Figures in Extinction [1.0], NDT ©Rahi Rezvani

Ein eindrückliches Plädoyer für Klimagerechtigkeit in der Deutschen Oper

Mit dem Dreiteiler Figures in Extinction feiert das Nederlands Dans Theater & Complicité die Deutschlandpremiere am 4. Juli 2025 in der Deutschen Oper Berlin. Das ergreifende Stück über Klimawandel, Empathie und Tod war bis zum 6. Juli zu sehen.

Ein fast nackter Tänzer mit zwei riesigen Hörnern anstelle von Armen. Langsame, grazile, aber starke Bewegungen im vollen Spotlight. Ich beobachte die einzelnen Muskeln, die für sich über den mittleren Teil der Bühne tanzen, ebenso wie der ganze Körper mit den Hörnern. Pyrenäensteinbock.

Ein Schwarm, mit schnellen Bewegungen und sanftem Flattern. Das Bewegungsmuster wandert von einer Person zur nächsten, einander ansteckend. Aus unisono Choreografien fallen einzelne Gruppen ab. Geschickt bewegen sich die 22 Tänzer*innen zwischen- und durcheinander. Komplexe Gebilde entstehen, die ineinander verwoben sind. Perfekt gespiegelte Bewegungen, die sich wellenartig ausbreiten. Stromwandler, Helheimgletsjer, Gattung der Spinnenorchidee und Handfische, Wandertaube, Aralsee.

Der Klimawandelleugner, eine wundervoll getanzte und lachhafte Figur. Doch ist es Humor oder Ignoranz, die ihm zum Erfolg verhalf? 

Dann nimmt eine Herde die gesamte Bühne ein. Sie halten inne, blicken uns, das Publikum, mich, an. Fordernd.

Mit der Dichotomie Mensch-Natur wird nicht nur in diesem Teil gekonnt gespielt. Wie willkürlich diese Grenze ist, zeigen die präzisen, tierhaften Bewegungen der Tänzer*innen, die ausgestorbene Tiere verkörpern. Das Geschehen baut sich bis zum Ende von 1.0 the list auf, einzelne und kollektive Handlungen überschlagen sich, die Aufzählungen werden schneller und schneller. Kann das Ganze noch aufgehalten werden?

Menschen in Anzügen, starr und aufrecht auf Stühlen sitzend. Mit der Frage „Warum tut sich nichts?“ beginnt 2.0 but then you come to the humans. Konfrontiert mit einer Flut an Informationen, jederzeit über Smartphones zugänglich, wischen sie durch ihre Social Media Kanäle. Ruckartige unisono Bewegungen und Canons, die häufig zu einer Suspension aufbauen, begleiten den Rhythmus der Erzählstimme. Sie berichtet mit den Worten des Wissenschaftlers Iain McGilchrist von den unterschiedlichen Funktionen der linken und rechten Gehirnhälfte. Auf dem neurologischen Wissen aufbauend entsteht ein Plädoyer für Empathie und das Stärken eines Miteinanders.


Figures in Extinction [2.0] ©Rahi Rezvani


Die weniger sukzessive Choreografie in diesem Teil erscheint kollagenähnlich, mit komplexen Strukturen, an ein Gewebe aus Synapsen erinnernd. Dazwischen finden sich Stillbilder, in denen das Geschehen plötzlich innehält. Einzelne Personen bewegen sich weiter, suchen nach Verbindungen zu den anderen, nach Ausbruchsmöglichkeiten. Ein berührendes Duo, einander helfend und aufbauend, mit Drehungen, Hebungen, Suspension, alles in perfekter Form, veranschaulicht die unverzichtbare Empathie.

Im letzten Teil 3.0 requiem hören wir Texte des marxistisch geprägten Künstlers John Berger über Tod, Verbundenheit und schließlich Verwesung. Die Tänzer*innen sind nun in Alltagskleidung, erscheinen nahbarer. Sie teilen Namen von Verwandten, von Vorfahren.

Folgend, ein Krankenbett. Angehörige. Ärzt*innen, die den Tod der Person feststellen. Die Szene ist emotional, dann neutral, wird absurd, als sich eine musicalähnliche Aufmachung mit Jazzhands und -turns in Arztkitteln entwickelt. Dazu hören wir eine Erklärung zu den fünf Verwesungsstadien. Ich schmunzele zu den verschiedenen, etwas unbeholfenen Herangehensweisen, Tod zu thematisieren. Es scheint mir eine adäquate Spiegelung der westlichen Kultur.

Zurück im Alltag finden sich chaotische Interaktionen, Telefonate, ein Protest. „Dehumanisation of society by capitalism“. Der Teil endet mit einer stillen Aufforderung, Tote nicht als Eliminierte zu denken, sondern als Teil eines großen Ganzen. Das Individuum lässt sich auch tot nicht vom Schwarm separieren. Ich frage mich, was die Menschen im Publikum aus dieser gekonnt inszenierten und beeindruckend getanzten Aufarbeitung mitnehmen. Die Dringlichkeit des Themas sollte allen bewusst sein. Wer hier handelt nach (oder bereits vor) dieser Aufführung – und mit welchen Mitteln? Oder verebbt der Tatendrang nach der Begeisterung des nicht aufhörenden Applauses…


Mit Figures in Extinction, einem Project von Crystal Pite und Simon McBurney, feierten das Nederlands Dans Theater & Complicité die Deutschlandpremiere am 4. Juli 2025 in der Deutschen Oper Berlin.