Nurejew, eine Choreografie von Yuri Possokhov, inszeniert für das Staatsballett Berlin von Kirill Serebrennikov mit Musik von Ilya Demutsky, feierte am 21. März 2026 in der Deutschen Oper Berlin Deutschlandpremiere.
Rudolf Nurejew war, wie wir wissen, ein Workaholic. 1938 als Sohn einer muslimischen Tartarenfamilie im Zug nach Sibirien geboren, begann er seine Ballettausbildung relativ spät mit 17 Jahren, wurde jedoch recht schnell bekannt und setzte sich als 23Jähriger bei einer Tournee in Paris ab. Er blieb zeitlebens im Exil; in die Sowjetunion kehrte er nie zurück. Er arbeitete unerlässlich, bis zu seinem AIDS-Tod 1993. Auf der Website der Rudolf Nurejew Stiftung ist nachzulesen, wie entschlossen er immer weiter machte, obwohl sich sein Gesundheitszustand zusehends verschlechterte: „Tanzen ist mir das wichtigste“, wird er zitiert. „Und bevor es aus meinem Körper verschwindet, werde ich bis zum letzten Moment, bis zum letzten Tropfen tanzen. Initiiert zur Förderung von Balletttanzenden und zur Wahrung von Nurejews Vermächtnis finanziert sich die Stiftung aus seinem Erbe. Nurejew war als reichster Mann der Tanzszene bekannt. Für wen wollte er die Erinnerung an sich wahren?
Yuri Possokhovs und Kirill Serebrennikovs temporeiche Hommage an das Leben des Balletttänzers spiegelt Nurejews unermüdliches Engagement für dieses Kunstgenre. Das Stück entfaltet sich über zwei Stunden und zwanzig Minuten mit einer Pause in rasch aufeinanderfolgenden Episoden. Im Zentrum des atemlosen Vorwärtsdrängens findet sich David Soares in der Rolle Nurejews fast durchgehend auf der Bühne, immer wieder mit maximaler Energie tanzend.
Nurejews Leben zieht in chronologischen Sequenzen an uns vorbei, hier und da ergänzt um kleine Audio-Szenen einer Auktion, bei der sein Besitz zu hohen Post-Mortem-Preisen verkauft wird. Der Fokus ist primär extern, nach außen gerichtet. Dabei reflektiert jede Szene auf der Zeitschiene ein anderes Moment seines Lebens. Auf das Studium an der Ballettakademie folgen der Ausbruch aus der Kompagnie sowie die ersten Erfahrungen im Pariser Exil und erste Phasen des Ruhms.
Das Stück erlaubt uns einen der seltenen Blicke in Nurejews Innenleben durch einen Brief seines Schülers Charles Jude. Dieser schreibt, dass sich Nurejew zwar für die Freiheit entschied, doch die Sehnsucht nach der Heimat blieb sein ständiger Begleiter. Wir erleben einen anderen intimen Moment als der große Künstler jüngere Mitglieder der Compagnie anbrüllt: „Glaubt ihr, die Leute zahlen so viel Geld, um euch zu sehen? Sie wollen mich sehen, nicht euch! […] Soll ich mich zurückziehen? Ich werde weitertanzen. Viel länger noch. Raus! Verschwindet!“ Die Angst, vergessen zu werden, trieb ihn ans Limit. Doch von wem wollte er gesehen werden? Von seiner Familie? Von der Heimat, die er verlassen hatte? Oder einfach von maximal vielen Menschen, als müsse er sich selbst bestätigen, dass seine Entscheidung, Russland den Rücken zu kehren, die richtige war.
Vielleicht floh er auch vor Tristesse und Alleinsein? Wenngleich ich mich schwertat, in dieser Inszenierung Anknüpfungspunkte zum Ballett zu finden, kann ich das Gefühl von Abgeschnittensein nachvollziehen. Auch ich musste in jungem Alter die Heimat und meine Familie verlassen. Ich suchte die Freiheit und wollte arbeiten, ohne jede Pause, ohne jede Rast. In seiner 1962 erschienen Autobiografie Nurejew: Eine Autobiographie mit Bildern beschreibt der begnadete Tänzer seine heimliche Ausreise als Beginn „totaler Einsamkeit“, als Weg in eine neue Freiheit, die er gleichwohl gnadenlos düster empfand. Und doch, so bekäftigt er, „war dies die einzig mögliche Wahl.“
Mir macht Angst, dass im heutigen Russland Nurejew immer noch kriminalisiert würde und gezwungen wäre, noch einmal genauso zu entscheiden, wie damals: die Heimat verlassen, den Weg in die Freiheit suchen. Nurejew feierte 2017 am Bolschoi-Theater in Moskau Premiere. Das Stück fand sich das ganze Jahr 2017 noch im Spielplan, wurde dann jedoch infolge der russischen Gesetze gegen die „Werbung für LGBT“ abgesetzt. „Ein Vogel muss fliegen,“ erklärt Nurejew in seiner Autobiografie die Entscheidung, Russland zu verlassen. Ich denke, er würde heute ebenso handeln. Wieder ginge er fort, wieder machte sich auf den Weg in die Freiheit.
Übersetzung aus dem Englischen von Lilian Astrid Geese
Nureyew, chorografiert von Yuri Possokhov, inszeniert von Kirill Serebrennikov und komponiert von Ilya Demutsky feierte am 21. März 2026 an der Deutschen Oper seine deutsche Premiere. Weitere Aufführungen finden im April 2026 und im Frühjahr 2027 statt.