Gut gemacht! von und mit Antonia Baehr, Jule Flierl, Hermann Heisig und Claire Vivianne Sobottke ist eine Urteilskomödie, inszeniert als Prozess. Der komplexe Witz über die Entstehung und Bewertung von Kunst einst und jetzt war am 5. und 6. Februar 2026 im HAU2 zu sehen.
Das Publikum sitzt an drei Seiten eines riesigen, neongrünen Billardtischs. Auf den Monitoren gegenüber den Sitzbänken laufen englische Untertitel für die (fast) durchgehend deutschsprachige Vorstellung. Irgendwann bittet Antonia Baehr die Technik, die Untertitelung zu stoppen, um eine kurze Rezension von Claire Vivianne Sobottkes Produktion vorzutragen. Sobottke beginnt eine gefühlt endlose, ultraschnelle Tirade, abrupt mal ins Deutsche, mal ins Englische wechselnd. Sie liefert ein atemraubendes Spektakel, Virtuosität pur, wenn sie immer wieder auf die Knie fällt, hochspringt, immer schneller wird, zusammensackt, viel zu viel erklärt und ihre Performance mit ihren eigenen, zahllosen, durchlebten Erfahrungen und wilden Exzessen rechtfertigt.
Diese Szene ist eine von vielen, in denen die Performenden in und mit dem Gerichtssaal ihr Spiel treiben: Hier wird der Kunst und den Künstler*innen der Prozess gemacht, Kritik exponiert als Performance, das Urteil als Gegenstand genauer Prüfung, und all das ein Witz. Komponiert von den vier Performenden selbst, wird in dieser Inszenierung heiter und nuanciert hinterfragt, wie wir aus unserer gegenwärtigen Position heraus Kunst sehen. Getragen von absurdem Humor thematisiert das Stück sehr ernsthaft die Frage des Urteils in der Kritik.
Das die Show strukturierende „Gerichtsverfahren“ ist inspiriert von Robert Fillous Äquivalenzprinzip, das gern mit Fluxus assoziiert wird und uns lehrt, dass alles den gleichen Wert hat, gleichgültig ob es gut gemacht, schlecht gemacht oder gar nicht gemacht ist. Mit einem Augenzwinkern durchkämmen wir die Paradigmen der Regeln der Kunst. Handwerkliche Fertigkeit, Virtuosität und konzeptionelle Gesten fließen ineinander. Die Zeit überlagert sich selbst, während historische Referenz, persönliche Biografie und die Performance der Gegenwart aufeinanderprallen. In einer Szene steht Heisig vor Gericht und reinszeniert Gabriele Stötzers Veitstanz/Feixtanz, eine Performance im öffentlichen Raum der DDR-Stadt Erfurt vor der deutschen Vereinigung. Gewähren Heisigs ostdeutsche Wurzeln ihm den berechtigten Anspruch auf die Verkörperung des historischen Kampfes in diesem Werk, will das Gericht wissen. In seiner Antwort anerkennt Heisig dieses relative Privileg, seine Ausbildung im Ausland und die Distanz zu den materiellen Bedingungen, unter denen das Werk entstand. Seine Antwort kompliziert die oft allzu schlichte identitätspolitische Logik in der Kunst- und Kulturszene. Was ist denn die wahre Verantwortung gegenüber dem kulturellen Vermächtnis? Wie praktizieren wir Identität im Lauf der Zeit und im Wandel? Was bedeutet Aneignung, wenn sich Geschichte doch nie fein säuberlich differenziert in unseren Körpern verortet?
Kunst und Politik, auf ewig miteinander verwoben, nehmen sich heute gegenseitig die Luft. Die konservative Sparpolitik verwirft Kunst als nutzlosen Luxus, während sich als liberal und links Gebende gern diktieren, was in der Produktion, im Kuratieren und im Diskurs von Kunst politisch oder moralisch „korrekt“ ist. Auf beiden Seiten verhärtet sich das Urteil stillschweigend oder explizit zu autoritärer Regulierung. Didaktik und Pädagogik proben den moralischen Rahmen als sei dieser ontologisch fixiert. Die Fähigkeit der Kunst, multiple Erlebnisse, die Erfahrung von Ästhetik und Staunen möglich zu machen, bleibt außen vor.
Gut gemacht! umschifft die Reduziertheit der wiederholten Bekräftigung objektiver Botschaften und lässt auf smarte Weise Raum für Trickserei, Chaos, Widerspruch und Vergnügen durch Ineffizienz und die Produktion von Subjektivität. In dieser Produktion erleben wir die Konfrontation der defensiven Attitüde der Gegenwart mit Präzision, Fantasie und Witz. Die Performenden spielen übertrieben „geniale Dilettanten“, mokieren sich übereinander und über das Publikum, machen sich über die sich wiederholenden Zyklen kultureller Wertsetzung lustig. Und so urteile ich, nun ebenfalls wortwitzelnd, indem ich sage, dass Gut gemacht!, dieses Werk, das so fröhlich und gekonnt die Autorität des Urteil(en)s selbst demontiert, extrem gut gemacht ist.
Übersetzung aus dem Englischen: Lilian Astrid Geese
Gut gemacht! von Antonia Baehr, Jule Flierl, Hermann Heisig und Claire Vivianne Sobottke wurde am 5. und 6. Februar 2026 im HAU2 gezeigt.