Eröffnung JTB, Workshop Dabke ©Helia Jafarzadeh

Hoffnungszeichen an der Hasenheide

Institution der Zukunft: Zur Eröffnung des Jungen Tanzhauses Berlin

Welch ein kultureller und kulturpolitischer Aufschlag in Zeiten, in denen es für den Tanz in Berlin in etlichen Bereichen nach einer erneuten Phase der Prekarität aussieht. Am Wochenende eröffnete das Junge Tanzhaus Berlin in Neuköllns Lucy-Lameck-Straße. Livia Patrizi und ihr Team von TanzZeit e.V. gewannen Ende 2024 die Ausschreibung für den Ort, weil die dekoloniale, queer*feministische Initiative Oyoun nach einer laut damaligem Kultursenator Joe Chialo antisemitischen Programmierung den Zuschlag verloren hatte. Möglichst schnell sollte hier ein neuer Betreiber tätig werden – ohne Vorbereitungszeit und, wie sich bald herausstellte, auch ohne ausreichende finanzielle Ausstattung. 1,07 Millionen Euro waren dem ehemaligen Brauereigebäude als Betriebs- und Programmbudget laut Ausschreibung zugedacht. Wenige Tage nachdem TanzZeit den Zuschlag bekam, kursierten im November 2024 die Listen zu den Kulturkürzungen – und Livia Patrizi samt Team entdeckten, dass ihr Titel auf Null gesetzt war.

Nur aufgrund von Improvisationstalent und Durchhaltevermögen, zwei wesentlichen Kennzeichen von Berlins Tanzszene, gibt es das Junge Tanzhaus Berlin. Mit dem ihnen eigenen Unternehmungsgeist gelang es Livia Patrizi und dem TanzZeit-Team, nach dem November 2024 in zähen Nachverhandlungen senatsseitig für 2025 ein Budget von 500.000 Euro zu verhandeln. Für szeneweiten Unmut sorgte, dass dieses Übergangs-Budget aus den Töpfen für Tanzvermittlung und Archiv im Rahmen des Runden Tisch Tanz sowie aus den Mitteln des Tanzes für Junges Publikum stammte. Während ein Junges Tanzhaus an den Start gebracht werden sollte, schienen andere langjährige verdienstvolle Akteur*innen drangegeben zu werden. Seit letzter Woche, dramaturgisch gekonnt zwei Tage vor der Eröffnung,  ist nun klar, dass die Politik sich des Problems angenommen hat. Sofern der derzeitige Haushaltsplan im Abgeordnetenhaus bewilligt wird, ist das Junge Tanzhaus Berlin im Jahr 2026 mit 800.000 Euro vorerst gesichert, und diese Mittel haben die Haushälter offenbar auch nicht aus den anderen Tanz-Töpfen entnommen. Ein gutes Zeichen – auch wenn letztlich noch nicht klar ist, wem das Geld fehlen wird.

Erleichterung herrschte also bei der Eröffnung am Samstag. Bespielt wurde von vormittags an das ganze Haus, das, nahe dem Hermannplatz im bevölkerungsreichen Schillerkiez liegt. Schon die Morgen-Angebote, darunter eine Aufführung des partizipativen Krump-Stücks „Ich kann’s nicht lassen“ von Janne Gregor und die Kinderdisco, waren völlig überfüllt. Wer nachmittags dazu stieß, kam im Foyer kaum mehr durch die Menschenmenge. Ein Teil der Besucher*innen sah noch bei den Solo-Darbietungen von Künstler*innen unterschiedlicher Tanzstile und -kulturen zu, während ein anderer sich schon auf den Weg in den Saal machte, wo die Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson erwartet wurde. Danach ging die Premiere von „Mein Tanz“ über die Bühne, vier kurze Stücke, choreografiert von Kindern und Jugendlichen. Und zum Abschluss lief „A Human Race“, das von den Tanzkomplizen produzierte Krump-Stück des französischen Choreografen Grichka Caruge zu Strawinskys „Sacre du Printemps“.

1.500 Besucher*innen zählte das Tanzhaus-Team nach dem Eröffnungstag. 4.000 waren es schon in den Monaten zuvor gewesen, denn seit April finden in dem ehemaligen Brauerei-Gebäude an der Hasenheide Tanz-Workshops, Sessions und Urban Dance-Battles statt. Bedarf gibt es für diesen im Entstehen begriffenen speziellen Dritten Ort, der Begegnungsräume, Produktionsstätten und Bühne vereint und vorerst einzigartig ist in Europa. Auch wenn das Berlin-weite Haus für Choreografie und Tanz nach wie vor fehlt und die Resultate des Runden Tisches Tanz auf bestenfalls minimalem Niveau gefördert werden, ist in der Lucy-Lameck-Straße immerhin einmal eine Immobilie an die Sparte Tanz gegangen. Fürs Publikum der Zukunft, das von den Kürzungen in Bildung, Sozialem und Kultur besonders betroffen ist. Einem Projekt aus der kulturellen Bildung den Zuschlag für die Lucy-Lameck-Straße zu geben, ist ein „Hoffnungszeichen“, wie es Livia Patrizi in ihrer Eröffnungsrede formulierte.

Lang ist die Erfolgsgeschichte, die zum Jungen Tanzhaus Berlin geführt hat. Begonnen hat sie vor 20 Jahren, als die Tänzerin und Choreografin Livia Patrizi anfing, Tanz in Schulen zu bringen. Bewegungsstunden, Workshops, Aufführungen: Patrizis Programm TanzZeit ist seither aus Berlins Landschaft der kulturellen Bildung nicht mehr wegzudenken. In der Nachfolge von Royston Maldooms wegweisendem Tanz-Bildungs-Projekt „Rhythm Is It!“ mit den Berliner Philharmonikern hat TanzZeit über die Jahre mehr als 25.000 Schülerinnen und Schüler erreicht.

2016 kam die eigene Bühnensparte Tanzkomplizen hinzu. Berliner Choreograf*innen erarbeiten hier Stücke für junges Publikum. Entstanden ist ein beeindruckendes Repertoire, darunter auch die  Krump-Produktion „A Human Race“ des Franzosen Grichka Caruge. „Das Experiment“ von The Farm, einer Truppe aus dem Umkreis von Sasha Waltz & Guests, wird in den Eröffnungswochen am Jungen Tanzhaus ebenso zu sehen sein wie das preisgekrönte „Oz – Der Zauber in uns“ von Joy Alpuerto Ritter, einer der vielseitigsten Tänzer-Choreografinnen aus Berlins Freier Szene. Nun haben diese Stücke endlich einen eigenen Ort und keinen Gaststatus mehr wie am Podewil, wo die Tanzkomplizen bislang untergekommen waren. Das Junge Tanzhaus ist schon jetzt ein Vorbild für die weitere kulturpolitische Entwicklung Berlins, die den Mut und Ideenreichtum von Künstler*innen nutzen kann, um zeitgemäße, zukunftsfähige Institutionen zu schaffen.


Eröffnung JTB, Intervention Locking
©Helia Jafarzadeh


Welch weitreichende Expertise Livia Patrizi und ihr Team in den 20 Jahren auch im Bereich machtkritische Bildung erworben und bewirtschaftet haben, zeigt im Eröffnungsprogramm „Mein Tanz“. Die Kreativität junger Choreograf*innen trifft hier auf die Professionalität des technischen Apparats und der Unterstützungsstrukturen von TanzZeit. Hannah Seilern-Moy, Sophie Seilern-Moy, Marcel Nicolaus und Emre Can Pinarcik haben für Tänzer der Campus Company choreografiert, und ihr unvoreingenommener Blick auf Tanzstile und Bühnenmittel begeistert in teils schon sehr ausgereiften Choreografien zwischen zeitgenössischem und urbanem Tanz. Am Jungen Tanzhaus Berlin, kommuniziert „Mein Tanz“, können junge Talente ihre künstlerischen Visionen umsetzen. Vielversprechend.

Als Angebot an der Schnittstelle von (Aus-)Bildung und Kunst aufgestellt, setzt das Junge Tanzhaus die Beteiligung der eigenen Zielgruppe als selbstverständlich. Am Einlass, in der Gastro und vor der Eröffnung auch im Umbau waren junge Menschen beteiligt. Mittelfristig sollen am Haus Ausbildungsmöglichkeiten geschaffen werden, mit Minijobs und Zeitverträgen sollen aufstrebende Tänzer*innen und Choreograf*innen das Haus mitgestalten und sich teilfinanzieren können. Den intergenerationellen, auf gleichberechtigte Teilhabe zielenden Ansatz verdeutlicht bei der Eröffnung auch der Auftritt der Kultursenatorin. Sarah Wedl-Wilson liefert keine Rede ab, sondern steht der jungen Moderatorin Ceren Bayrak Rede und Antwort. Kritische Fragen zur Kulturförderung gibt es nicht, aber höchst charmant ist das Gespräch, weil Wedl-Wilson ehrliche Begeisterung für das Junge Tanzhaus und seine Vorläuferprojekte TanzZeit und Tanzkomplizen vermittelt.

Zum Abschluss zeigt „A Human Race“, das etwa zum Festival des Theaters für junges Publikum „Augenblick mal!“ eingeladene Tanzkomplizen-Stück aus dem Jahr 2021, wie gut urbaner Tanz mit Orchester-Avantgarde zusammengeht: Präzise auf die Partitur choreografiert hat Grichka Caruge, und die Ausdrucksmittel des Krump bringen als tänzerisches Ringen um existenzielle Fragen das symphonische Werk noch einmal auf andere Weise nahe. Vor wenigen Jahren war eine anspruchsvolle urbane Produktion auf der großen Bühne, mit einem Schwarzen Ensemble, noch ungewöhnlich. Doch längst gehören Urban Dance-Styles zu den Techniken, die junge Tanzprofis beherrschen. Wie sich der Tanz weiterentwickelt, zeigt „A Human Race“ eindrucksvoll.

Man kann dem Jungen Tanzhaus nur wünschen, dass Berlins Kulturpolitik diesen gewünschten Leuchtturm finanziell voll ausstattet. Damit dort auch in Zukunft im ganzen Gebäude getanzt werden kann.


Die Eröffnung des Jungen Tanzhauses Berlin fand am 22. November 2025 statt – gefolgt von einer Eröffnungswoche, die bis zum 30. November andauert.