In ihrem zarten Duett Whistle bringen der Choreograf Miguel Witzke Pereira und die Tänzerin Dasha Belous Praktiken des einfühlsamen körperlichen Zuhörens auf die Bühne. Ihr Stück war am 23. und 25. April 2026 im Ballhaus Ost zu sehen.
In Schleifen segelnde Klangringe, inspiriert von subjektiver Tinnitus-Erfahrung, kreisen wie wilde, unsichtbare Adler im Theater. Miguel Witzke Pereiras Kopf hebt sich und schwebt, die Wirbelsäule schlängelt sich in wehenden Moves. Witzke Pereira bewegt sich quasi erfahrend auf zischendes Pfeifen reagierend, ohne dass dies ein Versuch wäre, Wahrnehmung zu spielen. Dasha Belous steht im Hintergrund, mit gesenktem Kopf. Sie teilt das karge und zugleich dichte Ambiente. Rasend-rauschende, klingelnde Teilchen dringen ein, verändern und verbinden uns, sind aufwühlend und beruhigend zugleich.
Sie bewegen sich unisono, jedoch separat, sie werden getrieben im anschwellenden Raum, ohne einen Anschein gegenseitiger Wahrnehmung. Der Klang überwältigt in Loops, die Sehkraft der Performenden tritt als primärer Sinn in den Hintergrund, während sich die Aufmerksamkeit dem tiefsten Inneren zuwendet und sich dabei in geschmeidiger Regung, geleitet vom inneren körperlichen Kompass, nach außen ausdehnt. Spiralförmige Wellen bilden sich. Brustbeine – der Herzraum – strömen wogend, und ich spüre, wie mein eigener Brustkorb empathisch darauf reagiert.
Diese kraftvoll verletzlichen Körper zu beobachten, wie sie sich ohne erzwungene Affekte durch rohe, geschmeidige Präsenzstadien bewegen, erinnert emotional an frühe Schlafphasen. Wir treiben, werden neu belebt, indem wir tief und schnell eintauchen: Intensität, Aufbau, Untergang. Während sich diese Reize wiederholen, drängt ein fröhliches Wiegenlied in den Vordergrund. Aus Vibration und Bewegung webt es eine sichere Wiege, in der wir Ruhe finden.

©MayraWallraff
Hände zeichnen zart Muster vor Köpfen und Oberkörpern. Ich sehe die x- und y-Achse eines Kruzifixes und lese die Silhouette als abstrakte Manifestationen von Körpern im Prozess: Sie erzeugen wolkenförmige Bilder, in denen sich differente, repetitiv auftauchende und verblassende Erinnerungen und Erzählungen entdecken lassen.
Die Tanzenden reagieren physisch, sie fallen, sie strecken sich, immer und immer wieder: mit gespreizten Knien auf dem Boden, mit weit geöffneter Brust. In ihren Kostümen – Nieten-Shirts und Jeans – erkenne ich die visuelle Sprache der 1990er Jahre: Rockstars, Grease Lightning, Raves. In mir entstehend flüchtige Visionen, die mir die Denkfiguren, Bilder und Erinnerungen projizieren, die dieses Werk gleichsam unbeabsichtigt produziert.
Im Lacan‘schen Sinne bieten die Performenden jenen, die es nicht wollen, das an, was sie nicht haben. Dabei meint „nicht wollen“: Ich liebe es. Ich hänge nicht an dem, was meine Aufmerksamkeit – provoziert durch ihren Tanz – evoziert. Ich lasse Gefühle und Formationen ziehen, gebe mich der mich umhüllenden Szene hin, verweile in ihrem Prozess, während die Veränderung uns alle erfasst. Unaufdringlich und großzügig hüllt mich die Versunkenheit in ihre sinnlichen Körper ein, die – weil gesättigt – ihre wichtigsten Wahrnehmungsweisen verloren und für den Moment von ihnen frei sind.
Pereira und Belous performen Variationen des Gegengewichts, halten sich an den Armen des/der anderen fest und fallen zurück in den kreisenden Raum. Ich denke an Trisha Browns Leaning Duets I (1970) und Slomo, den ikonischen Inlineskater, der auf einem Bein über San Diegos Pacific Beach gleitet. Sie sind füreinander geerdete Gegenpole: sanfte Anker für miteinander verbundene Freigabe.
Ihr Tanz ist anmutig und wild. Er öffnet eine Vielzahl von Arrangements und Dynamiken: planetarische Bewegungen, Schallwellen, Fremde und Gefährten auf der Tanzfläche, Kanäle für disparate Erinnerungen. Ich freue mich über ein Werk, das mich mitfühlen lässt, das mir durch das besondere Geschenk der Live-Performance im Theater die Gelegenheit bietet, in dieser temporären, kollektiven, suspendierten Zusammenkunft Zeugin des Werdens zu werden und teilzuhaben.
Übersetzung aus dem Deutschen von Lilian Astrid Geese
WHISTLE von Miguel Witzke Pereira wurde am 23. und 25. April 2026 im Ballhaus Ost präsentiert.