Iacopo Loliva sitzt auf dem Boden, bekleidet nur mit einem schwarzen Suspensorium, das mit weißer, klebriger Flüssigkeit bedeckt ist. In der rechten Hand hält they einen durchsichtigen Silikondildo.
Between Heart and Hole, Iacopo Loliva ©Annelies Verhelst

Fülle meine Löcher

Between Heart and Hole, entworfen und performt von Iacopo Loliva, feierte vom 2. bis 4. April 2026 im Hošek Contemporary Deutschlandpremiere. Es ist eine Produktion über enttäuschte Liebe und die verlässliche Lust, die der Anus bietet.  

In meinem queeren Berliner Freundeskreis herrscht Konsens: Berlin ist die Müllkippe des Datings. Bin ich also Trash? Trash auf der Suche nach gelegentlichem, entspanntem Spaß, weil ich weiß, dass hier nichts Tiefgehendes zu finden ist? 

In der Eröffnungsszene von Iacopo Lolivas Between Heart and Hole nehme ich rechts auf der Bühne eine obskure, wenngleich prominente Präsenz wahr. Im blauen, gedämpften Licht kann ich jedoch nicht genau erkennen, was sich dort befindet: Irgendetwas Rechteckiges jedenfalls, mit blauer Oberfläche, die von Zeit zu Zeit hell aufschimmert. Loliva tanzt und blickt immer wieder auf das geheimnisvolle Objekt, nähert sich ihm, als wirke ein Sog, als warte es nur auf Berührung… Nun erinnere ich mich, dass die Programmnotiz mehrfach Pornografie erwähnt, und denke, es könnte sich um einen Bildschirm handeln.

Es wird heller auf der Bühne, und ich sehe, dass das Rechteck die Öffnung eines auf der Seite liegenden Müllschluckers ist. Loliva richtet den Behälter auf und durchwühlt ihn ungeduldig. Unerwünschtes wird zur Seite geschleudert: Toilettenpapierrollen, Milchkartons, ein Teddybär, ein paar Blumen und anderes mehr. Dann findet they einen milchig-weißen Dildo. Triumphierend lächelnd hebt Loliva die Trophäe in die Luft, um sie dann auf den Boden zu schmettern. Das Licht erlöscht, um dann erneut vielfarbig aufzuscheinen, während eine Frauenstimme im Gesang sakraler Choräle im Saal ertönt.

Danach inszeniert Loliva mit übertriebenem Habitus Analsex mit dem Dildo. Nur mit einem schwarzen Suspensorium bekleidet hockt they sich nieder, der Anus über dem Dildo hängend.  They zieht den Mund auseinander, mit beiden Händen, als sei er ein Loch, das sich weiten muss, um den Silikonpenis in sich aufzunehmen. Zunächst scheint das Ganze zu scheitern. Loliva spuckt auf den Dildo. Dann drückt they Gleitmittel überall hin: auf den künstlichen Penis, um ihn herum, in den eigenen Mund. Auf dem großen Bildschirm an der hinteren Wand sehen wir Innenansichten von Anus und Rektum, vermutlich als Verweis auf die erfolgreiche Penetration. Loliva schüttet Milch über Körper und Dildo. Nun sieht es aus, als seien sie bedeckt von Ejakulat.

Wenngleich Loliva erklärt, der Anus sei wichtiger als das Herz, scheint they doch eine Sehnsucht nach mehr zu verspüren. Der Gedanke drängt sich mir jedenfalls auf, als ich mir die vorab aufgezeichnete Geschichte anhöre. Der Anus war immer da, und nur mit ihm ist eine strikt monogame Beziehung möglich. Das Herz, so Loliva, sei „süß“, aber wenig lebendig. Zu oft wurde es belogen. „Mein Herz und mein Anus bluten.“ Sollte they sich zwischen Herz und Anus positionieren? Das fragt sich Loliva. Falls es einen solchen Ort überhaupt gibt.

Ich betrachte das Schlussbild, Loliva liegend neben dem Mülleimer, der Kopf in der Öffnung, und denke an den oberflächlichen Sexy-Glamour von Berlin, wo Vergnügen so leicht zu finden ist.  Es fühlt sich an wie das Leben in einem Porno, wo du jederzeit und schnell zwischen verschiedenen Genres hin- und herschalten kannst. Doch wenn du Liebe suchst, erweist sich Berlin als Mülleimer, als trauriges Loch, in dem du in Einsamkeit und Resignation versinkst. In der Programmnotiz schreibt Loliva, dass das Stück Einladung sei, „nicht nur Pornografie zu hinterfragen, sondern auch zu reflektieren, wie wir lieben und uns schützen“. Und ich frage mich, ob die bewusste Entscheidung für sinnliches Begehren unseren Herzen tatsächlich Schutz bieten kann?

Übersetzung aus dem Deutschen von Lilian Astrid Geese


Between Heart and Hole von Iacopo Loliva feierte vom 2. bis 4. April 2026 im Hošek Contemporary Deutschlandpremiere.