerkennen.

Übersetzung aus dem Englischen: Lilian Astrid Geese


I want revenge, grandma von Colleen Ndemeh Fitzgerald wurde am 17. und 18. Januar 2026 im Rahmen der 30. Tanztage Berlin in den Sophiensælen gezeigt.