OMÂ, eine „Autofiktion“ von und mit Roxana Küwen Arsalan war vom 17. bis 19. Februar 2026 in einer Wiederaufführung im Chamäleon Berlin zu sehen. Bei der letzten Vorstellung stand auch die Deaf Performerin Paulina Güllü auf der Bühne. Sie dolmetschte alle lautgesprochenen Worte in Deutsche Gebärdensprache (DGS).
Omi, die Show, die ich heute sah, handelte von der persischen und der deutschen Großmutter der Performerin. Die beiden sind sich nie begegnet. Roxana Küwen Arsalan imaginiert in ihrer Inszenierung, sie würden miteinander Tee trinken. Ich hoffte, mehr über die beiden Frauen zu erfahren. Doch sie blieben vage Gestalten, Reflexionen des eigenen, gespaltenen Selbst der Künstlerin. Ich lernte nur, dass die deutsche Großmutter Diabetes hatte und dennoch heimlich Zucker aß, und dass die iranische Omi nach dem Gebet einem attraktiven Fußballspieler im Fernsehen zuschaute.
Roxana zitiert Friedrich Schiller als deutsche Großmutter, und Hafez als Iranerin. Nach dem Schlussapplaus erklärt sie jedoch, dass ihr Farsi für Hafez nicht ausreiche. Sie sagt, sie habe nur einen Kinderreim rezitiert. Omi, was würdest du empfinden, wenn ich dir das antäte? Sähest du es nicht als Abwertung deiner Person gegenüber der deutschen Großmutter? Oder entdecktest du darin eher Roxanas Wunsch nach einem Vermächtnis, auf das sie nicht wirklich zugreifen kann?
Roxana nimmt einen Granatapfel und einen Erdapfel, quasi als Symbole für die beiden Länder Iran und Deutschland. Den Granatapfel nennt sie „exotische Frucht“, und die Kartoffel bezeichnet sie als „privilegiert“. Sie erzählt, dass sie, wenn sie ihre iranischen Wurzeln offenbart, als „unvorstellbar“ und „außergewöhnlich“ wahrgenommen wird. Sie tanzt mit dem Granatapfel, geradezu zärtlich, zu persischer Musik.
Omi, bei diesen Szenen beschlich mich das unangenehme Gefühl, dass die Künstlerin nicht nur den Iran exotisiert, sondern sich selbst. Ich habe den Eindruck, ihr Stück will vor allem ein weißes Publikum ansprechen, dem der Schmerz einer gespaltenen Identität als „interessanter“ Augenöffner erscheint. Was meinst du? Habe ich recht? Oder sollte ich mich eher auf Roxanas Trauer angesichts ihres inneren Konflikts und ihrer Bemühungen, die Verbindung zu einem gefühlt fehlenden Teil ihrer selbst wiederherzustellen konzentrieren? Wie siehst du die Tatsache, dass wir während der Performance nur iranische Songs hörten?
Roxana spricht pausenlos, überwiegend Hochdeutsch, gelegentlich gewürzt mit Worten auf Plattdeutsch oder Farsi. Mit fröhlicher Stimme plaudernd, springt sie von Thema zu Thema: ein Erlebnis in Teheran, die Politik Irans, ihr Leben als Weiße, damit sie nicht Opfer von Rassismus wird, und anderes mehr.
Omi, ich gestehe, mir wurde davon schwindelig. Dich hätte Roxana vermutlich mit ihren Jonglierkünsten beeindruckt. Ich hingegen versuchte, den roten Faden zwischen all diesen Kunstschnipseln zu entdecken.
Erinnerst du dich noch an Paulina? Du trafst sie letzten Herbst in Seoul? Heute stand sie mit auf der Bühne. Sie dolmetschte die lautsprachlichen Texte der Performance in Deutsche Gebärdensprache. Ich freute mich, sie zu sehen. Sie gebärdete sogar die persischen Liedtexte, die den meisten Hörenden im Saal vermutlich verborgen blieben. Schade, dass sie nicht wirklich kreativ und real in die Inszenierung integriert wurde, sondern nur diese ergänzend agierte. Paulina berichtete mir nach der Show, dass sie am Vortag bei den Proben dabei war.
Omi, ich schreibe dir, weil ich zu Beginn der Vorstellung ein Blatt Papier mit zwei Fragen erhielt, die ich beantworten sollte. Die eine Frage lautete: Was würdest du deiner Großmutter sagen, wenn du ihr von diesem Stück erzähltest? Da dachte ich natürlich an dich. Du sagst ja immer, du seist nur eine schlichte Bäuerin, zu dumm, um komplexe Dinge zu verstehen. Doch ich weiß um die Kriege, die Kolonialisierung, Armut, das Leid und die Diskriminierung, die du in deinen 92 Jahren erlebt hast. Ich weiß um deine Weisheit.
Also, Omi, was hältst du von OMÂ?
Übersetzung aus dem Englischen: Lilian Astrid Geese
OMÂ von Roxana Küwen Arsalan wurde vom 17.–19. Februar 2026 im Chamäleon Theater gezeigt.