A rounded back, an outstretched arm, people moving. They are wearing subdued colors, their eyes are closed. The audience is in the background..
Listening To Your Listening, Pol Pi/Tanzwissenschaftsstudierende ©Veronika Schubert

Hörübungen

Am 11.02.2026 teilten Studierende der Tanz- und Musikwissenschaft in der Akademie der Künste Ergebnisse ihrer gemeinsamen Recherche mit dem Künstler Pol Pi zur Idee des Zuhörens als bewusstem Akt der Verbindung.

Sportschuhe quietschen auf dem Boden einer Turnhalle, in den Eingeweiden rumpelt es, scheppernd fällt ein Schlagzeug in sich zusammen, ein schlechtes Orchester musiziert, es piepst im Ohr. Bei gedämpftem Licht sitzt das Publikum in einem Hufeisen um eine noch leere Bühne und lauscht unterschiedlichen Stimmen, die durch Lautsprecher an die Ohren dringen. Was sie beschreiben, scheinen Einträge in eine Art Hörtagebuch zu sein. Es beginnt Ende Oktober 2025 und endet heute, am 11. Februar 2026, hier in diesem Raum, in dem nach und nach die Studierenden des Forschungsprojekts „Listening To Your Listening“ (Dein Hören hören) erscheinen.

Der Abend über das Hören im Tanz ist als eine Präsentation, aber auch als eine geteilte Praxis, als öffentliches Experiment, als Modus des gemeinsamen Wahrnehmens und Nachdenkens konzipiert. Gemeinsam mit dem Tanzkünstler Pol Pi, der im Wintersemester 2025/26 die Valeska-Gert-Gastprofessur innehat, haben sich die Studierenden in den vergangenen Monaten im Hinhören – nach innen und nach außen – geübt. Darin, sich von Klang berühren zu lassen, über Klang mit der Welt, sich selbst und anderen in Verbindung zu sein und diese Erfahrung wiederum in Bewegung zu übersetzen, damit zu komponieren und einen gemeinsamen Raum zu schaffen.

Für einen Großteil der vier unterschiedlichen Scores, die im Rahmen des Abends vor Gästen und zum Teil unter ihrer Mitwirkung praktiziert werden, halten die Studierenden ihre Augen geschlossen. Ich sehe also immer wieder Körper mit geschlossenen Augen. Körper mit gespitzten Ohren. Körper, die Klänge in Bewegung versetzen, oder, ja wie soll ich es sagen, die Klänge durch sich hindurch wandern, sich von Klängen bewegen lassen.

Obwohl es nicht das erste Mal ist, dass ich so etwas sehe, obwohl solche Übungen im „Übersetzen“ von Wahrnehmung seit den 1970er Jahren mit Praktiken wie Authentic Movement, Contemplative Dance Practice oder Katsugen Undo immer wieder gemacht werden, finde ich etwas daran auch heute noch und wieder fesselnd. Ist es die Atmosphäre von Intimität, die entsteht? Sind es die Zartheit und Verletzlichkeit, die darin liegen, sich mit geschlossenen Augen hinzugeben, welche, insbesondere im Kontext des öffentlichen Raumes, in dem wir uns befinden, zugleich eine enorme Stärke ausstrahlen? Während das Auge Distanzen erfasst und misst und der Blick dabei nicht nur der Wahrnehmung, sondern auch der Mitteilung dient, weicht das Zuhören die Grenzen scheinbar auf, rückt die Welt näher. Ich frage mich, was das heißen mag – gerade für den Tanz, dessen Praxis und Rezeption so sehr von visuellen Paradigmen, vom Schauen, von Bild und Form geprägt sind. Auch ich habe schließlich heute Abend nicht nur gelauscht. Ich habe – vielleicht sogar in erster Linie – zugeschaut. Und manchmal habe ich mir gewünscht, jemand hätte von dort, von der Bühne in der Mitte des Raums, zurück geblickt.


Mit Listening To Your Listening teilten Pol Pi und Studierende der Tanz- und Musikwissenschaft der FU Berlin ihr Rechercheergebnisse am 11.02.2026 in der Akademie der Künste.