Dancers mid-leap, facing downstage, arms raised, in red-wrapped legs, mesh bodysuits, and pants with a feathered side-seam.
Les Oiseaux, Lenio Kaklea @Albert Vidal (Vèrtex Comunicació)

Himmelsbühne

Les Oiseaux von Lenio Kaklea war am 21. bis 23. August 2026 im Rahmen von Tanz im August im HAU2 zu sehen. Es ist ein Tanz komplexer Körper, die Choreografie systemisch navigieren: sich überlagernde Netzwerke, die Koexistenz austesten.

Vögel waren schon immer Inspiration für den Tanz, in Ballettinszenierungen wie Schwanensee oder Der Feuervogel ebenso wie im philippinischen tikling-Vogeltanz und anderen Kulturtraditionen. Die nicht-menschliche Fähigkeit des Vogels, sich fliegend durch den Raum zu bewegen, Botschaften zwischen Himmel und Erde zu vermitteln und über Ruf und Antwort miteinander zu verbinden, motiviert den Menschen seit langer Zeit zu Bewegungen, zu Tänzen des Widerstands, zur Kontaktaufnahme mit den Göttlichen oder zur romantischen Erzählung.

Lenio Kakleas Les Oiseaux (2025)ist mehr als sich vogelsgleich bewegende Tanzende. Die Choreografie will die Vogelperspektive vermitteln. Das Stück beginnt mit einem Sonnenaufgang, das Licht bricht durch eine Rothko-ähnliche Kulisse in warmen Farben, die permanent, jedoch fast unmerklich ins Himmelblau gleiten. Im wahren Leben ist der Himmel immer oben, ein endloser, sich vor uns ausbreitender Horizont. Bei Kaklea konfrontiert er uns als vertikale Ebene, zwingt uns, das Publikum, zur visuellen Neuorientierung. Wir verschieben unsere Wahrnehmung, erheben uns vielleicht selbst hoch über das Land, dringen ein in eine andere Atmosphäre, so wie ein Vogel den Himmelsraum fliegend quert. 

Aus der als Silhouette erscheinenden einsamen Gestalt Raoul Rivas wird ein Illuminierter, der sich durch von seinen Schultergelenken ausgehende filigrane Bewegungen räkelt. Sein Schulterblatt gleitet quasi flügelartig über den Brustkorb, er nickt mit dem Kopf, die Augen weit aufgerissen nach vorne ins Leere starrend. Faszinierend seine Reaktion, die sich in Sequenzen aus Formen und Qualitäten überträgt, die an Reptilien und die Aufhebung der Schwerkraft erinnern. Ich assoziiere die Tiere aus der Zeit des Jura, deren direkte Nachkommen die Vögel der heutigen Zeit sind: Theropoden, Dinosaurier. Riva performt mit flüchtigen Akzenten, als würde er seine unsichtbaren Federn plustern. Tatsächlich hängen ein paar echte Federn an seinem Nacken.

Nun treten die übrigen Mitwirkenden des aus sieben Personen bestehenden Ensembles zu Riva auf die Bühne. Aus verschiedenen Ecken strömen sie auf ihn zu, alle geschmückt mit verschiedenfarbigen, sehr bunten, minimalistischen Feder-Arrangements. In ihrem Zusammenspiel vereinen sich rasche, reaktionsschnelle, individuelle Bewegungen zum gemeinsamen Vokabular und einer geteilten Zeitlichkeit, zur formalen Grammatik aus Motiven, die an Modern Dance erinnern: Triolen, Seitbeugung, Sprünge, Drehungen.

Die Tanzenden performen in Harmonie, wobei sich ihr Spiel allmählich verändert: Die große  Gruppe löst sich auf in kleinere Gruppen; bewegte Passagen durchdringen einander wie Zugmöwen oder Fischschwärme. Die Geister der minimalistischen Muster, die Lucinda Childs inszenierte, erheben sich, tauchen und gleiten durch die vor uns liegende Himmelsbühne.

Etwas Majestätisches, Feierliches ist an diesen bunten Bändern, die umeinander wehen und wedeln.  Die Tanzenden spüren zweifellos den Adrenalinschub, den sie selbst erzeugen. Ein menschliches Lächeln erhellt ihre Gesichter,  ein Mix aus purer Freude und der Herausforderung, die Synchronität ihrer Schritte zu wahren. Und doch lassen diese Phasen, die unseren Blick auf das Gesamtbild erweitern, das Unheimliche verblassen, das Rivas Verkörperung evozierte. Diese präternatürliche Bewegung ist, wenngleich keine exakte Imitation eines Vogels, vielleicht doch ein Erlernen seines Seins. Jedenfalls generiert sie seltsame, massiv faszinierende Körper.

Mir gefällt die Drone gegen Ende der Performance. Auch sie offeriert uns die Vogelperspektive, eine andere dieses Mal. Jedoch verstehe ich nicht, warum wir einen der Vogeltänzer sehen, der sie mit einer Fernbedienung steuert. Die Vögel vor meinem Fenster müssen sich täglich mit Robotervögeln – Dronen – auseinandersetzen. Wir schicken immer mehr von ihnen in den Himmel, wo sie neben den Flugzeugen über ihnen kreuzen, ihren Gesang stören, auf ihren Migrationsrouten lauern und ihnen den Frieden nehmen.