bottom up productions, ein Projekt von Julek Kreutzer und Felipe Fizkal, enthierarchisiert den zeitgenössischen Tanz. Für die Vorstellungen der Tanztage Berlin am 14. und 15. Januar 2026 in den Sophiensælen inszenierten Isabela Fernandes Santana (Choreografie) und Mariagiulia Serantoni (Tanz) O Que Resta do Fogo in einer Koproduktion mit BUP.
Verkörpertes Wissen ist die Perspektive, die in der multiplen Autor*innenschaft der bottom up-Auftragsarbeit für die Tanztage, sichtbar wird. Tanzende laden sich gegenseitig ein, Stücke zu schreiben, sie offerieren sich selbst als Interpret*in und verdeutlichen so, dass sich Initiative, Verantwortung und Fantasie in allen Körpern und Rollen manifestieren, und dass sie zirkulieren. Sie leben die Dynamik von Intention und Interesse im Tanzschaffen. Gemeinsame Zuständigkeit und Entscheidungsfindung, verteilte Arbeit, kollektive Relevanz. Kreation und Entwicklung des Tanzprojekts in einem Gemeinschaftsprozess.
O Que Resta do Fogo wird inspiriert der Herstellung von Holzkohle. Tanzende Körper bewegen sich durch eine konsequent imaginäre Praxis der Verkohlung, in der Feststoffe, Flüssigkeiten und Gase transformiert werden. Spannungsbrüche und Risse entstehen, Druck entweicht und breitet sich aus. Die Landschaft öffnet sich in einen wogenden, changierenden Raum der Erinnerung, geformt von Druck, Hitze und Zeit.
Im folgenden Gespräch reflektieren Alice Heyward, Felipe Fizkal, Julek Kreutzer und Isabela Fernandes Santana die Bedingungen, Ethik und Praxis, auf denen ihre Arbeit gründet.
A: Mit eurer zweiten bottom-up-Premiere O Que Resta do Fogo hinterfragt ihr ein weiteres Mal die Konventionen der Produktion im freien zeitgenössischen Tanz. Wie kam es dazu?
F: Unser Motto lautet „caring and sharing“ – füreinander da sein und teilen. Wir sind Freelancer, und wir haben alle viel zu viel zu tun. In Lateinamerika realisieren wir unsere kreativen Arbeiten daher oft im Kollektiv: Unter prekären Bedingungen tragen wir die Verantwortung gemeinsam. Julek und ich fragten uns daher, wie wir Choreograf*innen Zeit und Raum zur Verfügung stellen können, damit sie ihre Projekte realisieren. In der Regel ist es ja umgekehrt: Wir, die Tänzerinnen und Tänzer, werden gecastet. Wir genießen ein Privileg, das allerdings nicht zuletzt von Zugang, Sichtbarkeit, Nationalität, Geschlecht und Klasse abhängt.
J: Uns wurde klar, dass wir gemeinsam über viele Talente und Ressourcen verfügen, wenn wir diese bündeln. Wir begannen, Produzieren horizontal zu denken. Vielleicht kenne ich mich mit der Bürokratie in Deutschland aus, jemand anderes leitet das Warm-up, der/die Dritte hat Zugang zu einem Studio. Wir sollten nicht automatisch davon ausgehen, dass die Initiator*innen eines Projekts Alles managen. Das lässt sich doch viel besser gemeinschaftlich organisieren.
A: Selbst wenn ein*e Choreograf*in unabhängige Unterstützung erhält, ist es anstrengend, sich um Alles allein zu kümmern. Nur ein Name in der Werbung für ein Stück nützt niemandem.
J: Auch da, wo nur ein Name auf dem Plakat steht, entwickeln wir das Projekt zusammen. Unser Argument ist dabei nicht, dass die Tanzenden keine Handlungsmacht haben. Wir klagen nicht an, wir kritisieren niemanden. Wir wollen vielmehr, dass das Potenzial der Gruppe anerkannt und die damit verbundene Dynamik realisiert wird.
F: Wir kuratieren einander intersektional. Hinter unseren Arbeiten steht ein ganzes Netzwerk. Wenn wir alle Ebenen der Produktion teilen und sichtbar machen, verändern wir auch unser Verhalten. Wir müssen uns dabei allerdings genau beobachten, um nicht in vertikale Strukturen zurück zu fallen.
A: Klingt nach Empathie. Im traditionellen Kontext probt der/die Choreograf*in den ganzen Tag und verbringt anschließend noch Stunden mit eMails und Budgets, soll aber permanent kreativ sein.
F: Wir fragen uns, wie Tanzende proaktiver sein können, um die Annahme, dass der/die Choreograf*in für alles zuständig ist, zu überwinden. Ich muss mich für die Praxis einer Person interessieren, dann kann ich auch die notwendigen Bedingungen schaffen. Wir haben ein anderes Modell der Koproduktion. Unsere Zusammenarbeit basiert auf geteilter Verantwortung.
A: Ihr habt nur zwei Wochen als Gruppe im Studio verbracht, doch die Disziplin der Proben ist in O Que Resta do Fogos pürbar.
I: Seit ich in Europa bin, habe ich hauptsächlich getanzt. Ich möchte jedoch auch meine Choreografiearbeit weiter entwickeln. Daher habe ich mein praktisches Wissen sehr gern für die gemeinsame bottom up-Produktion geteilt. Eine Woche lang schrieb ich allein einen Text und konzipierte die Performance. Sie umfasst fünf Szenen, Bilder und Landschaften, die unsere Praxis bereichern. Ich beschreibe einen szenischen Raum, in dem Holzkohlebrenner auf einer Lichtung im Wald ihre Arbeit leisten. Sie wechseln zwischen Ruhe und Routine und durchleben mit organischen, mechanischen, taktilen und dezenten Gesten eine Metamorphose. Die Arbeiter im Wald sind ambivalent angelegt. Sie stehen für die Geheimnisse, die Legenden und das Ahnenwissen der Wälder und ihres Gewerks, verkörpern jedoch gleichzeitig die gigantische Kraft, mit der genau diese Wälder zerstört werden. Ich teilte den Text dann mit den anderen, und in den Wochen darauf arbeiteten wir mit den Tänzer*innen und weiteren, von mir eingeladenen Künstler*innen: Michelangelo Contini (Musik), Eduardo Abdala(Lichtdesign) und Suelem Cristina(Kostümberatung). Aus dem Text wurde der Stoff, der auf der Bühne verkörpert werden sollte, gedacht eher als Reise durch Verdichtungen denn als Narrativ. Festivaldramaturgin Polina Fenko wurde ebenfalls Teil unseres Studio-Kollektivs. Wir organisierten unsere Arbeit, jederzeit, in jeder Phase, an jedem Tag. Wir hatten Vertrauen in den Prozess. Wir mussten.
F: Die Herstellung von Holzkohle dauert Stunden und Tage. Wir spürten die Verbindung und Präsenz in unserem kreativen Prozess, den wir gemeinsam Tag für Tag neu entdeckten.
A: Der Rauch hinterließ einen starken Eindruck. Er wirkte konzeptionell, drang in den Stoff, verharrte im Raum, bewegte sich zwischen uns. Er wirkte heilend und destruktiv gleichermaßen, war Träger von Erinnerung und Zeit.
I: Die Tanzenden lassen sich auf das Sichtbare und das Unsichtbare ein und geben dem Publikum Raum für die eigene Vorstellungskraft. Verkörperung verweist auf das materiell und politisch Relevante. Für mich ist Materie jedoch nicht nur physische Substanz, sondern Energie, Fluss und Vibration. Mich interessiert überdies das uns wichtige Materielle: Fragen, Erinnerungen, Affekte und Gesten, die im kreativen Prozess Bedeutung erlangen.
J: Wir denken abgenutzte Begriffe neu: Prozess, Premiere, Produktion. Wir wollen sie neu definieren. Performen ist für mich ein spiritueller Akt, eine körperliche Kommunikation, die über Worte hinaus geht. Performen ist für mich kontinuierliches Lernen.
F: Wir experimentieren. Immer noch. Wir lernen, wie wir durch unser Wirken Menschen in die Zukunft transportieren und Dinge erkunden können.
Übersetzung aus dem Englischen: Lilian Astrid Geese